Wut und Widerstand: Eine Impfpflicht macht aus Skeptikern nur Impfverweigerer

Petra Plaum

Interessenkonflikte

15. September 2015

PD Dr. Cornelia Betsch

Wenn junge, impfskeptische Erwachsene in Deutschland zu einer Impfung gezwungen werden, neigen sie dazu, sich weiteren, freiwilligen Impfungen zu entziehen. So das Ergebnis einer Studie, die PD Dr. Cornelia Betsch vom CEREB (Center for Empirical Research in Economicsand Behavioral Sciences) an der Universität Erfurt und Dr. Robert Böhm von der RWTH Aachen jetzt im European Journal of Public Health veröffentlicht haben [1].

„Ich finde die Studie sehr gut, weil sie sich des aktuellen Themas Impfpflicht angenommen hat, das beim letzten Masernausbruch in der Diskussion war“, erklärt Dr. Carolynne Schwarze-Zander von der Immunologischen Ambulanz der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Bonn. Man müsse alternative Wege finden, um an noch nicht immunisierte Personengruppen heranzutreten, erklärt die Expertin der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e. V. (DGI) gegenüber Medscape Deutschland: „Man darf die Gräben zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern nicht zu tief werden lassen.“

Immunisierung oder nicht? Ein interaktives Spiel gibt Antworten

Verschiedenen Hochrechnungen zufolge sehen sich 2 bis 5% der Deutschen explizit als Impfgegner. Diese kleine Gruppe ist auch mit Zwängen kaum zu erreichen, wie die Studienautorin Betsch vom Lehrstuhl für Sozial-, Organisations-, und Wirtschaftspsychologie der Universität Erfurt in ihrer Publikation erläutert. Aber wie wirkt ein Impfzwang auf jene, die zwar skeptisch sind, allerdings Impfungen nicht prinzipiell ablehnen? Oder wie verhalten sich Impfbefürworter im Falle einer Verpflichtung zum Impfen?

Um diese Frage zu beantworten, konzipierten Betsch und Böhm ein Computerspiel, das die Impfentscheidung realistisch nachstellt: Erkrankungs- und Impfrisiken und der Schutz anderer Personen durch die eigene Impfung sollten mit beachtet werden. Die Teilnehmer konnten während der Spiele Punkte sammeln – wer gesund blieb, erhielt mehr Punkte als Personen, die sich infizierten.

 
Man darf die Gräben zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern nicht zu tief werden lassen. Dr. Carolynne Schwarze-Zander
 

Punkte verloren Teilnehmer unter anderem durch die Kosten und durch Nebenwirkungen einer Impfung. Alle Punkte wurden am Ende in Geld umgerechnet und ausbezahlt. „Das Spiel-Setting erlaubt es, Verhalten zu beobachten, anstatt sich ausschließlich auf Verhaltensabsichten zu verlassen“, begründen die Autoren, „eine Situation, die die interne und externe Validität erhöht.“ 

Als Teilnehmer rekrutierten sie 297 Studierende, die zweimal in Folge eine fiktive Impfentscheidung treffen sollten. Dazu erhielten sie Informationen über fiktive Erkrankungen, gegen die Impfungen möglich waren. Für die erste Entscheidung wurden die Versuchspersonen in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt – nur für die Interventionsgruppe (n = 144) bestand eine Impfpflicht. Bei der zweiten Entscheidung stand es beiden Gruppen frei, sich immunisieren zu lassen oder darauf zu verzichten.

Im Anschluss an beide Spielrunden ermittelten die Wissenschaftler, wie viele Teilnehmer sich in der Interventionsgruppe nach der obligatorischen Impfung für die zweite, freiwillige Impfung entschieden hatten. Unter Personen, die von vornherein impfkritisch eingestellt waren, führte die Impfpflicht dazu, dass sie sich um 39% weniger impfen ließen als impfkritische Personen in der Kontrollgruppe, bei der es keinen Zwang gab. Bei Personen mit positiver Einstellung zum Impfen hatte die Impfpflicht keine Auswirkung auf ihre Entscheidung.

Wenn Impfpflicht wütend und impfmüde macht – was hilft dann?

Neben ihrer Einstellung zu Impfungen mussten die Teilnehmer vor und nach dem Spiel auch angeben, ob sie sich verärgert fühlen und wenn ja, wie sehr. Auffällig: Nach der erzwungenen Impfung schnellte bei jenen, die sich vorher als Impfskeptiker eingestuft hatten, der Ärger in signifikantem Maße nach oben. Dieser Effekt zeigte sich nicht bei den Teilnehmern, die Impfungen sehr positiv gegenüberstanden.

„Obligatorische Impfungen in Programme miteinzubeziehen, die auch freiwillige Impfungen enthalten, könnte nach hinten losgehen“, schlussfolgern Betsch und Böhm,  „weil eine substantielle Reaktanz unter Individuen ausgelöst wird, die Impfungen ablehnen.“ Die Autoren schlagen vor, die Einstellungen innerhalb einer Gesellschaft sehr gründlich zu erfassen, bevor der Gesetzgeber versucht, dort eine Impfpflicht einzuführen. Denn: Je größer die Schar der Impfskeptiker, desto größer könnte der Schaden sein, den man dem restlichen Impfprogramm zufügt, das auf Freiwilligkeit beruht.

 
Obligatorische Impfungen in Programme miteinzubeziehen, die auch freiwillige Impfungen enthalten, könnte nach hinten losgehen. PD Dr. Cornelia Betsch und Dr. Robert Böhm
 

Die Teilnehmer ihrer Studie waren nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, räumen Betsch und Böhm ein, schon ihrer Jugend wegen. Andererseits finden sich gerade unter Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren viele mit Impflücken – beim letzten Masernausbruch war diese Kohorte besonders häufig ungeschützt.

Um jene mit grundsätzlicher Bereitschaft dazu zu bekommen, sich impfen zu lassen, müssten die Verantwortlichen neue Wege gehen, fordert Schwarze-Zander. „Welcher junge Mensch ohne chronische Erkrankung geht von sich aus zum Arzt und bemüht sich um Auffrischungsimpfungen?“, fragt sie.

Also sollten Gesetzgeber und Mediziner dort an die Zielgruppe herantreten, wo diese sich bewege. „Im Internet kann man viel machen“, so die DGI-Expertin, „etwa über Social Media.“ Viele wüssten auch noch gar nicht, wie ein Impfstoff sich zusammensetzt, was der Unterschied zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen ist, wie die Zulassung ablaufe. Fachwissen könne bei der Entscheidung pro Impfung helfen.

Und weil junge Erwachsene tendenziell sehr aktiv sind, könne man es ihnen ja bequem machen: „Wieso nicht den Impfstatus überprüfen, wann immer jemand eine Ausbildung oder ein Studium beginnt?“

 

REFERENZEN:

1. Betsch S, et al: Eur J Public Health (online) 21. August 2015

Kommentar

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