RADIANT-4 mit Everolimus: Erste wirksame Therapie für neuroendokrine Tumore der Lunge

Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

30. September 2015

Prof. Dr. James Yao

Wien – „Obwohl wir von früheren Studien wussten, dass Everolimus das Wachstum pankreatischer neuroendokriner Tumoren verzögern kann, konnten wir nun zum ersten Mal zeigen, dass es auch bei neuroendokrinen Tumoren anderer Lokalisation wirksam ist.“ Mit diesen Worten bewertete Prof. Dr. James Yao, University of Texas MD Anderson Cancer Center, Houston, die Ergebnisse der RADIANT-4-Studie. Der gastroenterologische Onkologe hat sie jetzt beim Europäischen Krebskongress (ECC) in Wien vorgestellt [1].

Der mTOR-Inhibitor Everolimus verlängert bei Patienten mit fortgeschrittenen nichtfunktionellen neuroendokrinen Tumoren (NET) des Gastrointestinaltrakts oder der Lunge das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant um 7,1 Monate im Vergleich zu Placebo. „Everolimus ist die erste gezielt wirkende Substanz, die eine verlässliche Antitumoraktivität bei akzeptabler Verträglichkeit über ein weites Spektrum von neuroendokrinen Tumoren zeigt“, so Yaos Fazit.

Neuroendokrine Neoplasien sind eine heterogene Gruppe von Tumoren, die in jedem Organ auftreten können. Am häufigsten kommen sie in der Lunge, im Gastrointestinaltrakt und im Pankreas vor. Bei funktionell aktiven Tumoren kommt es durch verstärkte Freisetzung von Hormonen durch die Tumorzellen zu Symptomen wie Durchfall oder Flush. Die meisten neuroendokrinen Tumoren sind jedoch funktionell nicht aktiv. „Sie werden deshalb häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert“, erläuterte Yao.

Everolimus ist die erste gezielt wirkende Substanz, die eine verlässliche Antitumoraktivität bei akzeptabler Verträglichkeit über ein weites Spektrum von neuroendokrinen Tumoren zeigt. Prof. Dr. James Yao

RADIANT-4-Studie mit Everolimus: Vor allem Patienten mit NET der Lunge und des Ileums

Der mTOR-Hemmer Everolimus gehört bei pankreatischen neuroendokrinen Tumoren zur Standardtherapie. Bislang sind die Therapiemöglichkeiten bei Patienten mit neuroendokrinen Tumoren im Gastrointestinaltrakt und in der Lunge jedoch begrenzt. Daher untersuchten Yao und seine Kollegen in der von Novartis unterstützten, doppelblinden, prospektiven und placebokontrollierten Phase-3-Studie RADIANT-4 (RAD001 in advanced neuroendocrine tumors) Wirksamkeit und Verträglichkeit von Everolimus bei 302 Patienten mit fortgeschrittenen nicht funktionell aktiven neuroendokrinen Tumoren des Gastrointestinaltrakts und der Lunge.

Tumoren in der Lunge (30%) und im Ileum (24%) waren am häufigsten. Über 50% der Patienten waren mit einem Somatostatin-Analogon, rund 25% mit Chemotherapie und 20% mit Radiotherapie vorbehandelt. Randomisiert erhielten 205 Patienten Everolimus (10 mg/Tag) und 97 Patienten Placebo jeweils zusätzlich zur besten supportiven Therapie. Sie wurden bis zur Progression, bis zu intolerablen Nebenwirkungen oder bis zum Widerruf des Einverständnisses behandelt.

Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS), zu den sekundären Endpunkten gehörten das Gesamtüberleben (OS), die Rate des kompletten und partiellen Ansprechens, die Krankheitskontrollrate und die Verträglichkeit.

Everolimus verlängerte progressionsfreie Zeit – Trend zum längeren Überleben

Der primäre Endpunkt der Studie wurde erreicht: Everolimus verlängerte die Zeit ohne Progression von 3,9 Monaten unter Placebo auf 11,0 Monate. Diese Verlängerung um 7,1 Monate entspricht einer Verringerung des relativen Risikos für eine Progression der Erkrankung oder Tod um 52% (p < 0,00001). Die bessere Wirkung von Everolimus konnte auch in allen vordefinierten Subgruppen nachgewiesen werden.

Die meisten neuroendokrinen Tumoren werden … häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert. Prof. Dr. James Yao

Die Daten reichen noch nicht aus, um sichere Aussagen zum Endpunkt Gesamtüberleben zu machen. Eine erste Interimsanalyse ergab einen Trend für ein längeres Überleben bei Behandlung mit Everolimus. Die nächste Analyse zum Gesamtüberleben soll im Jahr 2016 erfolgen.

Die komplette und partielle Ansprechrate war mit 2% unter Everolimus und 1% unter Placebo relativ niedrig. Bei 82,4% der Everolimus-Patienten und 64,9% der Placebo-Patienten konnte die Erkrankung kontrolliert werden (komplettes + partielles Ansprechen + Stabilisierung der Erkrankung).

Es wurden keine neuen, bislang noch nicht bekannten Nebenwirkungen von Everolimus beobachtet. Häufigste Grad-3/4-Nebenwirkungen waren Stomatitis (9%), Durchfall (7%) und Infektionen (7%).

Leitlinien müssen derzeit nicht geändert werden

Dr. Enrique Grande, medizinischer Onkologe vom Hospital Ramón y Cajal, Madrid, diskutierte die Ergebnisse der RADIANT-4-Studie in der Sitzung. Pluspunkte der Studie seien, dass es sich um eine positive, gut geplante randomisierte klinische Studie handele, die eine Wirkung von Everolimus auf das progressionsfreie Überleben bei nichtpankreatischen, nichtfunktionellen neuroendokrinen Tumoren belege.

„Everolimus ist die erste Substanz, für die in einer randomisierten Studie eine signifikante Wirkung bei neuroendokrinen Tumoren der Lunge belegt werden konnte“, so Grande. Die Ergebnisse aller 4 Studien im RADIANT-Programm seien konsistent und stützten die Anwendung von Everolimus bei Patienten mit disseminierten und progressiven neuroendokrinen Tumoren vom Grad 1 und 2 unabhängig von deren Lokalisation.

Everolimus ist die erste Substanz, für die in einer randomisierten Studie eine signifikante Wirkung bei neuroendokrinen Tumoren der Lunge belegt werden konnte. Dr. Enrique Grande

Wenngleich sich verschiedene Studien schwer direkt vergleichen lassen, zeigte Grande anhand der Daten der PROMID-, RADIANT-2- und SWOGS0518-Studien, dass das mit Everolimus in der RADIANT-4-Studie erreichte progressionsfreie Überleben nicht länger war als die mit Somatostatin-Analoga erreichten Werte.

Trotz der ermutigenden Daten zu Everolimus seien noch viele Fragen offen. So sei unklar, ob nach Versagen eines Somatostatin-Analogons Everolimus allein oder eine Erhaltungstherapie mit einer Kombination aus Somatostatin-Analogon und Everolimus sinnvoll sei.

Nach Ansicht von Grande müssen die derzeitigen Leitlinien zur Behandlung von neuroendokrinen Tumoren nicht geändert werden. Die Argumente für einen Monotherapie mit Everolimus nach Versagen eines Somatostatin-Analogons bei Patienten mit neuroendokrinen Tumoren seien unabhängig von der Lokalisation des Tumors jedoch stärker geworden.

REFERENZEN:

1. The European Cancer Congress 2015, 25. bis 29.September 2015, Wien

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....