„Gesundheits-Willkommensmappe“ für Flüchtlinge: Wie Ärzte die Versorgung von Menschen aus Krisengebieten angehen

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

30. September 2015

Dr. Thomas Nicolai

Der Zustrom an Flüchtlingen ist – nach kurzer Entspannung der Lage – derzeit wieder ungebrochen. Nicht nur die Unterbringung wird immer schwieriger, auch die medizinische Versorgung stellt eine große Herausforderung dar. Wie die Situation in den Erstaufnahmelagern gemeistert wird, beschreibt Dr. Thomas Nicolai, Leitender Oberarzt und Abteilungsleiter Intensivmedizin an der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, im New England Journal of Medicine [1]. „Die Hilfsbereitschaft ist gewaltig und es ist eine gute Stimmung entstanden, weil man gemeinsam etwas auf die Beine gestellt hat“, freut er sich. „Unser Problem ist allerdings die Verstetigung des Prozesses.“

Prof. Dr. Gerhard Trabert

Dem stimmt Prof. Dr. Gerhard Trabert, Sozialmediziner an der Hochschule Rhein-Main, völlig zu. Trabert versucht in Mainz die Weiterversorgung zu organisieren. „Den Politikern scheint die Dringlichkeit der Lage nicht klar zu sein. Sie gehen davon aus, dass mit der Erstuntersuchung, deren Dokumentation und dem Screening auf Tuberkulose erst einmal das Notwendige getan ist. Das ist mir zu träge. Wir handeln jetzt einfach.“ Trabert ist Gründer der medizinischen Ambulanz für Bedürftige des Vereins armut+gesundheit (a+g) in Mainz (wie Medscape Deutschland berichtete).

Die Menschen sind körperlich meist nicht ernsthaft krank

In den Erstaufnahmelagern werden die Flüchtlinge einer freiwilligen ersten ärztlichen Untersuchung unterzogen. „Hier sehen wir eigentlich nichts wirklich Schlimmes“, berichtet Nicolai. „Es sind vor allem infizierte, weil nicht oder unterversorgte Wunden, um die wir uns kümmern, Atemwegs- und andere Infektionen natürlich, viele dehydrierte oder unterkühlte Kinder und auch Malaria spielt eine Rolle“, beschreibt er die dringlichsten Probleme.

Zudem seien auch erstaunlich viele Kinder chronisch krank, hätten Diabetes oder Asthma. „Parasiten treten natürlich auch auf, weil die Menschen im Freien schlafen mussten oder eng zusammengepfercht in Massenunterkünften. Da gerät man mit seiner persönlichen Hygiene in Schwierigkeiten“, so Nicolai. Eine hierzulande kaum bekannte, aber sehr ernste Erkrankung ist das Läuse-Rückfallfieber.

 
Hier sehen wir eigentlich nichts wirklich Schlimmes. Dr. Thomas Nicolai
 

Nach der ersten freiwilligen Untersuchung erhalten ernsthafter Erkrankte einen „kleinen Arztbrief“ als Dokumentation für die stationäre Behandlung. „Diese zweite Untersuchung ist verpflichtend für alle, die Asyl beantragen wollen“, erzählt Nicolai. Dabei wird zumindest in München jeder ab 16 Jahren auf Tuberkulose hin geröntgt. „Es stellte sich heraus, dass Tuberkulose doch ein Problem darstellt. Das hat uns schon beschäftigt.“

Längerfristig allerdings sieht Dr. Werner Schimana, Abteilungsleiter im Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München, kein Problem bezüglich dieser oder anderer ansteckender Erkrankungen: „Rund ein Prozent der Flüchtlinge, die auch hier bleiben, haben Tuberkulose. Das ist nicht viel, und außerdem werden sie adäquat auf infektiologischen Stationen behandelt, so dass keine Gefahr für die Öffentlichkeit besteht. Die Angst einiger vor eingeschleppten Krankheiten ist von den nackten Zahlen her unbegründet.“

In Mainz organisiert sich die Weiterversorgung

In Mainz hat Trabert nun begonnen, was immer dringlicher wird: In einer Unterkunft von rund 400 Flüchtlingen hat er eine „aufsuchende Sprechstunde“ mit seinem Arztmobil eingerichtet. „Seit drei Wochen arbeiten wir dort und haben nun sogar einen kleinen Raum zur Verfügung gestellt bekommen“, freut er sich. „Es sind sehr schnell viele Leute zu uns gekommen. Sie haben sogar eine halbe Stunde im Regen gestanden und gewartet, bis sie an der Reihe waren. So etwas darf natürlich kein Dauerzustand sein.“

Die Behandelten erhalten eine sogenannte „Gesundheits-Willkommensmappe“. Sie enthält einen Patientenpass, einen Impfausweis, gegebenenfalls ein Vorsorgeheft für Kinder oder Mutterpass, einen Stadtplan, ein auf Bildsprache beruhendes Zeigewörterbuch sowie – wenn möglich – einen Anamnesebogen in der jeweiligen Landessprache. Der Verein a+g stellt auf seiner Homepage Anamnesebögen in 16 Sprachen zum Download bereit, die sich großen Interesses erfreuen. „Wir haben Resonanz von der Berliner Charité bis hin zu Ärzten in Salzburg dazu. Erfreulich ist dabei auch, dass die Übersetzungen laufend ergänzt werden.“

 
Es ist naiv zu glauben, dass die Menschen sich bei einer Behörde einen Krankenschein holen und sich dann einen Arzt suchen. Prof. Dr. Gerhard Trabert
 

Die Sprechstunde vor Ort ist eine der Forderungen, die Trabert laut einer vom Verein armut+gesundheit (a+g) herausgegebenen Pressemeldung an die Politik stellt. „In jeder Unterkunft mit mehr als 100 Menschen muss eine haus- und möglichst auch kinderärztliche Sprechstunde eingerichtet werden, in Kooperation mit den jeweiligen Sozialarbeitern. Es ist naiv zu glauben, dass die Menschen sich bei einer Behörde einen Krankenschein holen und sich dann einen Arzt suchen. Das ist ein viel zu kompliziertes Vorgehen, zumal wenn die Menschen kein Deutsch sprechen und sich in der Stadt nicht auskennen.“

Das allerdings hat zur Folge, dass notwendige Behandlungen oft verzögert stattfinden. In Niedersachsen kam es daher bereits zu einem Todesfall. Und in Zirndorf bei Nürnberg wurde ein am Wochenende erkranktes Mädchen von den Sicherheitsbeamten auf Montag vertröstet. Am Wochenanfang dann wurde die Familie ins Krankenhaus geschickt. Die Eltern wussten jedoch nicht, wie sie dorthin kommen sollten. Eine Privatperson fuhr sie schließlich hin. Das Kind hatte Meningitis und ist nun schwerstbehindert.

Verstetigung durch Gesundheitskarte

Hamburg hat in einer Untersuchung belegt, so berichtet Trabert, dass es günstiger ist, eine komplette Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge anzubieten, denn in der Verwaltung werden genauso Kosten eingespart wie bei der ärztlichen Versorgung. Findet die früher statt, werden teure Notfall- und Folgebehandlungen eingespart.

Derzeit haben Asylsuchende nach dem Asylbewerberleistungsgesetz § 4 lediglich ein Recht auf Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände. Chronische Erkrankungen oder Vorsorgebehandlungen wie Impfungen sieht das Gesetz nicht vor. „Das ist mit unserer ärztlichen Ethik nicht vereinbar“, moniert Trabert.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....