Psychotherapie für Flüchtlinge: Ärzte- und Psychotherapeuten wollen mit Drei-Punkte-Plan die Versorgung bessern

Christian Beneker

Interessenkonflikte

20. Oktober 2015

Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) haben einen Drei-Punkte-Plan vorgelegt, um die Opfer von Folter, Vergewaltigung oder schwerer psychischer, physischer oder sexueller Gewalt unter den Flüchtlingen in Deutschland psychotherapeutisch oder psychiatrisch im Rahmen eines Modellprojektes behandeln zu können [1]. Die Aufgabe ist gewaltig: Nach Angaben von Dr. Dietrich Munz, dem Präsidenten der BPtK, ist mit derzeit 60.000 bis 80.000 behandlungsbedürftigen Patienten zu rechnen. Es fehlen Psychotherapeuten und Dolmetscher. Was die zusätzliche Versorgung kosten würde, ist zudem völlig unklar.

Drei Module

Zunächst soll ein Dolmetscherpool in Deutschland aufgebaut werden, so wollen es die beiden Kammern. „Dieser könnte von Anbietern geleistet werden, die bereits in der Sprachmittlung tätig sind“, so die BPtK. „Eine Koordinierungsstelle würde die Sprachmittler qualifizieren und zertifizieren, an Ärzte und Psychotherapeuten vermitteln und auch deren Vergütung abwickeln.“

Außerdem schlagen BÄK und BPtK als zweites Modul vor, in jedem Bundesland eine Vermittlungsstelle zu installieren. Hier sollen die Ärzte und Psychotherapeuten vor allem die Anträge auf die Psychotherapien stellen können. So sollen psychisch erkrankte Flüchtlinge „zeitnah und unbürokratisch, nach ärztlicher und psychotherapeutischer Abklärung, eine notwendige und angemessene Behandlung erhalten“, wie es hieß.

Die Koordinierungsstelle entscheidet über die Psychotherapie auf Grundlage des Votums von qualifizierten und unabhängigen Gutachtern. Damit soll die gegenwärtige Praxis abgelöst werden, in der Sachbearbeiter in den Sozialbehörden oder fachfremde Gutachter entscheiden, ob ein Flüchtling eine Psychotherapie bekommt oder nicht. Schließlich sollen die Vermittlungsstelle „auch die Vergütung der Ärzte und Psychotherapeuten mit der Behörde abrechnen“, hieß es.

 
In der Tat wären die Psychotherapeuten, die zurzeit einen Kassensitz haben, mit der Aufgaben zeitlich überfordert. Dr. Dietrich Munz
 

Als drittes Modul sieht der Plan vor, Ärzte und Psychotherapeuten durch entsprechende Fortbildungen der Landesärztekammern und Landespsychotherapeutenkammern für die neue Aufgabe zu qualifizieren. Die Therapeuten benötigen auch „zum Beispiel asylrechtliche Kenntnisse“, wie es hieß. Zudem fordern die beiden Kammern, dass privat tätige Ärzte und Psychotherapeuten, die in Privatpraxen, Flüchtlingszentren oder universitären Forschungs- und Hochschulambulanzen arbeiten, ermächtigt werden können, an dem Modellprojekt teilzunehmen.

Ermächtigte Ärzte sollen die Versorgung übernehmen

Das Papier der beiden Kammern kommt 3 Tage nach der Reform des Asylrechts durch den Bundestag. Diese sieht unter anderem vor, dass für traumatisierte Flüchtlinge mehr Psychotherapeuten und Ärzte zur Verfügung stehen sollen. Deshalb werden die Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen verpflichtet, privat tätigen Psychotherapeuten befristet und ausschließlich auf Flüchtlinge bezogene Ermächtigungen auszustellen (Kassen und KVen entscheiden in den Zulassungsausschüssen über die Ermächtigungen).

Bisher wurden Ermächtigungen nur bei Unterversorgung ausgesprochen. Die neue Regelung gilt nur für Flüchtlinge, die 15 Monate oder länger im Land sind. Bis dahin gelten die eingeschränkten medizinischen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

„In der Tat wären die Psychotherapeuten, die zurzeit einen Kassensitz haben, mit der Aufgaben zeitlich überfordert“, räumt Dr. Dietrich Munz ein, Präsident der BPtK. Man habe zwar keine Nachwuchsprobleme, aber wie viele Ärzte und Psychotherapeuten die Möglichkeit zur Ermächtigung annehmen werden, weiß auch Munz nicht zu sagen. Klar ist nur, dass in Deutschland 26 psychosoziale Zentren arbeiten mit zusammen rund 130 Psychotherapeuten, die theoretisch für eine Ermächtigung zur Verfügung stünden.

