Doppelte Demenzgefahr nach den Wechseljahren: Diabetes und Östrogene schaden dem Gedächtnis

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

6. November 2015

Eine Hormontherapie nach der Menopause kann möglicherweise das Demenz-Risiko von älteren Diabetikerinnen erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommen US-Forscher nach der Analyse von Langzeit-Daten der Women’s Health Initiative (WHI) [1].

„Höhere Östrogenspiegel könnten das durch den Diabetes bereits erhöhte Risiko einer Beeinträchtigung der kognitiven Funktion bei älteren Frauen weiter steigern“, warnen die Autoren unter Leitung von Dr. Mark Espeland von der Wake Forest School of Medicine in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina. Grund dafür könne eine Hemmung der Energieversorgung des Gehirns durch die Östrogene sein, schreiben sie in Diabetes Care.

Prof. Dr. Matthias Weber

„Völlig überraschend ist dieses zusätzlich manifestierte Risiko einer Demenz nicht, da es sich bei Diabetes und Östrogengabe um zwei bereits bekannte Risikofaktoren handelt“, sagt Prof. Dr. Matthias Weber, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Möglicherweise handelt es sich um zwei unabhängige Risikofaktoren die sich gegenseitig potenzieren.“

Hypothese: Östrogene greifen in den Glukosestoffwechsel ein

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass ein Typ-2-Diabetes die Entwicklung einer Demenz bei älteren Menschen begünstigen kann. Da Östrogen an der Regulierung des Glukosestoffwechsels im Gehirn beteiligt ist, vermuteten die Forscher, dass eine Östrogentherapie die kognitive Funktion von Diabetikern weiter negativ beeinflusst. Diesen Zusammenhang haben sie genauer untersucht anhand von Daten des 18-Jahres-Follow-ups der Women’s Health Initiative Memory Study (WHIMS), einer Subgruppen-Analyse zur kognitiven Funktion der über 65-jährigen Frauen im Rahmen der WHI-Hormontherapiestudien.

Die WHI-Studien (Rekrutierung 1995 - 19999) hatten die Gabe von equinem Östrogen allein für ältere Frauen, denen die Gebärmutter entfernt worden war, oder für jene mit erhaltenem Uterus in Kombination mit Medroxyprogesteron-Acetat (MPA) untersucht. Die Studien waren aufgrund eines häufigeren Auftretens von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Brustkrebs unter Östrogengabe im Jahr 2002 frühzeitig gestoppt worden.

 
Völlig überraschend ist dieses zusätzlich manifestierte Risiko einer Demenz nicht, da es sich bei Diabetes und Östrogengabe um zwei bereits bekannte Risikofaktoren handelt. Prof. Dr. Matthias Weber
 

Für die WHIMS-Substudie wurde das Follow-up bis 2007 weitergeführt und danach als Women’s Health Initiative Study oft the Epidemiology of Cognitive Health Outcomes (WHIMS-ECHO) fortgesetzt.

Die kognitive Funktion der Probandinnen wurde in der WHIMS bis 2007 per Modified Mini-Mental State (3MS)-Test und in der WHIMS-ECHO-Studie per Telefon-Interview mit 40 Fragen zum kognitiven Status ermittelt. Insgesamt untersuchten die Forscher 7.233 Frauen im Alter von 65 bis 80 Jahren auf ihren Typ-2-Diabetes-Status und protokollierten die eventuelle Entwicklung einer kognitiven Beeinträchtigung bzw. Demenz über eine Periode von 18 Jahren.

Erwartungsgemäß hatten Frauen mit Diabetes ein höheres Risiko für eine kognitive Beeinträchtigung (Hazard Ratio: 1,83) oder Demenz (HR: 1,54). Eine Hormontherapie erhöhte dieses Risiko noch weiter (HR: 2,20 und 2,12).

