Gehirnerschütterungen werden oft nicht erkannt – Kampagne „Schütz deinen Kopf“ will das ändern

Andrea Wille

Interessenkonflikte

24. September 2015

Dr. Axel Gänsslen

Pro Jahr werden in Deutschland über 40.000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert, die Dunkelziffer liege jedoch höher, lautet eine Mitteilung im Vorfeld des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) [1]. Die Diagnose wird oft erst gar nicht gestellt, denn: „Sportler, vor allem im Schul- und Breitensport, unterschätzen diese Unfälle häufig“, warnt Dr. Axel Gänsslen, Arzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Wolfsburg.

Nur bei etwa 10% der Gehirnerschütterungen zeigt sich eine Bewusstlosigkeit, so die Ergebnisse einer Konsensuskonferenz über Sport und Gehirnerschütterungen in Zürich im Jahr 2012. Typische Symptome sind dagegen Kopf- und Nackenschmerzen, Übelkeit oder Schwindel. „Viele Sportler negieren aus verschiedenen Gründen diese Symptome, teilweise mangels Kenntnis, teilweise bewusst“, nennt Gänssler als Grund dafür, dass eine Commotio so häufig übersehen wird

„Relevante, aber vielen Behandlern nicht bewusste Symptome umfassen eine Bandbreite sekundärer Symptome, wie unter anderem Licht- und Lärmempfindlichkeit, Schlafstörungen, Konzentrations- und Erinnerungsstörungen, Verlangsamung, Vergesslichkeit, Müdigkeit, allgemeines Schwächegefühl oder Hör- und Sehstörungen“, so Gänssler. Diese nicht unmittelbar erkennbaren Symptome sollten also abgefragt werden, und „je nach Befund ist sogar eine klinische Verlaufskontrolle zu empfehlen“.

Kampagne „Schütz deinen Kopf“

Um Spätfolgen zu vermeiden und frühzeitig die richtige Behandlung einzuleiten, ist die korrekte Deutung der Symptomatik entscheidend. Die ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung hat deshalb zusammen mit verschiedenen Organisationen aus Sport und Verwaltung mit Unterstützung des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie eine App namens „Schütz deinen Kopf“ entwickelt. Sie soll es Laien ermöglichen, die Symptomatik frühzeitig richtig einzuschätzen.

 
Sportler, vor allem im Schul- und Breitensport, unterschätzen diese Unfälle häufig. Dr. Axel Gänsslen
 

Sie ist dazu gedacht, direkt am Spielfeldrand eingesetzt werden zu können. Dabei werden unter anderem fünf Fragen angezeigt, die den Betroffenen gestellt werden sollen – wie: „Welche Halbzeit ist jetzt?“ Wird nur eine Frage nicht richtig beantwortet, besteht der Verdacht einer Gehirnerschütterung.

Außerdem kann sich auf der Internetseite der dazugehörigen Kampagne eine Taschenkarte heruntergeladen werden, die die wichtigsten Informationen zur Diagnose der Gehirnerschütterung auflistet. Die Grundlagen der App werden auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie im Oktober in Berlin näher erläutert werden.

Länger anhaltende Symptome benötigen interdisziplinäre Behandlung

Die Commotio cerebri ist eine Verletzung, die sowohl direkte als auch indirekte Folge eines Traumas sein kann. „Letztlich resultiert ein vergleichbarer Mechanismus am Gehirn im Sinne einer Akzelerations-Dezelerationswirkung mit Hin-und-Her-Schütteln des Gehirns im knöchernen Schädel. Entsprechend können verschiedene Hirnregionen Beeinträchtigungen aufweisen, was für die Verschiedenheit und Vielzahl der unterschiedlichen Symptome verantwortlich ist“, erklärt Prof. Dr. Michael Nerlich von der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Regensburg. Durch diese unterschiedlichen Mechanismen erkläre sich, dass alle möglichen Situationen im Sport zu einer Gehirnerschütterung führen können.

Entscheidend für die Behandlung sei die körperliche und geistige Ruhe, bis alle Symptome abgeklungen sind. Eine medikamentöse Behandlung gibt es nicht. Bilden sich die Symptome innerhalb eines Zeitraums von 3 Monaten nicht zurück, spricht man von einem „postkommotionellen Syndrom“.

 
Gerade persistierende Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, müssen im weiteren Verlauf abgeklärt werden. Dr. Michael Nerlich
 

„Gerade persistierende Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, müssen im weiteren Verlauf abgeklärt werden, um morphologische Schäden auszuschließen oder adäquat zu behandeln“, so Nerlich. Eine interdisziplinäre Behandlung durch verschiedene Fachdisziplinen könne dann von Raten sein – wie Neurologie, Psychotraumatologie, Physiotherapie und Ergotherapie, Logopädie oder Neurolinguistik, Sozialarbeiter und je nach Art der Störungen Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Augenärzte.

„Es existierende verschiedene Risikofaktoren für einen verzögerten Heilungsverlauf: Eine vorbestehende Migräne, Müdigkeit, Depression, Angstzustände, Lernstörungen und subjektive kognitive Beschwerden können die Heilungsphase verzögern“, so Nerlich. Weitere Risikofaktoren sind das weibliche Geschlecht und das Erleiden einer Gehirnerschütterung im Kindes- und Jugendalter.

Mögliche Spätfolgen

Wird eine Gehirnerschütterung nicht richtig behandeln, können Spätfolgen auftreten: etwa Migräne oder Bewegungsstörungen. „Die meisten Menschen erholen sich nach einer Gehirnerschütterung in einem kurzen Zeitraum von maximal vier Wochen vollständig“, sagt Gänsslen. Trotzdem seien häufig neurokognitive und neuropsychologische Einschränkungen trotz offensichtlicher klinischer Symptomfreiheit regelhaft nachweisbar. „Nach einem Jahr liegen bei etwa 18 Prozent der Betroffenen noch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen vor, die allerdings auch in Vergleichskollektiven von nicht verletzten Menschen vorliegen.“

Inwieweit diese Symptome auf die eigentliche Gehirnerschütterung zurückzuführen sind, sei daher nicht abschließend geklärt. Hinweise auf einen Zusammenhang ergäben sich vielmehr dadurch, dass eine erlittene Gehirnerschütterung das Risiko eine weitere zu erleiden erhöht. Laut einer Untersuchung bei US-amerikanischen Football-Spielern gibt es Hinweise, dass ein möglicher kumulativer Effekt vorliegt und daher von einer vulnerablen Phase durch eine Gehirnerschütterung gesprochen werden kann.

 

REFERENZEN:

1. Pressemeldung vom Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), 4. September 2015

Kommentar

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