Cannabinoide bei Epilepsie: Viel Aufmerksamkeit, wenig Erkenntnis

Claudia Sarkady

Interessenkonflikte

28. Oktober 2015

Die Resonanz, die der Einsatz von Cannabinoiden zur Behandlung schwerer Epilepsien in den US-amerikanischen Medien gefunden hat, steht in bemerkenswertem Gegensatz zu dem, was man über die anti-epileptische Wirksamkeit der Hanfpflanze (Cannabis sativa) weiß. Dies bemängeln Dr. Daniel Friedman und Dr. Orrin Devinsky, Langone School of Medicine der New York University (NYU), in einem Review im New England Journal of Medicine [1].

Die beiden Forscher haben die vorliegenden spärlichen Daten dahingehend gesichtet, wie viel Nutzen für die Patienten zu erwarten ist. Ihre Erkenntnis: Insgesamt ist derzeit die wissenschaftliche Datenlage zur Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Epilepsie eher schwach und uneinheitlich. In einigen kleinen Studien konnte Cannabis-Konsum die Häufigkeit und Länge der Anfälle reduzieren – bis hin zur Anfallsfreiheit. In anderen Studien wiederum zeigte sich keine Wirkung, zum Teil verschlimmerten sich die Anfälle, berichten die Autoren in ihrer Übersicht. Ihr Fazit: Hinweise auf einen Nutzen gibt es nur aus Einzelfall-Berichten oder Ministudien.

Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage

Hinweise auf Wirksamkeit, aber kaum valide klinische Studien

„Hinweise auf eine Wirksamkeit von Cannabinoiden gibt es mehrfach: aus tierexperimentellen Untersuchungen, epidemiologische Daten und schließlich aus individuellen Patientenerfahrungen. Der zur Behandlung in den USA aktuell bevorzugte Inhaltsstoff Cannabidiol ist in Deutschland derzeit nicht verfügbar und es finden auch keine Studien statt, an denen deutsche Patienten teilnehmen könnten“, erläutert Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage, Abteilungsleiter des Epilepsiezentrums am Neurozentrum des Universitätsklinikum Freiburg in einem Interview mit Medscape Deutschland.

„Es ist zu erwarten, dass Cannabidiol in einigen Jahren in den USA zur Behandlung zugelassen wird, wenn derzeit dort stattfindende Studien erfolgreich verlaufen. In Deutschland würde dann jedoch die zusätzliche Hürde des AMNOG wahrscheinlich wie bei den zuletzt zugelassenen Antiepileptika verhindern, dass es unseren Patienten zugänglich wird“, meint er. Cannabinoid-haltige Arzneimittel sind in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten bereits erlaubt.

Hanf-Behandlung schon im Mittelalter

Es geht dabei um etwa ein Drittel aller Epileptiker, nämlich diejenigen, die trotz Mehrfachtherapien noch Anfälle haben. Die Rationale hinter der Therapie: In Studien konnte bei Patienten mit Temporallappen-Epilepsie eine Dysfunktion im Endocannabinoid-System nachgewiesen werden. Sie hatten deutlich niedrigere Konzentrationen des körpereigenen Cannabinoids Anandamid als Gesunde. Wie die NEJM-Autoren schreiben, konnte bei Mäusen eine antikonvulsive Wirkung bei Gabe von Anandamid gezeigt werden. Das Endocannabinoid-System könnte demnach aufgrund seiner krampfhemmenden Wirkung eine Rolle in der Epilepsie-Behandlung zukommen.

Schon seit dem Mittelalter wird Hanf auch zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt. Wichtigster Inhaltsstoff von Cannabis ist Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), das die psychotropen Wirkungen vermittelt. Er entfaltet seine zentralnervöse Wirkung über den Cannabinoid-Rezeptor CB1, der verschiedene Ionenkanäle moduliert.

 
Der zur Behandlung in den USA aktuell bevorzugte Inhaltsstoff Cannabidiol ist in Deutschland derzeit nicht verfügbar. Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage
 

Cannabidiol als viel versprechender Wirkstoffkandidat

Über die antikonvulsive Wirkung anderer Phytocannabinoide ist wenig bekannt. Wie die Forscher schreiben, konnte jedoch gezeigt werden, dass die nicht-psychoaktiven Substanzen Cannabidiol und Cannabidivarin ebenfalls die Krampfneigung senkten.

Cannabidiol beeinflusse die neuronale Reizbarkeit auf vielfältige Weise. Zum einen binde es blockierend an den CB1-Rezeptor und wirke dadurch den Effekten von THC entgegen. Zum anderen wirke es auch als Antagonist an dem G-Protein-gekoppelten Rezeptor GPR55 und blockiere dessen Aktivität, was zu einer reduzierten Freisetzung von Glutamat führe.

Zudem aktiviert Cannabidiol auch den 5-HT1A-Rezeptor und hemmt die Wiederaufnahme von Adenosin – und ihm werden antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben. Vor allem wegen seiner nicht-psychoaktiven Eigenschaften sowie der antikonvulsiven Wirkung sei Cannabidiol für die Behandlung von Epilepsien interessant, so die Autoren.

