Mehr selbstschädigendes Verhalten nach Adipositaschirurgie: „Risikopatienten brauchen eine strukturierte Nachbetreuung“

Petra Plaum

Interessenkonflikte

20. Oktober 2015

Fördern Magenbypass, Sleeve-Gastrektomie und Co, dass so Behandelte sich selbst vergiften oder auf andere Weise in Lebensgefahr bringen? Das legt zumindest eine neue Studie nahe. „Alles in allem stieg nach bariatrischer Chirurgie das Risiko für eine Selbstschädigung von zwei Fällen auf drei Fälle pro 1.000 Patientenjahre“, schreiben Dr. Junaid A. Bhatti von der Evaluative Clinical Sciences Platform des Sunnybrook Research Institute in Toronto, Kanada, und sein Team [1].

Die in JAMA Surgery veröffentlichte Studie zeigt zudem, dass Patienten mit niedrigerem Einkommen und solche, die in ländlichen Gebieten wohnen, gefährdeter sind als andere – wenngleich in nicht signifikantem Maße. Die Autoren hatten die Daten von 8.815 Erwachsenen analysiert.

Prof. Dr. Thomas Horbach

Prof. Dr. Thomas Horbach, Chefarzt des Fachzentrums Allgemein- und Viszeralchirurgie in der Schön Klinik Nürnberg Fürth, lobt Größe und Design der Studie – „dass auch die Patientendaten aus den Jahren vor der Operation betrachtet wurden, macht sie besonders interessant“. In Deutschland, erwartet er, würden ähnliche Untersuchungen wohl ähnliche Trends aufzeigen.

Prof. Dr. Martina de Zwaan

„Insgesamt mehren sich die epidemiologischen Daten, die eine Zunahme von selbstschädigenden Ereignissen nach bariatrischer OP finden“, gibt auch Prof. Dr. Martina de Zwaan zu bedenken, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Ergebnisse der Studie seien ernst zu nehmen.

Vorfälle aus sechs Jahren nachverfolgt

Bhatti und sein Team hatten Zugriff auf die Daten von 7.176 Frauen und 1.639 Männern zwischen 18 und 65 Jahren, die sich zwischen 2006 und 2011 in der Provinz Ontario einem adipositaschirurgischen Eingriff unterzogen hatten. Die Wissenschaftler analysierten gesundheitsbezogene Registerdaten aus jeweils den 5 Jahren vor und den 3 Jahren nach dem Eingriff.

 
Nach bariatrischer Chirurgie stieg das Risiko für eine Selbstschädigung von zwei Fällen auf drei Fälle pro 1.000 Patientenjahre. Dr. Junaid A. Bhatti
 

In Kanada gleichen die Kriterien für die Adipositaschirurgie jenen in Deutschland: Bei einem Body-Mass-Index (BMI) über 40 oder einem ab 35 mit Komorbiditäten wie Typ-2-Diabetes oder Schlafapnoe gelten Patienten als qualifiziert für den Eingriff. Fast alle Studienteilnehmer (98,5%) hatten einen Magenbypass erhalten. Vor jedem Eingriff bewertete ein multidisziplinäres Team, das auch Psychologen und Psychiater umfasste, die Stabilität der Patienten.

Informationen über das selbstschädigende Verhalten sammelten die kanadischen Wissenschaftler anhand entsprechender Behandlungen in Notaufnahmen. Als Selbstschädigung galten die ICD-10-Codes (ICD-10-WHO Version 2013, Kapitel XX) für vorsätzliche Selbstvergiftung durch Medikamente und Betäubungsmittel inklusive Drogen (X61-64), durch Alkohol (X65), durch toxische Chemikalien (X66-69) und vorsätzliche Selbstbeschädigung, z. B. durch Strangulieren, mit Hilfe von Wasser, Feuer oder Schusswaffen (X70-84).

Mehr Vorfälle im zweiten und dritten Jahr

In den jeweils 3 Jahren vor und nach den bariatrischen Operationen fanden sich auf diese Weise unter allen Studienteilnehmern 158 Vorfälle bei 111 Patienten. Somit schädigten sich 1,3% selbst. Während 11 Patienten sowohl vor als auch nach dem Eingriff selbstschädigendes Verhalten zeigten, betraf dies 37 Personen ausschließlich vor der OP und 63 nur danach. Kein Patient kam dadurch ums Leben.

