Erstmals in Europa zur Zulassung empfohlen: Antidot für NOAK Dabigatran, ARNI gegen Herzinsuffizienz

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

28. September 2015

Insgesamt 19 Medikamente empfiehlt das Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der European Medicines Agency (EMA) in diesem Monat für die Zulassung, darunter auch das Pradaxa® (Dabigatran)-spezifische Antidot Praxbind® (Idarucizumab) und den ersten Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor (ARNI) zur Behandlung von Herzinsuffizienz, Entresto®.

Schnelle Aufhebung der Gerinnungshemmung in Notfallsituationen

Idarucizumab ist für den Einsatz in kritischen Notfallsituationen vorgesehen, in denen eine rasche Aufhebung der Dabigatran-induzierten gerinnungshemmenden Wirkung benötigt wird. Dies betrifft mit Dabigatran behandelte Patienten, die eine Notoperation benötigen, sowie Patienten mit nicht beherrschbaren oder lebensbedrohlichen Blutungskomplikationen.

Die positive CHMP-Empfehlung stützt sich auf Daten klinischer Studien mit gesunden Freiwilligen sowie den Zwischenergebnissen aus der zulassungsrelevanten Patientenstudie RE-VERSE AD. In diesen Analysen konnte eine sofortige Aufhebung der Gerinnungshemmung innerhalb weniger Minuten nach intravenöser Verabreichung von 5 g Idarucizumab festgestellt werden.

Die Substanz wirkte bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten, dies auch anhaltend. Dabei konnten keine durch Idarucizumab verursachten schwerwiegenden Nebenwirkungen festgestellt werden. Auch wurden keine Hinweise auf einen prothrombotischen Effekt nach Verabreichen des Antidots beobachtet.

Neues Medikament zur Behandlung der Herzinsuffizienz

Der ARNI Entresto® (Sacubitril/Valsartan) dient der Behandlung von Erwachsenen mit symptomatischer chronischer Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion. Er besteht aus dem Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) Valsartan und Sacubitril, dem ersten Verteter einer neuen Klasse von Medikamenten, dem Neprilysin-Inhibitoren. Entresto® wirkt auf 2 Wegen: Valsartan hemmt den Angiotensin-II-Typ-1-Rezeptor und Sacubitril hemmt das Enzym Neprilysin, wodurch die protektiven neurohormonellen Systeme des Herzens verstärkt werden. Aufgrund seines Wirkungsmechanismus soll Entresto nicht zusammen mit anderen ARBs oder einem ACE-Inhibitor gegeben werden.

Die Zulassungsempfehlung basiert auf einer randomisierten Studie, in der Entresto bei mehr als 8.000 Teilnehmern mit Herzinsuffizienz (und reduzierter Ejektionsfraktion) mit dem ACE-Inhibitor Enalapril verglichen wurde. Die Studienteilnehmer erhielten weitere Herzinsuffizienz-Medikamente. Sie wurden in die Studie eingeschlossen, wenn sie Entresto während einer Run-in-Periode vor Studienbeginn gut vertrugen.

Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil Entresto kardiovaskuläre Todesfälle wirksamer reduzierte als Enalapril. Die Patienten wurden median 27 Monate nachbeobachtet. In dieser Zeit starben in der Entresto-Gruppe 13,3% der Patienten und in der Enalapril-Gruppe 16,5%. Entresto reduzierte außerdem die Zahl der Patienten, die wegen der Herzinsuffizienz ins Krankenhaus eingewiesen wurden. Obwohl die Studienteilnehmer mit ACE-Inhibitoren und ARB vorbehandelt waren, kommt das CHMP zu dem Schluss, dass ein ähnlicher Benefit auch bei Patienten zu erwarten ist, die zuvor nicht mit diesen Arzneimitteln behandelt wurden.

Die häufigsten Nebenwirkungen von Entresto waren niedriger Blutdruck, Hyperkaliämie und Nierenbeeinträchtigung. Das CHMP empfiehlt deshalb, dass die Behandlung nicht bei Patienten mit Hypotonie oder hohen Kaliumspiegeln eingesetzt werden sollte. Es soll außerdem ein Follow-up-Programm geben, um die Sicherheit von Entresto zu überwachen, auch im Hinblick auf das Risiko für Angioödeme.

