Depression: Studie liefert neurochemische Erklärung für den antidepressiven Placebo-Effekt

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

13. Oktober 2015

Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat man beobachtet, dass ein wachsender Anteil von Patienten auf die Gabe von Placebo positiv anspricht, vor allem auch Menschen, die an einer schweren Depression leiden. Da es bislang nicht möglich war, zwischen dem Ansprechen auf ein Antidepressivum und dem auf ein Placebo zu unterscheiden, ist die Suche nach neuen Wirkstoffen für die Behandlung von neuropsychiatrischen Erkrankungen fast zum Erliegen gekommen.

Aufgrund einer in JAMA Psychiatry veröffentlichten Studie könnte sich das nun ändern, denn sie stellt erstmals einen Zusammenhang zwischen dem antidepressiven Placebo-Effekt und neurochemischen Veränderungen im Gehirn her [1]. Wie Dr. Marta Pecina von der Abteilung für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität Michigan in Ann Arbor und Co-Autoren berichten, spielt dabei die Aktivierung des körpereigenen opioiden Systems eine Rolle, das bereits von demselben Team als placebo-induzierter natürlicher Schmerzkiller identifiziert worden war.

Ist Placebo eine echte Therapie-Option?

Angesichts der Tatsache, dass bis zu 45% der dokumentierten Wirksamkeit in einer Arzneimittel-Studie auf den Placebo-Effekt entfallen kann, hat die erfasste neurobiologische Reaktion ihr eigenes Gewicht. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gabe von Placebo die natürliche Widerstandskraft zu steigern vermag und damit die Krankheit leichter zu überwinden hilft“, schreiben die Autoren.

Sie sehen darin einen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Therapeutika. Den Nachweis einer neurobiologischen Reaktion auf das Placebo interpretiert Dr. Maurizio Fava vom Massachusetts General Hospital in Boston in einem begleitenden Kommentar etwas anders [2]: Dieser Befund liefere vielmehr einen weiteren Grund dafür, bei Depression als Ersttherapie öfter eine Behandlung mit Placebo in Betracht zu ziehen, meint er.

 
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gabe von Placebo die natürliche Widerstandskraft zu steigern vermag und damit die Krankheit leichter zu überwinden hilft. Dr. Marta Pecina und Co-Autoren
 

Der Überlegung von Fava kann Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, nicht uneingeschränkt folgen. Seiner Einschätzung nach gilt dies nur für leichtgradige Formen einer Depression. „Zumindest bei mittelschweren und schweren Depressionen ist die Überlegenheit einer Therapie mit Wirksubstanzen klar dargelegt“, äußert der Mannheimer Psychiater gegenüber Medscape Deutschland.

Eine Depressionstherapie weise stets Komponenten auf, die auch ohne eine Wirksubstanz wesentlich zu einer Besserung der Depression beitragen, beispielweise ein auf Hinwendung und Wertschätzung fußendes Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt, wie Meyer-Lindenberg erläutert. Entsprechend den aktuellen Leitlinien sollte eine erfolgversprechende Therapie daher sowohl substanzgebundene als auch psychologische Wirkfaktoren enthalten.

Patienten mit Placebo-Effekt reagieren auch auf Antidepressiva besser

In der aktuellen Arbeit deckten die Autoren mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und unter Einsatz eines radioaktiven Markers für den µ-Opioid-Rezeptor die neurochemischen Veränderungen im Gehirn unter Placebo-Wirkung auf. Die Aktivierung des opioiden Systems war bei den Patienten besonders deutlich, die in der Placebo-Phase scheinbar hochwirksame Pillen erhalten hatten und von einer deutlichen Milderung ihrer Beschwerden berichteten.

Diese Personengruppe sprach auch besonders gut auf die anschließende Behandlung mit Antidepressiva an. Letztlich ließ sich bei der Responder-Gruppe sogar eine Remissionsrate von 60% feststellen gegenüber 20% bei der Non-Responder-Gruppe.

 
Zumindest bei mittelschweren und schweren Depressionen ist die Überlegenheit einer Therapie mit Wirksubstanzen klar dargelegt. Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg
 

An der 2-phasigen Studie nahmen anfangs 35 Patienten teil, die bislang nicht medikamentös behandelt worden waren. Für die Placebo-Phase wurden sie auf 2 Gruppen verteilt, die entsprechend eines Crossover-Ansatzes 2 aufeinanderfolgende Testwochen durchliefen. Dabei erhielten die beiden Gruppen jeweils eine Woche lang identische Placebos als Pillen, die das eine Mal als schnell wirkendes Mittel bzw. das andere Mal als inaktiv beschrieben worden waren.

Nach jeder Testwoche haben die amerikanischen Psychiater die Patienten per Hirn-Scanner untersucht. In der zweiten Phase erhielten die Patienten 10 Wochen lang einen Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer oder, wenn klinisch erforderlich, ein anderes Antidepressivum.

Impulse für klinische Forschung und Studiendesign

Zu den Regionen, in denen die Placebo-induzierte Freisetzung von Opioiden nachgewiesen werden konnte, gehörten der mediale Thalamus, der Nucleus accumbens, die Amygdala und der subgenuale anteriore cinguläre Kortex. Diese Gebiete bilden ein neuronales Netzwerk, das Einfluss auf die Gefühle, die Stressbewältigung und die Pathophysiologie einer schweren Depression nimmt, wie die Autoren der Studie schreiben.

Auch Meyer-Lindenberg sieht in dem Nachweis eines neurochemischen Korrelats für den Placebo-Effekt bei depressiven Patienten eine wesentliche Erkenntnis zum Wirkmechanismus. „Durch ein geschicktes Studiendesign konnten die Autoren mehrere alternative Erklärungen ausschließen und so noch klarer eine Beziehung zwischen Hirnmechanismus und Placebo-Wirksamkeit zeigen.“ Damit dürfte auch, so das Vorstandsmittglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) weiter, ein größeres Interesse geweckt werden, Placebos in klinischen Studien detaillierter zu testen als bisher üblich.

Der amerikanische Kommentator Fava wird in dieser Hinsicht schon konkreter. „Mit Hilfe neuronaler Bildgebung (Neuroimaging) als Denkansatz ließe sich jene Patientengruppe von vornherein identifizieren, die sowohl auf Placebo als auch auf eine aktive Behandlung anspricht“, schreibt er. Die Einbindung von Neuroimaging in herkömmliche Studiendesigns mit Placebo-Anteil könnte so klinische Studien im Hinblick auf die Aufdeckung antidepressiver Effekte aussagekräftiger machen und man könnte sogar mit weniger Testpersonen auskommen, lautet seine Schlussfolgerung.

 

REFERENZEN:

1. Pecina M, et al: JAMA Psychiatry (online) 30. September 2015

2. Fava M: JAMA Psychiatry (online) 30. September 2015

Kommentar

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