 
Es ist klinisch wahrscheinlich, dass dies (Selbstschädigungen) vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen betrifft. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Medikamente und Drogen waren für 115 Vorfälle (72,8%) verantwortlich, körperliche Selbstbeschädigung für 33 Vorfälle (20,9%), toxische Chemikalien führten zu 12 (7,6%) und Alkohol zu 8 (5,1%) Notaufnahmen. In 53,8% aller Fälle kam ein Notarztwagen zum Einsatz, und ebenfalls 53,8% der Patienten mussten im Krankenhaus bleiben.

Auffällig: Jene Intoxikationen und Selbstbeschädigungen, die nach den bariatrischen Eingriffen passierten, überwogen nicht nur zahlenmäßig (92 versus 63), sie führten auch häufiger zur stationären Aufnahme. Und im zweiten und dritten Jahr nach dem Eingriff gab es mehr Vorfälle als im ersten.

Bhatti und seine Kollegen räumen ein, dass bariatrische Eingriffe den Alkoholmetabolismus verändern – ein Teil der erfassten Intoxikationen könnte also unabsichtlich passiert sein. Trotzdem mahnen er und seine Kollegen: „Alles in allem weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass noch mehr darauf hingearbeitet werden muss, zu verstehen, warum selbstschädigendes Verhalten im Zeitraum nach dem Eingriff zunimmt und wie diese Risiken reduziert werden könnten.“

 
Selbstschädigungen bis hin zum Suizid wären mit einer strukturierten Nachbetreuung vermutlich zu verhindern. Prof. Dr. Thomas Horbach
 

Tipps aus Deutschland: Langfristig begleiten

De Zwaan begrüßt die Studie aus Kanada: „Solche Trends bei seltenen Ereignissen kann man nur in riesigen Bevölkerungsstudien erkennen“, erklärt sie gegenüber Medscape Deutschland, „das kann man nicht schätzen, wenn man 300 Patienten im Jahr sieht, wie wir es tun.“ Außerdem gelte: „Es ist klinisch wahrscheinlich, dass dies vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen betrifft und diese Ereignisse eher nicht bei psychisch Gesunden auftreten.“ So war das offenbar auch in Kanada – 147 der 158 Vorfälle betrafen Menschen, die in den Jahren zuvor bereits eine Diagnose wie Angststörung, Depression oder psychische Störung durch Alkohol (Alkoholkrankheit) erhalten hatten.

Horbach betont, dass unter Chirurgen, die bariatrische Eingriffe durchführen, bekannt sei, dass etliche Patienten psychiatrische Komorbiditäten mitbringen. Dazu haben er und de Zwaan auch schon gemeinsam geforscht. Daraus dürfe nicht geschlossen werden, dass psychisch nicht völlig stabile Menschen keinen Magenbypass erhalten dürften. „Wir operieren diese Patienten trotzdem, und viele sind nach der Operation begeistert“, hebt er hervor. „Aber manchen geht es eben auch schlechter. Selbstschädigungen bis hin zum Suizid wären mit einer strukturierten Nachbetreuung aber vermutlich zu verhindern.“

 
Man muss Risikopatienten mit psychischen Erkrankungen besser nachbetreuen. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Einem Alkoholiker sage nach dem Entzug auch niemand, dass er nie mehr etwas für seine Gesundheit tun müsse, gibt Horbach zu bedenken. Eine Investition in die längere Begleitung von Menschen nach Adipositaschirurgie könnte sie langfristig körperlich und seelisch stabilisieren. Zu bedenken sei hierbei: Das erste Jahr nach der Operation ist für viele Patienten gut zu bewältigen – die Kilos purzeln schnell, Diabetes und andere Komorbiditäten verbessern sich. „Dann ist die Honeymoon-Phase vorüber, das Gewicht stagniert, eventuell vorhandene Alltagsprobleme sind noch da“, warnt Horbach. In jener Zeit sei der Griff zu Flasche oder Tablette für einige offenbar verführerisch.

De Zwaan empfiehlt: „Wie die Autoren beschrieben haben, muss man Risikopatienten mit psychischen Erkrankungen besser nachbetreuen.“ Horbach wünscht sich, dass in Zukunft eine strukturierte, länger andauernde Nachbetreuung für alle Patienten finanziert wird. „Passende psychologische Re-Screenings könnten unaufwändig und günstig stattfinden, etwa mit Hilfe von Fragebögen im Rahmen von Ernährungsberatungen oder mit Online-Tools“, nennt er einen möglichen ersten Schritt. Wer dabei auffällige Ergebnisse zeige, könne dann einer geeigneten Therapie zugeführt werden.

 

REFERENZEN:

1. Bhatti JAB, et al: JAMA Surg (online) 7. Oktober 2015

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....