Ambulante Spezialfacharzt-Versorgung: Für „absehbar alle chronisch-entzündlichen Rheumaformen“?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. September 2015

Dr. Regina Klakow-Franck

Bremen – Bis niedergelassene Rheumatologen Teams in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) bilden und darüber ihre Leistungen abrechnen können, wird es doch noch etwas länger dauern als ursprünglich geplant – voraussichtlich bis Mitte nächsten Jahres.

Der Grund: Das Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) wirkt sich auch auf die ASV aus. „Durch den Wegfall der Einschränkung auf die schweren Krankheitsverläufe in der Onkologie und in der Rheumatologie verschiebt sich auch die Anlagenerstellung für die Rheumatologie. Damit steht jetzt die vierte Änderung des §116b an“, erklärte Dr. Regina Klakow-Franck, Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf dem Rheumatologenkongress in Bremen [1].

Den Wegfall der Beschränkung auf die schweren Krankheitsverläufe sieht Dr. Edmund Edelmann, Bad Aibling, aber eindeutig als Vorteil: „Wir hoffen, dadurch mehr und vor allem Frühfälle zu sehen“. Das, so der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Rheumatologen e.V. (BDRh), verbessere die Chancen für Patienten, möglichst früh therapiert zu werden.

Den Ist-Zustand im Versorgungsalltag skizzierte Helga Germakowski, Patientenvertreterin der Deutschen Rheumaliga, so: zu später Zugang zur fachärztlichen Versorgung, unnötige Krankenhauseinweisungen, Defizite in der Versorgung mit nicht-medikamentöser Therapie und zu seltene Umsetzung des Grundsatzes „Reha vor Rente“. Sowohl die Patientenvertretung als auch der BDRh setzen in die ASV die Hoffnung, endlich die Unterversorgung abbauen zu können.

Dauerbaustelle ASV

Vor 10 Jahren wurde der §116b als ambulantes Leistungsangebot für Krankenhäuser eingeführt, die Verträge mit den Kassen abschließen konnten. Als dies nur schleppend voran kam, wurde das Leistungsangebot nach wenigen Jahren umgestellt auf ein Zulassungsverfahren bei den Planungsbehörden der Länder. Kliniken stellten rund 2.500 Anträge, davon wurde knapp die Hälfte (1.261) bewilligt und Vertragsärzte klagten rund 150-mal gegen die bewilligten Verträge.

 
Wir hoffen, durch den Wegfall der Beschränkung auf die schweren Krankheitsverläufe mehr und vor allem Frühfälle zu sehen. Dr. Edmund Edelmann
 

2010 wurde via §116b-Versorgung ein Leistungsvolumen von 100 Millionen für die ärztlichen Leistungen erreicht, die dazugehörigen Arzneimittelausgaben lagen bei 450 Millionen Euro. „Die Ausgabenhöhe ist nicht verwunderlich, weil die §116b-Versorgung ein Leistungsangebot ist, das Patienten entweder mit seltenen oder mit komplexen Erkrankungen adressiert, und deren Versorgung ist oft mit sehr hohen Arzneimittelausgaben verbunden“, so Klakow-Franck.

In der Vergangenheit wurden bei den Onkologen die meisten Zulassungen (700) registriert, zu den schweren Verlaufsformen bei rheumatologischen Erkrankungen gibt es bislang 43 Zulassungen an Kliniken. „Der Anteil der bewilligten Zulassungen ist bei den Rheumatologen am höchsten, 71 Prozent der von Krankenhäusern gestellten Anträge wurden auch bewilligt“, so Klakow-Franck. Die meisten Zulassungen wurden in NRW erteilt, 12 Kliniken, gefolgt von Schleswig-Holstein, Schlusslicht bildet Baden-Württemberg – eine regional extrem unterschiedliche Verteilung.

2012 vereinfachte und erweiterte der Gesetzgeber den Zugang zur ASV: Ein Anzeigeverfahren löste das Zulassungsverfahren ab: Interessierte Kliniken und Vertragsärzte zeigen bei den erweiterten Landesausschüssen an, dass sie Patienten nach §116b versorgen möchten. Widerspricht der erweiterte Landesausschuss binnen 2 Monaten gegen diese Anzeige nicht, dürfen die anzeigenden Teams Leistungen nach §116b anbieten. Nun macht das GKV VSG weitere Anpassungen notwendig,

Nach dem Vorschlag des BDRh und des Verbandes rheumatologischer Akutkliniken (VRA) sollen entzündliche Gelenk-und Wirbelsäulenerkrankungen, das Sjögren-Syndrom und nicht klassifizierte Arthritiden und Spondylitiden, Vaskulitiden, Kollagenosen, Myositiden und rheumatologische Erkrankungen mit Erstmanifestation im Kindesalter sowie rheumatische Fiebersyndrome unter die ASV fallen. Auch die nicht-neuropathische, heredofamiliäre Amyloidose, familiäres Mittelmeerfieber, sonstige nicht näher bezeichnete Störungen mit Beteiligung des Immunsystems andernorts nicht klassifiziert, chronische multifokale Osteomyelitis (SAPHO; CRMO) und sonstige intestinale Malabsorption inkl. Morbus Whipple gehören dazu.

„Absehbar werden damit alle chronisch-entzündlichen Rheumaformen über die ASV abrechenbar sein“, erklärt Edelmann. Die KV-Tätigkeit der Rheumatologen in der ASV werde sich damit auf Patienten mit Arthrosen, degenerative Wirbelsäulen-Syndrome – in der Regel nur Abklärungsfälle –, Osteoporose und Fibromyalgie begrenzen.

 
Absehbar werden damit alle chronisch-entzündlichen Rheumaformen über die ASV abrechenbar sein. Dr. Edmund Edelmann
 

Kernteam aus zwölf Fachgruppen ist nicht umsetzbar

Der Behandlungsumfang in der ASV ist an der Weiterbildungsordnung der Rheumatologie orientiert und umfasst einen entsprechenden Ziffernkranz des EBM einschließlich radiologischer Diagnostik, DEXA, sonografischer Leistungen und spezieller Labordiagnostik. Ebenfalls dazu gehören die Patientenschulung (STRUPI) und als NUB-Leistungen Powerdoppler bei der Gelenksonographie, PET-CT bei Vaskulitis- und Tumorverdacht und die Fluoreszenz-optische Aktivitätsdiagnostik.

„Ein Kernteam aus zwölf Fachgruppen (wie ursprünglich vorgesehen) ist allerdings nicht umsetzbar“, betonte Edelmann. Am häufigsten sei die Kompetenz von Pneumologen und Nephrologen gefragt. Der Vorschlag des BDRh geht deshalb dahin, die Teamleitung durch einen Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie zu besetzen.

Das Kernteam sollte dann aus Fachärzten für Innere Medizin und Rheumatologie (> 2 Rheumatologen) und fakultativ aus Fachärzten für Innere Medizin und Pneumologie und/oder Nephrologie oder aus Fachärzten für Innere Medizin und Rheumatologie und Innere Medizin und Pneumologie und/oder Innere Medizin und Nephrologie bestehen.

Die orthopädischen Rheumatologen – bislang im Kernteam vorgesehen – fielen damit auf die dritte Ebene: unter die Hinzuziehung von Fachärzten. „Es wird noch beraten wie das interdisziplinäre Team auszusehen hat, aber es zeichnet sich ab, dass der G-BA diesem Vorschlag folgen wird“, berichtete Klakow-Franck.

Kommentar

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