Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Magen: Ist Helicobacter pylori auch ein gutes Bakterium?

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

1. Oktober 2015

Leipzig – In wenigen Wochen werden die neuen Leitlinien zur Eradikation von Helicobacter pylori erscheinen – u.a. verabschieden sie sich von der Standard-Triple-Therapie als alleiniger Therapieoption. Das weltweit auftretende Bakterium, das sich derzeit auf dem Rückzug befindet, war daher auch beim Kongress Viszeralmedizin in Leipzig Thema. Doch es geht längst nicht mehr nur darum, wie man es am besten eradiziert. Immer intensiver werden inzwischen die möglichen Vorteile einer Infektion mit dem Magenkeim diskutiert.

 
Seit 100.000 Jahren wird das Bakterium (H. pylori) im Menschen gefunden. Prof. Dr. Siegfried Wagner
 

So referierte Prof. Dr. Siegfried Wagner, Chefarzt der Medizinischen Klinik II, DONAUISAR Klinikum, Düsseldorf, über inverse Assoziationen zwischen einer Helicobacter-pylori-Infektion und Krankheiten wie Asthma, gastroösophagealer Refluxerkrankung (GERD) oder auch Atopien.

„Seit 100.000 Jahren wird das Bakterium im Menschen gefunden“, nannte Wagner die Gründe, warum einige renommierte Wissenschaftler davon ausgehen, dass Helicobacter pyloriauch Vorteile haben muss. „Interessant ist nämlich, dass das Bakterium genetisch eine sehr große Diversität hat, aber innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen einige Abschnitte so stark konserviert sind, dass man daran sogar die Völkerwanderungen nachvollziehen kann.“ 

Vier Fünftel der Infizierten bleiben ein Leben lang ohne Symptome

Dass es sich nicht immer um ein gefährliches Bakterium handelt, erkenne man auch an der Tatsache, dass von allen infizierten Menschen 80% ihr Leben lang beschwerdefrei bleiben – im Gegenteil, eine Infektion scheint sogar Vorteile mit sich zu bringen.

In Bezug auf die Refluxerkrankungen zum Beispiel ist eine klar negative Assoziation zwischen H. pyloriund dem Barrett-Ösophagus, einer Komplikation der Refluxerkrankung, sowie dem Barrett-Karzinom gezeigt worden. Aus einer Metaanalyse aus dem Jahr 2012 geht hervor, dass H. pylorimit einer 54-prozentigen Reduktion des Barrett-Ösophagus assoziiert ist.

 
Was passiert zum Beispiel, wenn man H. pylori eradiziert? Kommt es dann zum Auftreten von Refluxösophagitis oder Refluxsymptomen? Prof. Dr. Siegfried Wagner
 

„Zu einem Zusammenhang mit dem Barrett-Karzinom gibt es sogar noch viel mehr Daten“, berichtete Wagner, „Hierzu gab es zwei Metaanalysen aus dem vorvergangenen und dem vergangenen Jahr, die beide zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen, nämlich dass H. pylori zu einer 43- beziehungsweise 44-prozentigen Reduktion von Adenokarzinomen des Ösophagus führt.“

Trotz dieser Assoziationsstudien bleiben Fragen. „Was passiert zum Beispiel, wenn man H. pylorieradiziert?“, fragte Wagner. „Kommt es dann zum Auftreten von Refluxösophagitis oder Refluxsymptomen? Und gibt es Unterschiede bei Patienten mit GERD, Dyspepsie oder auch einem Ulkus?“ Eine in diesem Jahr erschienene Metaanalyse untersuchte Studien, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigten, konnte allerdings keine signifikanten Unterschiede im Auftreten der Refluxsymptome oder einer Refluxösophagitis nach Eradikation nachweisen. Es zeigte sich auch kein vermehrtes Auftreten der Grunderkrankungen Ulkus, GERD oder Dyspepsie.

„Die Quintessenz aus diesen Studien ist, dass H. pylorizwar ganz klar assoziiert ist mit vermindertem Auftreten von Barrett-Ösophagus und Adenokarzinom“, resümierte Wagner. Allerdings verursache eine Eradikation auch keine Refluxsymptome und induziere auch nicht direkt eine Refluxerkrankung.  

H. pylori hat darüber hinaus keinen Einfluss auf die Motilität, den unteren Ösophagus-Sphinkter und den pH-Wert im Ösophagus. Sein Einfluss in der Pathophysiologie, in die der Säuregehalt des Magens genauso hineinspielt wie Magenhormone und Immunantworten, scheint vielmehr indirekter Art zu sein.

