Schmerzmediziner zu Cannabinoiden bei Rheuma: Im Prinzip nicht empfehlenswert – doch als Option?

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

16. Oktober 2015

Mannheim – Es gibt einige positive Daten zum Einsatz von Cannabinoiden, etwa als Schmerzmittel bei Rheuma. Doch diese reichen nicht aus. Die Datenlage sei schwach, resümierte Prof. Dr. Winfried Häuser, Klinik Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim: „Wir können derzeit nicht empfehlen, Rheuma-Patienten mit Cannabis-Produkten zu behandeln.“

Dies bedeute aber auch nicht, dass Cannabis ein absolutes „No-Go“ für Schmerzpatienten sei, schränkte der Wissenschaftler gleichzeitig ein. „Das schließt nicht aus, dass Ärzte Patienten, die als austherapiert gelten und bei denen sonst nichts hilft, mit Cannabinoiden behandeln.“ In Einzelfällen seien mit Cannabis-Produkten bei solchen Patienten bereits sehr gute Erfolge erzielt worden.

Allerdings monierte er derzeit noch einen „unhaltbaren Zustand“ in Deutschland, was die Verordnung von Cannabis-Produkten angeht. „Bei uns herrschen nur extrem eingeschränkte Möglichkeiten im Vergleich etwa zu Ländern wie USA, Kanada oder Israel.“ In Deutschland fallen diese Produkte unter das Betäubungsmittelgesetz (BtmG) und Cannabis Flos z.B. wird als nicht verkehrsfähiger Stoff klassifiziert – Verkauf und Handel sind verboten, der Konsum nicht.

Auf BtM-Rezept ist die Verordnung möglich, doch die Kassen zahlen nicht

Als einziges Cannabis-Medikament ist in Deutschland das Mundspray Sativex® auf dem Markt – zugelassen für die Indikation schmerzhafte Spasmen bei Multipler Sklerose. Die Cannabinoide Dronabinol und Nabilon sind zwar nicht in Deutschland zugelassen, könnten aber theoretisch vom Arzt auf einem BtM-Rezept verordnet werden, erläuterte Häuser. Weil sich aber die Krankenkassen in der Regel weigerten, die Kosten zu übernehmen und die Patienten die Therapie, die mehrere 100 bis über 1.000 Euro pro Monat, etwa für das so genannte „Apotheken-Cannabis“ kostet, bezahlen müssten – bleibt es meist bei der theoretischen Möglichkeit. 

Auch der Eigenanbau von Hanf zur Selbstmedikation ist kein Ausweg. Zwar gab es im Juli 2014 ein vielbeachtetes Urteil des Verwaltungsgerichts Köln, das dies erlaubte. Doch hat laut Häuser die Bundesregierung Widerspruch eingelegt – und es ist daher nicht rechtskräftig. Und auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es Bedenken gegen eine solche Selbstmedikation.

 
Wir können derzeit nicht empfehlen, Rheuma-Patienten mit Cannabis-Produkten zu behandeln. Prof. Dr. Winfried Häuser
 

„Der THC-Gehalt kann extrem schwanken, zwischen zehn und 30 Prozent“, erläuterte Häuser. Und Prof. Dr. Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V., warnte bei einer Pressekonferenz: „Patienten, die sich mit dem sogenannten Medizinalhanf oder Cannabis aus Eigenanbau selbst behandeln, führen ihrem Körper ein in seiner Dosis permanent schwankendes Medikament zu und riskieren belastende Nebenwirkungen.“

Häuser hofft jedoch auf eine Besserung der Situation: „Die Bundesregierung will die Hürden für den medizinischen Einsatz senken.“ Auch die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. plädiere für ein Gesetz zum medizinischen Gebrauch von Cannabis-Produkten, damit die Verordnungen dann langfristig über die Krankenkassen abgerechnet werden können.

Hohe Erwartungshaltung der Patienten erschwert Wirksamkeitsnachweis

Doch zuvor müssten natürlich auch ausreichende Daten zur Wirksamkeit und langfristigen Sicherheit des Einsatzes von Cannabis-Produkten vorliegen, betonte Häuser. „Dabei müssen die gleichen Standards für Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweis gelten wie für andere Medikamente auch.“ Daran mangelt es aber noch, wie Häuser selbst – gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Israel und Kanada – anhand einer systematischen Literatursuche, die bislang noch nicht publiziert ist, festgestellt hat.

Der Review bezog nur randomisierte kontrollierte klinische Studien (RCT) mit ein und analysierte den Einsatz von Cannabis-Produkten bei rheumatischen Erkrankungen mit chronischem Schmerz. Es fanden sich nur wenige kleine Studien:

  • • 2 RCT mit Nabilon über 2 bzw. 6 Wochen mit 71 Patienten mit Fibromyalgie-Syndrom;

  • • 1 RCT mit Nabilon über 4 Wochen mit 30 Rückenschmerz-Patienten;

  • • 1 RCT mit THC/Cannabidiol über 5 Wochen mit 58 Patienten mit rheumatoider Arthritis.

 
Wir wollen Schmerzpatienten nicht die Therapie mit Cannabinoiden vorenthalten. Aber gebraucht werden mehr Studien und mehr Medikamenten- zulassungen. Michael Schäfer
 

In der Zusammenschau konnten diese Studien laut Häuser „nicht den eindeutigen Beweis erbringen“, dass Cannabis-Produkte besser wirksam waren als die Vergleichssubstanzen – meist Placebo, in einer Nabilon-Studie bei Fibromyalgie wurde gegen das Antidepressivum Amitryptilin getestet. „Das heißt nicht, dass es nicht doch im Einzelfall wirksam sein kann“, räumte er ein.

Tagungspräsident Prof. Dr. Martin Marziniak, Klinik für Neurologie am kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost, gab zu bedenken, dass „die hohe Erwartungshaltung“ der Patienten bei Cannabis-Studien oft für einen ausgeprägten Placebo-Effekt sorge – und damit den Wirksamkeitsnachweis erschwere.

Die Verträglichkeit der Therapie war, so Häuser, in diesen Kurzzeit-Studien in der Regel gut, bei den berichteten Nebenwirkungen handelte es sich vor allem um Konzentrationsstörungen, Müdigkeit oder Sedierung. 

Das Fazit der Experte und die derzeitige Position der deutschen Schmerzgesellschaft fasste Schäfer in Mannheim zusammen: „Wir wollen Schmerzpatienten nicht die Therapie mit Cannabinoiden vorenthalten. Aber gebraucht werden mehr Studien und mehr Medikamentenzulassungen.“ 

Die Schmerzexperten hoffen, bei ihrem nächsten Jahreskongress bereits bessere Daten vorlegen zu können. Bis dahin sollen die RCT zur Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabinoiden beim Nervenschmerz ausgewertet sein.

 

REFERENZEN:

Deutscher Schmerzkongress 2015, 14. bis 17. Oktober 2015, Mannheim

Kommentar

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