Kaum Klärung über Lärm als Krankmacher: NORAH-Lärmstudie wegen methodisch „dicker Böcke“ wertlos?

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

10. November 2015

Blutdruckstudie harsch kritisiert

In der Blutdruckstudie haben 844 Probanden aus dem Untersuchungsgebiet 21 Tage lang ihren Blutdruck gemessen. Die Messungen wurden nach „intensiven Schulungen“ von den Testpersonen selbst vorgenommen. Dies habe sich zwar mitunter als schwierig erwiesen, berichtet Prof. Dr. Thomas Eikmann vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Universitätsklinikum Gießen, doch habe man auch Hausbesuche und Befragungen zur Qualitätskontrolle unternommen. Zudem spreche die Kontinuität der Messergebnisse für eine korrekte Messung.

Das Ergebnis verblüffte die Wissenschaftler selbst: „Der durchschnittliche systolische Blutdruck ändert sich nicht. Wir sehen zwar geschlechtsspezifische Unterschiede, aber wir sehen keine Abhängigkeit von Lärmbelastung“, so Eikmann. Das erstaunt umso mehr als die Ergebnisse für Herzinsuffizienz und für Herzinfarkte – für die der Blutdruck einer der größten Risikofaktoren ist – durchaus eine Abhängigkeit von Lärm zeigen.

Zudem haben viele, auch internationale Untersuchungen zu ganz anderen Ergebnissen geführt. Doch Eikmann betont: „Die Vergleichbarkeit zu anderen Studien ist nur sehr eingeschränkt gegeben, da wir zum einen einen immensen Aufwand durch Selbstmessung vor Ort betrieben haben. Das ist weltweit in keiner anderen Studie so gemacht worden. Zum anderen haben wir eine individuelle Zuordnung der Lärmexposition vorgenommen, was auch nicht die Regel ist. Von daher haben wir eine viel größere Aussagekraft als alle bisherigen Studien und das ist uns sehr wichtig, denn wir sind uns natürlich über die Brisanz der Ergebnisse im Klaren.“

Dennoch hagelt es auch hier Kritik: Es antworteten bei dieser Teilstudie sogar nur 0,5% der angeschriebenen Probanden. „Eine derart niedrige Response-Rate ist völlig unwissenschaftlich“, meint Greiser.

Hinzu komme, dass das Herzinfarkt-Risiko für alle Teilnehmer nach dem PROCAM-Score berechnet wurde. „Dieser Score gilt jedoch nur für Männer“, so Greiser. „Und auch der Ausschluss von Probanden mit Bluthochdruck verzerrt die Ergebnisse. Ganz abgesehen davon, dass die Berechnung des Herzinfarkt-Risikos sogar unter 40-Jährige einschloss. Das verwässert die Resultate enorm.“

Der durchschnittliche systolische Blutdruck ändert sich nicht. Wir sehen zwar geschlechtsspezifische Unterschiede, aber wir sehen keine Abhängigkeit von Lärmbelastung. Prof. Dr. Thomas Eikmann

Und dann kursiert da noch das Bild aus dem Abschlussbericht. „Das schlägt allen Kriterien für korrekte Blutdruckmessung ins Gesicht“, so Greiser. Auf dem Foto, auf dem eine Unterweisung eines Patienten für das Blutdruckmessgerät gezeigt wird, ist die Manschette über dem Pulli und direkt über der Ellenbeuge angelegt.

Mittlerweile verlautet aus der Autorengruppe, es handele sich dabei um ein Versehen. Doch „wenn so dicke Böcke gleich zu Anfang geschossen werden“, gibt auch Münzel zu bedenken, „kann man den Ergebnissen doch nicht mehr vertrauen. Ich frage mich, wo war die Qualitätskontrolle als man die Bilder publiziert hat. Da hat sie wohl versagt. Außerdem waren keine Ärzte involviert, wie man im Internet nachlesen kann.“