Espeland und seine Kollegen vermuten als Ursache, dass die Östrogengabe den Energiestoffwechsel im Gehirn beeinträchtigt. Vor der Menopause, erklären sie, unterstütze Östrogen dort den Glukosemetabolismus und unterdrücke den Fettstoffwechsel. Während der Menopause stelle das Gehirn aufgrund des fehlenden Östrogens mehr auf Fettverbrennung zur Energiegewinnung um. Eine postmenopausale Östrogengabe wiederum unterdrücke diesen Fettstoffwechsel, könne jedoch die Verbrennung von Glukose nicht wieder in Gang setzen.

„In diesem Fall wäre das für Diabetikerinnen besonders schädlich, weil das Gehirn den Glukosestoffwechsel kompensieren muss und daher noch mehr auf die Fettverbrennung zur Energiegewinnung fokussiert“, erklären sie. „Diese Hypothese klingt interessant und durchaus plausibel“, sagt Weber. Experimentelle und interventionelle Untersuchungen müssten diese Vermutung nun bestätigen, fügt er an.

Interaktion zwischen Diabetes und Hormontherapie nur ohne Gestagengabe

Jedoch war der Zusammenhang von Diabetes und Östrogengabe auf die Gruppe beschränkt, die ausschließlich Östrogene und kein Gestagen erhielt. „Das deutet an, dass MPA weiterhin als Antagonist der Östrogenwirkung im Gehirn agiert“, bemerken die Autoren.

 
Daher wäre eine Untersuchung des Einflusses einer perimenopausalen Östrogengabe über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren auf das Demenzrisiko durchaus interessant. Prof. Dr. Matthias Weber
 

In den Interventionsgruppen zeigten im Laufe des Follow-up insgesamt 11,7% der Diabetikerinnen Anzeichen für Demenz, im Vergleich zu 8,4% der Frauen, die nicht an Typ-2-Diabetes erkrankt waren. Im Placebo-Arm wiesen 7,2% der Diabetikerinnen und 7,9% der übrigen Frauen Anzeichen einer Demenz auf. Der Einfluss anderer Faktoren wie Bluthochdruck, vorherige kardiovaskuläre Erkrankungen, BMI und Ergebnisse des 3MS-Tests zu Studienbeginn wurden in der statistischen Auswertung berücksichtigt und herausgerechnet.

Je länger das Follow-up dauerte, desto mehr glichen sich die Demenz-Raten in Interventions- und Placebo-Armen an. „Das stimmt mit den Hypothesen früherer Berichte der WHI-Studien überein, die besagen, dass die Hormontherapie eine kognitive Beeinträchtigung oder Demenz derer beschleunigt, die ohnehin bereits ein hohes Risiko für eine solche Erkrankung haben“, schlussfolgern Espeland und seine Kollegen.

Perimenopausale Östrogengabe soll Symptome lindern

Interessant und wahrscheinlich von klinischer Relevanz wäre nun eine Untersuchung der Auswirkungen einer Östrogengabe bei jüngeren Frauen unter 60 Jahren während der Menopause, schlagen Espeland und Kollegen vor. Nach der Publikation der WHI-Studie, erklärt Weber, sei eine „große Umstellung in der Hormontherapie“ erfolgt.

Mittlerweile erhalten Frauen die Östrogene eher perimenopausal, „vor allem um Symptome wie Hitzewallungen zu lindern und nicht, um Krankheiten zu verhindern oder länger zu leben“, bemerkt der Endokrinologe und Diabetologe. „Daher wäre eine Untersuchung des Einflusses einer perimenopausalen Östrogengabe über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren auf das Demenzrisiko durchaus interessant.“

Noch entscheidender als die Auswirkungen einer Hormontherapie sei jedoch der Einfluss des Diabetes auf das Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten. „Das ist ein wichtiger Risikofaktor, der sich durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussen lässt“, betont Weber. „Durch Bewegung, Nichtrauchen und gesundes Essen kann man sowohl sein Risiko für Demenz als auch das für Diabetes reduzieren.“

 

REFERENZEN:

1. Espeland MA, et al: Diabetes Care (online) 20. Oktober 2015

Kommentar

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