IGeL in der Kritik: Das Portal IGeL-Ärger listet nach einem Jahr 1.500 Beschwerden auf

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

9. Oktober 2015

Vor einem Jahr ging das Patientenportal IGeL-Ärger der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) an den Start. Innerhalb des ersten Jahres haben sich 1.500 Patienten über die individuellen Gesundheitsleistungen beschwert. Am weitesten verbreitet ist dabei der Unmut über Früherkennungsuntersuchungen wie die Glaukomuntersuchung, die Ultraschalluntersuchung der Brust und die Messung der Knochendichte.

Roland Stahl

„Man muss diese 1.500 Beschwerden aber in Relation stellen: Vor dem Hintergrund von 600 Millionen Behandlungsfällen in Deutschland pro Jahr ist die Zahl verschwindend gering“, sagt dazu Dr. Georg Eckert, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte e.V. Die Zahl sei nicht besonders hoch, lautet auch die Einschätzung von KBV-Sprecher Roland Stahl. „Im Schnitt geht jeder von uns 17-mal im Jahr zu einem Arzt. Natürlich geht es dabei nicht jedes Mal um IGeL. Aber ich glaube, man muss die Zahl 1.500 vor diesem Hintergrund einordnen“, betont er gegenüber Medscape Deutschland.

Christiane Lange

„Die Beschwerden auf unserem Portal bilden nur die Spitze des Eisbergs“, sagt dagegen Christiane Lange, Juristin bei der Verbraucherzentrale NRW und Leiterin des Projektes, auf Nachfrage. Die Verbraucherzentrale sei nicht die einzige Stelle, die solche Beschwerden sammle, hinzu kämen z.B. die Krankenkassen und die Unabhängige Patientenberatung Deutschland.

Im Jahresbericht 2015 der Unabhängigen Patientenberatung nähmen Beschwerden über IGeL breiten Raum ein, berichtet Lange. Die Beschränkung auf Zahlen blende aus, dass es sich um ein „freiwilliges Register" handele und viele Verbraucher nicht bemerkten, wenn ihnen unberechtigte Forderungen begegneten oder kostenlose Alternativen verwehrt blieben.

 
Die Beschwerden auf unserem Portal bilden nur die Spitze des Eisbergs. Christiane Lange
 

Allerdings spiegelt dies eine Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus 2013 unter 6.093 Patienten diese Ansicht nicht wider: 21% der Befragten gaben dabei an, dass ihnen IGeL angeboten wurden, 90% berichteten, dass die Bedenkzeit dafür ausgereicht habe.

„Nutzen der Leistungen häufig umstritten“

„Die individuellen Erfahrungen liefern uns einen bislang schwer zugänglichen Einblick und einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion über die Qualität der Angebote des ‚Zweiten Gesundheitsmarktes‘“, so lautet die erste Bilanz von Gerd Billen, Staatssekretär beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, das IGeL-Ärger über zweieinhalb Jahre mit 689.900 Euro finanziert.

In der Regel, so Billen weiter, unterlägen die Angebote keiner Qualitätskontrolle oder Unbedenklichkeitsprüfung, bevor sie auf den Markt und an den Patienten gelangten. „Der Nutzen der Leistungen ist häufig umstritten. Es ist daher wichtig, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher unabhängig informieren können“, lautet seine Einschätzung.

Notwendige Untersuchungen, die die Kasse nicht mehr zahlt

In der Beschwerde-Hitliste steht die Glaukomfrüherkennung ganz oben. „In der Praxis spielt das kaum mehr eine Rolle, nachdem man dem Patienten erklärt hat, dass die Glaukomuntersuchung eine Vorsorgeuntersuchung ist und diese eben nicht mehr von den Kassen bezahlt wird“, stellt Eckert gegenüber Medscape Deutschland klar. Das Problem sei eher, dass dies den Patienten von den Kassen nicht klar kommuniziert würde. Stattdessen nährten Portale wie IGeL-Monitor den Verdacht, IGeL seien generell eher nutzlos, so Eckert.

„Natürlich“, so Stahls Einschätzung, „sind solche Portale dazu geeignet, unsachlich zu polemisieren. Schon der Titel IGeL-Ärger deutet ja auf eine Polemisierung hin. Aber wenn der Patient seinem Arzt vertraut, dann rütteln solche Portale nicht am Grundvertrauen“, betont Stahl.

 
Schon der Titel IGeL-Ärger deutet ja auf eine Polemisierung hin. Roland Stahl
 

Eckert gibt aber zu bedenken: Habe ein Patient die Vorstellung im Hinterkopf, dass IGeL eher zweifelhaft seien, dann verzichte er vielleicht auf notwendige Untersuchungen, weil die Kasse sie nicht mehr zahle.

Auf IGeL-Ärger selbst steht dazu: „Der größte Teil der heutzutage in der Praxis durchgeführten IGeL sind Früherkennungs- oder Vorsorgeuntersuchungen. Manche dieser Untersuchungen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nur in bestimmten Risikofällen (familiäre Vorbelastung) oder bei begründetem Krankheitsverdacht. In allen anderen Fällen, in denen die zusätzlichen Untersuchungen auf eigenen Wunsch der Patienten ohne medizinische Notwendigkeit erfolgen, müssen die Kosten selbst bezahlt werden.“

Begründeter Verdacht ohne Symptome – wie geht das?

Dass die Kassen behaupten, die Glaukomuntersuchung werde bei „begründetem Verdacht“ bezahlt, hält Augenarzt Eckert dagegen für Augenwischerei: „Kommt ein Patient in die Praxis und will den Augeninnendruck messen lassen, weil sein Vater am Glaukom erkrankt ist, reicht das für einen begründeten Verdacht nicht aus“, erklärt er. Es sei ja gerade das Heimtückische am Glaukom, dass es keine Symptome mache. „Der Patient bemerkt erst dann etwas davon, wenn der Sehnerv schon irreparabel geschädigt ist“, betont er. Ohne Früherkennung drohe die Erblindung.

Die Tonometrie allein reiche meist nicht aus – es gebe Patienten, deren Sehnerv geschädigt werde, obwohl der Druck mit 16 mmHg im guten Mittelfeld liege. „Beim Glaukom spielt immer auch die individuelle Sehnervempfindlichkeit eine Rolle“.

Kommentar

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