Extraportion Sauerstoff: Unter O₂-Überdrucktherapie überleben mehr Patienten mit diabetischem Fußulcus

Becky McCall

Interessenkonflikte

25. September 2015

Stockholm – Nach einer hyperbaren Sauerstofftherapie überleben mehr Patienten mit chronischen diabetischen Fußgeschwüren als nach einer Placebo-Therapie. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie nach 6-jährigem Follow up. Präsentiert wurde sie auf dem Kongress der Europäischen Diabetes-Vereinigung EASD von Dr. Magnus Löndahl, Lund Universität, Schweden [1].

In der randomisierten, doppelblinden HODFU-Studie (Hyperbaric Oxygen Therapy as Adjunctive Treatment of Chronic Diabetic Foot Ulcers) stellten die Forscher bereits nach einem Jahr eine signifikant bessere Heilungsrate der Geschwüre durch die hyperbare Sauerstofftherapie gegenüber Placebo-Behandlung fest. Nach nun 6 Jahren leben noch 63,2% der Patienten aus der Therapie-Gruppe gegenüber 40,5 aus der Placebo-Gruppe, die lediglich mit hyperbarer Luft behandelt wurde (p ˂ 0,05).

Dr. Giel Nijpels, Freie Universität Amsterdam und Moderator der Sitzung, kommentierte den potenziellen klinischen Einsatz der hyperbaren Sauerstofftherapie: „Es scheint zu funktionieren, aber wir sollten auch die Nachteile erwägen, einschließlich der hohen Kosten. Auch habe ich einige Zweifel bezüglich der Art der Datenanalyse. Ich bin nicht sicher, ob diese völlig korrekt ist. Das Problem besteht darin, dass versucht wurde, die Patienten zu verblinden und dass es eine große Abbruchrate gab.“ Und er fügte hinzu: „Auch möchte ich zu bedenken geben, dass diese Behandlung nur in großen Zentren möglich ist. Es ist also nicht leicht, diese Therapie durchzuführen.“

Hyperbare Sauerstofftherapie verbessert Überlebensrate nach sechs Jahren

Die Patienten der Studie litten zwischen 23 und 21 Jahre lang an Typ-2-Diabetes, waren zwischen 67 und 71 Jahre alt und hatten seit 10,3 bis 11,4 Monaten Geschwüre am Fuß. Die Notwendigkeit oder Möglichkeit zu einem gefäßchirurgischen Eingriff war für die in die Studie aufgenommenen Patienten ausgeschlossen.

Es scheint zu funktionieren, aber wir sollten auch die Nachteile erwägen, einschließlich der hohen Kosten. Dr. Giel Nijpels

Komorbiditäten sowie die antidiabetische und kardiovaskulär-präventive Medikation waren in beiden Gruppen vergleichbar. Alle Patienten, die mindestens 35 Behandlungen erhalten hatten, wurden eingeschlossen.

Die Teilnehmer erhielten für jeweils 90 Minuten täglich an 5 Tagen in der Woche für die Dauer von insgesamt 8 Wochen entweder 100% hyperbaren Sauerstoff  oder Luft (jeweils 2,5 atm). 38 Patienten in der Behandlungs-Gruppe und 37 Patienten in der Placebo-Gruppe beendeten den Therapiezyklus. Insgesamt 19 Patienten brachen die Therapie ab.

„Es gab einen signifikanten Unterschied zwischen den Patienten, die die hyperbaren Sauerstofftherapie erhalten hatten gegenüber der Placebogruppe. Unter den Patienten, die die hyperbare Sauerstofftherapie erhalten hatten, lag die Mortalität bei 40 Prozent, in der Placebo-Gruppe bei 60 Prozent“, berichtete Löndahl.

In den 6 Jahren des Follow-up gab es keinen Unterschied hinsichtlich des Überlebens zwischen den Patienten der Placebo-Gruppe und denen, die die Therapie nicht abgeschlossen hatten. Die Inzidenz von Todesfällen in Zusammenhang mit den Fußulzera (Infektion oder kritische Durchblutungsstörung) lag bei 14 Prozent und war in der Behandlungs- und Placebogruppe gleich.

„Auch gab es keine Unterschiede bei den Todesursachen. Ein Drittel der Patienten in beiden Gruppen starb plötzlich aus unbekanntem Grund. 20 Prozent starben durch Infektionen, 20 Prozent an Krebs und 15 Prozent durch Herzinfarkt“, so Löndahl.

Das Durchschnittsalter der verstorbenen Patienten lag in der Behandlungsgruppe bei 68,2 Jahren, in der Placebo-Gruppe bei 73,3 Jahren. Nach Berücksichtigung dieser Altersdifferenz unter den Verstorbenen betrug die Überlebensrate nach 6 Jahren in der Gruppe mit hyperbarer Sauerstofftherapie 63,2% und in der Placebo-Gruppe 40,5% (p ˂ 0,05).

Warum beschäftigen wir uns mit einer Therapie, die pro Behandlung 9.000 Dollar kosten, wenn wir für dieses Geld unter anderem modernes Verbandsmaterial und Arztbesuche bezahlten können. Dr. Ludwik Fedorko

Wie wirkt die hyperbare Sauerstofftherapie?

Zu den möglichen Gründen für die positiven Effekte der Therapie auf chronisch diabetische Fußgeschwüre sagte Löndahl: „Ich habe momentan noch keine endgültige Erklärung. Es könnte Zufall sein oder mit der besseren Heilung der Geschwüre und dadurch wenigeren Komorbiditäten in Zusammenhang stehen. Das der Effekt durch eine verbesserte makrovaskuläre Funktion bedingt ist, halte ich für unwahrscheinlich. Aber es gibt Daten, die einen Zusammenhang zwischen verbesserter mikrovaskulärer Funktion und Überleben zeigen, nicht zuletzt durch eine Besserung der autonomen Neuropathie.

Trotz der positiven Ergebnisse betonte Löndahl bereits im Juni auf dem Kongress der American Diabetes Association (ADA), dass weitere Untersuchungen notwendig seien und die bisherigen Ergebnisse verifiziert werden müssten, bevor diese Therapie in das klinische Management des diabetischen Fußgeschwürs aufgenommen werden könne. 

Während sich Löndahl in der Diskussion positiv zur hyperbaren Sauerstofftherapie äußerte, argumentierte Dr. Ludwik Fedorko von der University of Toronto, Canada, dagegen. Er betonte, dass die Therapie zeitaufwendig und teuer sei. „Warum beschäftigen wir uns mit einer Therapie, die pro Behandlung 9.000 Dollar kosten, wenn wir für dieses Geld unter anderem modernes Verbandsmaterial und Arztbesuche bezahlen können“, sagte er gegenüber Medscape Medical News.

Eine Studie zur Kosteneffektivität der hyperbaren Sauerstofftherapie unter dem Namen DAMOCLES wird bald in den Niederlanden beginnen. Es ist wahrscheinlich die größte Studie dieser Art.

Der Artikel wurde von Bettina Micka aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

REFERENZEN:

1. Jahreskongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD), 15. bis 18. September, Stockholm

Kommentar

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