TK-Report: Verordnen Frauenärzte aus Lifestylegründen zu häufig orale Kontrazeptiva mit unklarem oder erhöhtem Thrombose-Risiko?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

28. Oktober 2015

Verschreiben Frauenärzte aus „Lifestylegründen“ zu viele moderne Antibabypillen der 3. und 4. Generation? Werden junge Frauen damit aufgrund von Marketing- und Werbebotschaften der Industrie einem erhöhten thrombotischen Risiko ausgesetzt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Pillenreport, den die Techniker Krankenkasse in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen erstellt hat [1].

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, schreibt dazu: „Beim Blick auf die Verordnungsdaten fällt schnell auf, dass die moderneren Präparate der dritten und vierten Generation wesentlich häufiger verordnet werden als die Pillen der ersten und zweiten Generation. Dabei ist neu nicht automatisch besser – im Gegenteil: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat im März 2014 beschieden, dass in den Fachinformationen für einige Pillen der dritten und vierten Generation auf das größere Thrombose-Risiko hingewiesen werden muss.“

 
Pillen sind ‚schädlich‘, wenn sie nicht vertragen und deshalb wieder abgesetzt oder nur unregelmäßig eingenommen werden und es dadurch zu unerwünschten Schwangerschaften kommt. Dr. Christian Albring
 

Die Abrechnungsdaten der TK aus 2011 bis 2013 zeigen aber, dass junge Frauen vorwiegend die neueren Gestagene bzw. Präparate mit höherem oder unklarem Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) einnehmen. Bei den 2014 verkauften Pillenpackungen mit niedrigdosiertem Estrogen und Gestagen lagen diese Präparate vorn: Maxim® (mit Dienogest) 2.027.000 verkaufte Packungen, gefolgt von Lamuna® (mit Desogestrel) mit 743.000 Packungen, dann folgte Evaluna® (mit Levonorgestrel) mit 677.000 Packungen.

Geringeres Thrombose-Risiko, aber androgene Restwirkung?

Die Verfasser des TK-Berichts gehen davon aus, dass bei der Erstverordnung vorzugsweise eines der neueren Präparate gewählt wird. Auf den ersten Blick spreche nichts gegen die neuen Präparate „vor allem bei jungen Frauen, die nicht rauchen und kein Übergewicht haben“, so Prof. Dr. Gerd Glaeske, SOCIUM, Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen. Allerdings schützten die Pillen der früheren Generation genauso gut vor ungewollter Schwangerschaft und wiesen ein geringeres Thrombose-Risiko auf.

Dr. Christian Albring

„Pillen sind ‚schädlich‘, wenn sie nicht vertragen und deshalb wieder abgesetzt oder nur unregelmäßig eingenommen werden und es dadurch zu unerwünschten Schwangerschaften kommt“, stellt dagegen Dr. Christian Albring klar, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF). „Wenn ein Mädchen oder eine Frau mit Levonorgestrel oder Norgestimat als den beiden einzigen verfügbaren Gestagenen der zweiten Generation nicht zurechtkommt, weil beide eine androgene Restwirkung haben und bei entsprechender Hormon-Imbalance kontraindiziert sind, klären Frauenärzte darüber auf, schließen Thrombose-Risiken aus, und verordnen ein anderes Gestagen“, so Albring weiter.

Geringeres VTE-Risiko unter Levonorgestrel, Norgestimat und Norethistron

Orale Kontrazeptiva, die Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron enthalten, weisen das geringste Risiko für venöse Thromboembolien auf. Andere Kontrazeptiva, z.B. mit dem Gestagen Drospirenon (z.B. Yasmin®) können ein bis zu doppelt so hohes Risiko aufweisen, betont Prof. Dr. Petra Thürmann im Vorwort des Pillenreports. Die Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am HELIOS Klinikum Wuppertal erklärt weiter: „Die Entscheidung, ein Arzneimittel anzuwenden, das nicht zu denen mit dem geringsten VTE-Risiko gehört, sollte nur nach einem Gespräch mit der Frau getroffen werden, bei dem sicherzustellen ist, dass sie Folgendes versteht: das Risiko für eine VTE bei Anwendung dieses Präparates, wie ihre vorliegenden individuellen Risikofaktoren dieses Risiko beeinflussen und dass ihr Risiko für VTE in ihrem allerersten Anwendungsjahr am höchsten ist.“

 
Ärzte sind spätestens seit dem Rote-Hand-Brief von 2014 dazu verpflichtet, auf die unterschiedlichen Thromboserisiken älterer und neuerer Gestagene hinzuweisen. Dr. Christian Albring
 

Dr. Wolfgang Becker-Brüser, Arzt und Apotheker und Macher des arznei-telegramms, weist auf das erhöhte Thrombose-Risiko durch das Gestagen Drospirenon hin und schreibt dazu in „ Gute Pillen – Schlechte Pillen “: „Wer mit der Pille verhüten möchte, sollte den Typ verwenden, der am seltensten Venenthrombosen verursacht. Und das sind Levonorgestrel-haltige Präparate mit geringen Östrogenmengen zwischen 20 μg und 30 μg Ethinylestradiol pro Tablette.“

„Ärzte sind spätestens seit dem Rote-Hand-Brief von 2014 dazu verpflichtet, auf die unterschiedlichen Thrombose-Risiken älterer und neuerer Gestagene hinzuweisen und vor allem über mögliche Frühsymptome aufzuklären“, betont Albring. Eine Thrombose entstehe meist nicht über Nacht – so auch im Fall der beiden jungen Frauen, bei denen sich während ihrer Pillen-Einnahme Lungenthrombosen entwickelt haben, und die nun gegen das Unternehmen Bayer klagen.

 
Nicht das Gestagen ist für das Thromboserisiko verantwortlich, sondern das Ethinylestradiol, das in fast jedem Kombinationspräparat vorhanden ist. Dr. Christian Albring
 

Einfluss des Estradiols auf das Thromboserisiko

„Nicht das Gestagen ist für das Thrombose-Risiko verantwortlich, sondern das Ethinylestradiol, das in fast jedem Kombinationspräparat vorhanden ist, und in die Synthese der Gerinnungsfaktoren in der Leber eingreift. Das zugefügte Gestagen kann das Risiko jedoch modifizieren. Die Unterschiede im Thrombose-Risiko zwischen Levonorgestrel und den moderneren Gestagenen sind auch nicht so groß, dass man die Aufklärung bei LNG-haltigen Pillen vernachlässigen könnte“, erklärt Albring und verweist auf die Studie in Contraception aus 2014.

Danach sei die Häufigkeit der Thrombosen in über 200.000 ausgewerteten „Frauenjahren“, bei Pillen mit dem älteren Gestagen Levonorgestrel genauso hoch wie bei Antibabypillen mit dem moderneren Wirkstoff Drospirenon.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....