Zu geringe Responder-Rate auch beim Schlaf

Bei der Schlafstudie zeigte sich, dass Probanden, die früher zu Bett gingen, besser schliefen und seltener aufwachten. Bei Probanden, die zwischen 22.00 und 22.30 Uhr zu Bett gingen, habe sich außerdem durch die Einführung der Kernflugzeit mit Nachtflugverbot die Aufwachhäufigkeit von durchschnittlich 2 Mal pro Nacht auf 0,8 Mal pro Nacht reduziert, konstatierte Dr. Uwe Müller, Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V., Köln, Leiter der Schlafstudie. „Trotzdem hat sich das subjektive Schlafgefühl verschlechtert.“

Die insgesamt 202 Teilnehmer wurden mangels ausreichender Antwortraten teilweise über Zeitungsannoncen gefunden. „Das ist doch überhaupt nicht mehr repräsentativ“, beschwert sich Greiser. Der Grund für die niedrige Antwortrate: „Schreckenberg hat angegeben, dass in 70 Prozent der Fälle kein Festnetz-Telefon gefunden werden konnte“, berichtet der Bremer. „Laut Statistischem Bundesamt haben aber 90 Prozent der Bevölkerung einen Festnetz-Anschluss, 93 Prozent ein Mobiltelefon. Hier mangelt es einfach an Sorgfalt.“ 

Die Daten sind nun öffentlich und werden von Fraport schon gewaltig als Marketingmaßnahmen eingesetzt. Das ist meiner Meinung nach maximal unseriös. Prof. Dr. Thomas Münzel

Zu guter Letzt fehle eine Kontrollgruppe, die keinem Lärm ausgesetzt ist, und es wurden noch Menschen ausgeschlossen, die unter Schlafstörungen litten, Schnarcher und Nachtarbeiter oder auch Menschen, die Sedativa nehmen. „Das heißt, man hat 80 Prozent der Bevölkerung ausgeschlossen. Drinnen blieben die, die sehr gut schlafen und selten aufwachen“, so Greiser.

Die Lebensqualität ist eingeschränkt

Ein für alle Beteiligten erstaunliches Ergebnis war das Ausmaß, in dem die Lebensqualität der Bewohner durch den Verkehrs-, und dabei vor allem durch den Fluglärm beeinträchtigt wurde. „In diesem Ausmaß hätten wir diesen Unterschied nicht erwartet“, räumte der Psychologe Dirk Schreckenberg, Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung in Hagen, ein. „Hierbei konnten wir allerdings feststellen, dass die Einstellung zum Flughafen sich auf die Lebensqualität auswirkte.“ Ebenso wie der Besitz einer Immobilie.

Die empfundene Belästigung dürfte noch gravierender sein, vermutet Greiser, denn ein Vergleich mit Daten des Robert Koch-Instituts habe gezeigt, dass die Oberschicht in dieser Gruppe stark über-, Mittel- und Unterschicht hingegen unterrepräsentiert seien. Sozial besser gestellte Menschen sind meist gesünder und können sich beispielsweise auch eher schalldichte Fenster leisten. Zudem hat die Lebensqualitätsstudie ebenfalls das Problem zu niedriger Response-Raten. Die Beteiligung lag bei 6,5%. „Da ist Gefahr der Selektion enorm groß“, konstatiert Münzel, „und es hat sich ja auch gezeigt, dass die Oberschicht zu stark, Mittel – und Unterschicht zu schwach repräsentiert sind.“

Auch wenn die Studie in Teilen sehr gut gemacht sei: Eine die gesamte NORAH-Studie umfassende Kritik ist für Münzel der zeitliche Ablauf der Veröffentlichung. „Aus meiner Sicht ist es wissenschaftlich absolut nicht akzeptabel, noch vor dem Review-Verfahren an die Öffentlichkeit zu treten. Die Daten sind nun öffentlich und werden von Fraport schon gewaltig als Marketingmaßnahmen eingesetzt. Das ist meiner Meinung nach maximal unseriös.“

Die Kinderstudie übrigens, die vor einem Jahr über eine Pressekonferenz publik gemacht wurde, ist bis heute noch nicht publiziert worden.

REFERENZEN:

1. Lärmstudie NORAH

Kommentar

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