 
Die Frage zur Assoziation H. pylori und Asthma muss offen bleiben. Prof. Dr. Siegfried Wagner
 

Einerseits kann bei komplizierten Refluxerkrankungen, insbesondere dem Barrett-Ösophagus, die Magensäuresekretion und damit die gastrale Azidität erhöht sein. Andererseits ist aber der negative Zusammenhang zwischen Helicobacterund Barrett-Ösophagus besonders ausgeprägt bei Patienten, bei denen die Azidität des Magens niedriger ist. Daher könnte „das Bakterium bei reduzierter Azidität sozusagen als Säureblocker wirken und auf diese Weise die Refluxerkrankungen verhindern“, stellte Wagner fest.

Widersprüchliche Erkenntnisse bezüglich Asthma

Dass Menschen mit H. pyloriseltener unter Asthma leiden, wurde im Laufe der Jahre in mehreren Studien nachgewiesen. „Sie sind zusammengefasst worden in zwei Metaanalysen aus dem Jahr 2013, die ebenfalls beide zu ähnlichen Ergebnissen kamen“, berichtete Wagner. „Demnach existiert ein schwacher, aber signifikant protektiver Effekt, der bei Kindern stärker ist als bei Erwachsenen.“ Bei Kindern reduziert sich das Risiko um 19%, bei Erwachsenen um 11%.

„Es besteht damit eine signifikante, wenn auch eher eine schwache inverse Verbindung“, so Wagner. Hierzu gibt es auch pathophysiologische Modelle. „Das Postulat ist, dass H. pyloriin der Kindheit vor einer gesteigerten Th2-Antwort, die als Auslöser von Asthma gesehen wird, schützen kann.“

Das zeigte sich bei Mäusen, bei denen Asthma durch Ovalbumin induziert worden war. H. pylori verhinderte in diesen Tieren ein allergisches Asthma, indem es regulatorische T-Zellen induzierte, die nicht nur im Magen, sondern auch in der Lunge nachgewiesen wurden. „Und es ließ sich sogar ein spezifisches Protein des H. pylori dafür verantwortlich machen“, erläuterte Wagner, und zwar das Helicobacter-pylori-Neutrophile-aktivierende Protein HP-NAP. Es bindet an die regulatorischen T-Zellen und verhindert die Th2-assoziierte Zytokinbildung. „Dieses pathophysiologische Modell ist ein spannender proof of principle, aber natürlich noch kein Beweis dafür, dass es sich beim Menschen ebenso verhält.“

 
Hier haben wir auch das Problem, dass andere Keime ebenfalls vor Atopien schützen können. Prof. Dr. Siegfried Wagner
 

Gegen die Theorie, dass H. pyloriAsthma entgegenwirken könnte, sprechen allerdings epidemiologische Beobachtungen. So tritt Asthma in Gegenden, in denen das Bakterium seltener auftritt, wie zum Beispiel in Malaysia, deswegen nicht häufiger auf. Zudem wurde in England im vergangenen Jahrzehnt ein Rückgang von Asthma bei Kindern beobachtet – und zwar in allen sozioökonomischen Schichten. Da H. pylorijedoch in den oberen Schichten seltener auftritt, müsste, falls das Bakterium vor Asthma schützt, die Erkrankung vor allem in den unteren Schichten abnehmen. „Hier spricht die Epidemiologie gegen das Modell.“

Wagner bedauerte abschließend: „Das Hauptproblem allerdings ist, dass es bislang keine Eradikationsstudien gibt, die das Neuauftreten von Asthma untersucht hätten. Zusammengefasst würde ich damit sagen, die Frage zur Assoziation H. pyloriund Asthma muss offen bleiben.“

Unterschiedliche Keime können Atopien beeinflussen

Auch zum Zusammenhang zwischen H. pylori und Atopien gibt es eine neue Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr. Demnach ist Helicobacter mit einer 18-prozentigen und damit schwachen, aber signifikanten Reduktion von Atopien assoziiert. „Aber hier haben wir auch das Problem, dass andere Keime ebenfalls vor Atopien schützen können.“

Für intestinale Parasiten zum Beispiel wurde in einer weiteren Metaanalyse gezeigt, dass sie Atopien sogar um 31% reduzieren können. Unterm Strich bedeutet das, „dass viele unterschiedliche Faktoren protektiv wirken und der Beitrag von Helicobacter pyloridabei unklar bleibt“, konstatierte Wagner.

Gesichert bleibt also vor allem die klar inverse Assoziation von Helicobacter pylorimit bestimmten Erkrankungen. Und dass noch viel Forschungsarbeit vonnöten ist, um die Hypothese vom guten Bakterium zu belegen.

 

REFERENZEN:

1. 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), 16. bis 19. September 2015, Leipzig

Kommentar

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