Weitere Zulassungsempfehlungen

Weitere Medikamente, die beim September-Meeting des CHMP eine Zulassungsempfehlung erhielten, sind:

  • • Kyprolis® (Carfilzomib) zur Behandlung von Patienten mit Multiplem Myelom, deren Erkrankung nach mindestens einer anderen Therapie rezidiviert ist. Carfilzomib wird in Kombination mit den Medikamenten Lenalidomid und Dexamethason eingesetzt.

  • • Blincyto™ (Blinatumomab) zur Behandlung der Philadelphia positiven akuten lymphatischen Leukämie (ALL). Das Komitee empfiehlt für Blinatumomab eine bedingte Zulassung, diese ist für ein Jahr gültig und muss dann erneuert werden. Die bedingte Zulassung soll den Marktzugang für Medikamente zu erleichtern, in deren Indikationsgebiet ein großer Bedarf besteht.

  • • Cotellic® (Cobimetinib) zur Behandlung des metastasierten Melanoms

  • • Genvoya® (Elvitegravir/Cobicistat/Emtricitabintenofoviralafenamid) zur Behandlung der HIV-Infektion

  • • Nucala® (Mepolizumab) zur Behandlung von Asthma

  • • Orkambi™ (Lumacaftor/Ivacaftor) zur Behandlung der zystischen Fibrose

  • • Numient™ (Levodopa/Carbidopa) zur Behandlung der Parkinson-Krankheit

  • • Lonsys™ (Fentanyl) zur Behandlung postoperativer Schmerzen

  • • Elocta™ (Efmoroctocog alfa) zur Behandlung der Hämophilie A

  • • Ravicti® (Glycerolphenylbutyrat) zur Behandlung von Störungen des Harnstoffzyklus

  • • Ebymect® (Dapagliflozin/Metformin) und Edistrid® (Dapagliflozin) zur Behandlung des Typ-2-Diabetes

Des Weiteren erhielten 5 generische Medikamente Zulassungsempfehlungen:

  • • Aripiprazol Accord (Aripiprazol) für Schizophrenie und die Behandlung manischer Episoden bei Bipolar-1-Störungen

  • • Ciambra (Pemetrexed), Pemetrexed Hospira (Pemetrexed) und Pemetrexed Medac (Pemetrexed) für die Behandlung des nicht resezierbaren malignen pleuralen Mesothelioms und des lokal fortgeschrittenen oder metastasierten nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms

  • • Cinacalcet Mylan (Cinacalcet) zur Behandlung von Hyperparathyreose und  Nebenschilddrüsenkarzinomen

Für 6 Medikamente empfiehlt das Komitee Indikationserweiterungen:

  • • Eylea® (Aflibercept): Sehstörungen durch myopiebedingte choroidale Neovaskularisation

  • • Gilenya® (Fingolimod): Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose mit hochaktiver Erkrankung trotz eines kompletten und adäquaten Behandlungsdurchlaufs mit mindestens einer krankheitsmodifizierenden Therapie

  • • Kalydeco® (Ivacaftor): Patienten mit zystischer Fibrose über 18 Jahren mit R117H-Mutation im CFTR-Gen; 2 neue Darreichungsformen: 50 mg- und 75-mg-Sachets

  • • Opdivo® (Nivolumab): lokal fortgeschrittenes oder metastasiertes nicht kleinzelliges Lungenkarzinom nach vorhergegangener Chemotherapie bei Erwachsenen

  • • Rebetol® (Ribavirin): Klarstellung der Medizinprodukte, die in Kombination mit Ribavirin verwendet werden dürfen, und Löschung mehrerer Kontraindikationen

  • • Vidaza® (Azacitidin): Erwachsene ab 65 Jahren, für die nicht für eine hämatopoetische Stammzelltransplantation geeignet sind, mit akuter myeloischer Leukämie mit mehr als 30% Blasten nach WHO-Klassifikation

 

REFERENZEN:

1. Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP), 21. bis 24. September 2015

 

Kommentar

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