Cannabidivarin wirke ebenfalls anfallshemmend, etwa indem es TRP-Kanäle beeinflusse und das Endocannabinoid 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) reduziere.

 
Cannabidiol ist ein vielversprechendes Cannabinoid, weil es sich als wirksam bei schweren Epilepsieformen erwiesen hat. Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage
 

Auch Schulze-Bonhage bestätigt: „Cannabidiol ist ein vielversprechendes Cannabinoid, weil es sich als wirksam bei schweren Epilepsieformen erwiesen hat. Vorteil ist, dass es nicht psychotrop ist und weniger Nebenwirkungen hat als THC.“ Es habe aber einen großen Nachteil: „Unsere Patienten haben keinen Zugang zu Cannabidiol, es ist im Gegensatz zu THC auch nicht für einen individuellen Behandlungsversuch einsetzbar.“

Bislang, so erläutert er weiter, „liegen noch keine doppelblinden Studienergebnisse über Wirksamkeit und Verträglichkeit von Cannabidiol vor, die Voraussetzung für eine Zulassung sein könnten“. Erschwerend komme hinzu: „Die in Deutschland neuerdings zusätzlich verlangten Nachweise eines ‚Zusatznutzens‘ durch direkte Vergleichsstudien werden aufgrund der hohen Kosten solcher Studien wohl nicht durchgeführt werden.“

Bei schweren pädiatrischen Epilepsieformen zeigten Untersuchungen an 10 Epilepsie-Zentren, dass sich unter Epidiolex (ein Reinextraxt aus 99% Cannabidiol und weniger als 0,10% Delta-9-Tetrahydrocannabinol) die Anfälle im Mittel um 54% reduzierten. Wie die Autoren schreiben, werden weitere Studien über die Behandlung schwerer Epilepsieformen wie dem Dravet-Syndrom und Lennox-Gastaut mit Epidiolex derzeit durchgeführt.

Im Jahr 2014 kam allerdings schon einmal eine Cochrane-Analyse „Cannabinoids in epilepsy“ zu dem Schluss, dass derzeit keine verlässlichen Folgerungen auf die Wirksamkeit von Cannabinoiden in der Epilepsiebehandlung gezogen werden können. Es seien kaum valide klinische Studien zu Delta-9-Tetrahydrocannabinol, Cannabidiol oder andere Phytocannabinoide verfügbar. Dies hat kürzlich auch die American Academy of Neurology bestätigt.

 
Die bisherigen Daten an Erwachsenen mit Epilepsie sind nicht langfristig genug, um Langzeitschäden durch Cannabis abschätzen zu können. Prof. Dr. Soheyl Noachtar
 

„Auch wenn von der pharmazeutischen Industrie einige kontrollierte Studien zum Einsatz von Cannabinoiden bei Epilepsie begonnen worden sind, wird es erst nach Vorliegen der Ergebnisse in einigen Jahren möglich sein, den klinischen Einsatz abzuschätzen. Derzeit wäre dies verfrüht“, betont Prof. Dr. Soheyl Noachtar, Leiter des interdisziplinärens Epilepsie-Zentrums der am Klinikum der Universität München gegenüber Medscape Deutschland.

Neben- und Folgewirkungen noch wenig erforscht

Zu berücksichtigen sind bei der Cannabis-basierten Therapie auch deren – nicht unerhebliche – Nebenwirkungen. Dazu zählen Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses, motorische Störungen, verlangsamtes Reaktionsvermögen, Psychosen und erhöhtes Unfallrisiko ebenso wie die Suchtgefahr, chronische kognitive Defizite, Amotivation oder psychische Störungen. Befürchtet wird auch eine negative Wirkung der Cannabinoide auf die Entwicklung des Gehirns bei Kindern. Ob diese schädlichen Effekte auf THC beschränkt sind oder ob auch ein Langzeitkonsum von Cannabidiol oder Cannabidivarin ähnliche negative Auswirkungen auf das Gehirn haben kann, ist noch unklar.

Jedoch, so sagt Noachtar: „Die Altersverteilung der Neuerkrankungsrate hat sich in den Industrienationen mit der höheren Lebenserwartung in den letzten Jahren erheblich verändert, sodass inzwischen mehr alte Menschen an Epilepsie neu erkranken als im Kindesalter.“ Auch er räumt aber ein: „Die bisherigen Daten an Erwachsenen mit Epilepsie sind nicht langfristig genug, um Langzeitschäden durch Cannabis abschätzen zu können.“ Allerdings werde es kurzfristig in der Regel gut vertragen. „Die bekannten psychischen Spätfolgen bei psychisch kranken und süchtigen jungen Menschen sind nicht zwangsläufig auf Epilepsiepatienten übertragbar. Hier sind entsprechende Untersuchungen erforderlich“, betont der Experte.

 

REFERENZEN:

1. Friedman D, et al: NEJM 2015;373;11:1048-1058

Kommentar

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