Bremer Gesundheitsforscher kritisiert unterschiedliche Messlatten des BfArM für Schulmedizin und Homöopathie

Christian Beneker

Interessenkonflikte

3. November 2015

Da treffen Welten aufeinander: Hier die naturwissenschaftliche Schulmedizin, da das ganz andere Paradigma der Homöopathie. Deutlich wird diese Diskrepanz erneut in dem Buch Der Glaube an die Globuli“, das Prof. Dr. Norbert Schmacke soeben mit anderen Autoren herausgegeben hat [1].

Für den Gesundheitswissenschaftler vom Institut für Public Health und Pflegeforschung im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen ist die homöopathische Medizin ein in sich geschlossenes, unwissenschaftliches System, das sich infolgedessen nicht beweisen lässt. Die homöopathische Medizin ist eine Parallelwelt, die mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun hat, sagt Schmacke gegenüber Medscape Deutschland. Homöopathisch arbeitende Ärzte sehen das natürlich ganz anders.

Globuli gegen Krebs?

Ganz besonders kritikwürdig findet Schmacke die Versprechen mancher Homöopathen, sogar Krebs mit Homöopathika heilen zu können [2]. Wenn man das belegen könnte, wäre das eine Sensation, sagt er. Aber er sei den Zeugnissen solcher angeblichen Heilungen nachgegangen und habe feststellen müssen: Die angeblichen Zeugen haben sich distanziert. Mit Homöopathika Krebs heilen zu wollen, ist absolut indiskutabel."

Um so mehr kritisiert Schmacke, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Homöopathika trotzdem zulässt. Während normalerweise Arzneimittel 3 Phasen von Arzneimittel-Studien durchlaufen müssen, bevor sie zugelassen werden können, gebe es für die Homöopathika auch im BfArM eine Parallelwelt: die Kommisson D.

 
Mit Homöopathika Krebs heilen zu wollen, ist absolut indiskutabel. Prof. Dr. Norbert Schmacke
 

„In der Kommission D sitzen ausschließlich Fachvertreter der Homöopathie und befinden unter sich darüber, welche Medikamente zugelassen werden sollen, kritisiert Schmacke. Der Gesetzgeber legitimiere so die Homöopathie für die Behandlung von Erkrankungen bereits dann, wenn ihre Vertreter dies für ausreichend begründet hielten (Binnenkonsens) und eine entsprechende Nachfrage unter Kranken (Akzeptanz) bestehe.

Auf seriöse Studien wird dagegen verzichtet, so Schmacke. Damit sind die ethischen Grundprinzipien der Medizin verletzt“, bemängelt er. Praxiserfahrungen von Homöopathen und homöopathisch arbeitenden Hausärzten, die oft als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie angeführt werden, seien indessen kein Fundament: „Wir brauchen Belege. Aber Belege fehlen. Die Globuli sind wirkungslos.

Praxiserfolge ja – aber oft fehlen die Studien

Und die andere Seite? Der Münchner Kinderarzt Dr. Georg Soldner arbeitet homöopathisch. Zwar gibt es einige gute Studien zur Wirksamkeit der Homöopathie, sagt Soldner gegenüber Medscape Deutschland. Aber auch ich finde den Forschungsstand in Sachen Homöopathie noch unbefriedigend, was aber auch an mangelnder Forschungsförderung in diesem Bereich liegt.

In der Tat verweist auch Soldner vor allem auf die Erfolge, die er nach der Behandlung mit Globuli bei seinen Patienten sieht. Nach 30 Jahren in der Kinderarztpraxis habe ich zum Beispiel bei akuten und chronisch entzündlichen Krankheiten meiner Patienten sehr gute Erfolge erzielen können. Als integrativer Mediziner gebe ich zu 90 Prozent weniger Ibuprofen oder Paracetamol als meine Fachgruppe, betont der Kinderarzt.

Ähnlich sieht es Dr. Jürgen Fuchs, Hausarzt aus Bremen, ebenfalls homöopathisch tätig. Was einfach hilfreich ist, ist das Gesamtsetting der homöopatischen Konsultation aus Gespräch und Verschreibung, sagt Fuchs zu Medscape Deutschland. Aber es gibt eben auch viele Wirksamkeiten von Homöopathika, die wir in einem schulmedizinischen Rahmen nicht beweisen können. Und die randomisierten kontrollierten Doppelblindstudien (RCT) der schulmedizinischen Arzneien seien „mit der Homöopathie schwer machbar, weil ich die Globuli ja gerade in Kenntnis der Besonderheiten des einzelnen Patienten verschreiben muss“, gibt Fuchs zu bedenken.

 
Es gibt eben auch viele Wirksamkeiten von Homöopathika, die wir in einem schulmedizinischen Rahmen nicht beweisen können. Dr. Jürgen Fuchs
 

Dass man mit Homöopathie Krebs heilen könne, weisen Soldner und Fuchs indessen strikt zurück. Niemals würden sie dies einem Patienten versprechen, sagen beide unisono. Eine Symptomlinderung ist jedoch auch hier möglich, sagt Fuchs.

Es geht nicht nur um den Befund ...

Stellt sich die Frage, warum Patienten die Homöpathie so gerne in Anspruch nehmen, wie Schmacke sagt. Seine Antwort: Weil sich die Homöopathen Zeit für ein ausführliches Patientengespräch nehmen und die Krankheit des Patienten nicht nur behandeln, sondern auch deuten. In genau diesen Disziplinen zeigten die rein naturwissenschaftlich arbeitenden Ärzte erhebliche Defizite, es gehe eben nicht nur um den Befund, es gehe auch ums Befinden.

Anhänger der Komplementärmedizin erfahren offenkundig in Begegnungen mit den praktizierenden Therapeuten, dass da jemand ist, der ihnen endlich zuhört und Klagen nicht als unbegründet abtut, so Schmacke.

Die Popularität der Homöopathie versteht Schmacke denn auch als Aufgabe an die Medizin, mit den Patienten jenseits nüchterner Diagnostik und Therapie die Krankheit für sie auch zu deuten. Man kann die Krankheit nicht nur als Befund sehen, sondern muss sie auch als Erleben der Kranken verstehen, sagt er. So lange das nicht erkannt werde, würden viele Patienten die Alternativmedizin als Ausweg aus einer Situation sehen, in der ihr Leiden nicht genügend thematisiert werde.

 

REFERENZEN:

1. Schmacke N (HG): Der Glaube an die Globuli. Suhrkamp 2015

2. Wurster J: Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metatasierter Tumore. Verlag Peter Irl 2007

Kommentar

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