 
Unterschiedliche religiöse oder soziokulturelle Hintergründe, länderspezifische Unterschiede in der Versorgung und im Verständnis von Scham oder Ehre können zu schwerwiegenden Missverständnissen führen. Varinia Fernanda Morales
 

Allerdings werden nur die 3 Richtlinienverfahren bezahlt: Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Damit dürften auch eine Reihe von Therapeuten in den Zentren für eine Ermächtigung wegfallen, weil sie andere Therapien anbieten. Laut Munz können aber auch Psychotherapeuten in Privatpraxen eine Ermächtigung beantragen.

Nicht nur sprachliche Hürden

Zugleich stellt sich die Frage nach den Dolmetschern, und zwar umso mehr, als dass sie mehr als übersetzen müssen. „Unterschiedliche religiöse oder soziokulturelle Hintergründe, länderspezifische Unterschiede in der Versorgung und im Verständnis von Scham oder Ehre können zu schwerwiegenden Missverständnissen führen“, erklärt Varinia Fernanda Morales, Geschäftsführerin von „bikup“, der Internationalen Gesellschaft für Bildung, Kultur und Partizipation aus Köln.

bikup bietet die 1-jährige Vollzeitfortbildung zum Sprach- und Integrationsmittler an. Diese Fortbildung bündelt die Erfahrungswerte zahlreicher erprobter Modellprojekte, die sich seit Jahren mit professioneller Sprach- und Kulturmittlung beschäftigen. bikup hat gemeinsam mit dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) und weiteren Verbänden und Organisationen wie der Bundespsychotherapeutenkammer die bundesweite Initiative „Sprachmittlung im Gesundheitswesen im Juli diesen Jahres gegründet, die sich dafür einsetzt verbindliche Regelungen der Kostenübernahme professioneller Sprachmittlung zu bewirken.

Die bikup bietet mit einer einjährigen Vollzeitfortbildung einen erweiterten Dolmetscherlehrgang an: den Sprach- und Integrationsvermittler. „Das Konzept wurde zusammen mit dem Bund Deutscher Übersetzer entwickelt“, sagt Morales. Auch dürfte es genug Interessenten geben, die Arabisch, Kroatisch, die drei Kurdischen Sprachen, Farsi oder Amharisch, Russisch oder das Französisch etwa der Kameruner Flüchtlinge sprechen, meint Morales.

 
Wie früher bei uns gibt es heute unter den Flüchtlingen große Vorurteile gegen psychotherapeutische Behandlung. Varinia Fernanda Morales
 

„Den bundesweiten Bedarf zu decken, ist eher eine Organisationssache. Allerdings können wir zahlenmäßig derzeit nicht sagen, wie groß der Bedarf an professioneller Sprachmittlung letztlich sein wird.“

Wer zahlt?

Nach den Plänen der beiden Kammern soll die psychotherapeutische Versorgung der Flüchtlinge „aus Bundesmitteln“ bezahlt werden, also aus dem Steuersäckel. „Die Möglichkeit der Übernahme durch die Sozialbehörden ist (jedoch) nicht praktikabel, da die Beantragung sehr aufwendig ist und die Bearbeitungsdauer mehrere Monate beträgt“, schreiben die beiden Kammern in ihrem Papier. „Letztlich werden die Anträge häufig abgelehnt.“

Die fehlende Kostenübernahme könnte zum Stolperstein werden. „Denn ohne Übersetzung ist Psychotherapie natürlich sinnlos“, sagt Morales. Nach ihren Angaben kostet eine Stunde eines Sprach- und Integrationsvermittlers rund 50 Euro. „Vereinzelt übernehmen derzeit Kliniken über ihr laufendes Budget die Honorare oder Psychiatrien über Modellprojekte. Wichtig wäre hier einen flächendeckenden Einsatz professioneller Sprachmittlung für die psychotherapeutische Versorgung der vielen Flüchtlingen sicherzustellen wie auch die Finanzierungsfrage schnellstmöglich zu klären“, hieß es.

Abgesehen von der fehlenden Kostenübernahme für die Übersetzungen dürfte es schwierig werden, die traumatisierten Flüchtlinge überhaupt zu einer Therapie zu bewegen. Die BPtK habe eine mehrsprachige Broschüre herausgebracht. „Aber wie früher bei uns gibt es heute unter den Flüchtlingen große Vorurteile gegen psychotherapeutische Behandlung.“

 

REFERENZEN:

1. Vorschlag der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) und der Bundesärztekammer (BÄK) zu den Eckpunkten eines Modellprojektes zur Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge, 8. Oktober 2015

Kommentar

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