Physikalische Therapie bei Rheuma: Wirksam, aber zu selten verordnet

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

14. September 2015

Moortherapie – mitnichten ein alter Hut

Dass die seit über 200 Jahren genutzte Moortherapie alles andere als ein alter Hut ist, zeigte Prof. Dr. Gabriel Dischereit, Krankenhaus St. Josef, Klinik für Rheumatologie, Wuppertal, auf. „Die molekularen Wirkungen von seriellen Heiltorfbädern und Heiltorfpackungen sind nachgewiesen“, sagte Dischereit und verwies auf die Arbeiten von Bellometti. Dessen Studien zeigen, dass Moorbäder die Produktion der Matrix-Metalloproteasen MMP-8 und MMP-9 bei Osteoarthrose beeinflussen, anti-destruktiv auf den Knorpel wirken, die Nitritoxid- und Myeloperoxidase-Serumspiegel bei Arthritis-Patienten beeinflussen und den Inflammationsprozess modulieren.

Dischereit stellte 2 aktuelle Studien in Kooperation mit der Weserland-Klinik in Bad Seebruch-Vlotho vor. Eine Pilotstudie untersucht die Wirkung einer seriellen Heiltorf-Applikation auf molekulare Entzündungsmodulatoren und auf die Parameter der funktionalen und funktionellen Gesundheit bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und degenerativen Veränderungen am Bewegungssystem.

Die Studie setzte sich aus 4 Patientengruppen zusammen. Die erste Gruppe (n = 21) waren Frauen und Männer mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die zweite Gruppe (n=22) Patienten mit degenerativen Veränderungen. Die altersgleichen Kontrollgruppen erhielten keine Bäderapplikation. Ausschlusskriterium war unter anderem eine Biologika-Therapie „Die Patienten aus Gruppe eins und zwei erhielten neun serielle Heiltorf-Applikationen in Form von Moorbädern innerhalb von neun Wochen“, so Dischereit.

Ob Moorpackung oder Bad: Deutliche Funktionsverbesserungen

In Gruppe 1 und 2 zeigten sich im Health Assessment Questionnaire (HAQ) signifikante Verbesserungen. Auch die Funktionskapazität nahm in diesen beiden Gruppen signifikant zu (BASDAI vor Therapie 6,25, nach Therapie 4,8; DAS28 vor Therapie 2,25, nach Therapie 1,52). Beobachtet wurde auch eine signifikante Abnahme des Interleukin 1 Beta, gleichzeitig kam es zu einem Anstieg des anti-inflammatorischen Interleukin 10.

In der zweiten Studie wurde die Effektivität von Heiltorf-Bädern mit der von Heiltorf-Packungen verglichen. Patienten mit Gon- und Coxarthrose wurden mit entweder mit Heiltorf-Bädern (n = 22) oder -Packungen (n = 37) behandelt. Die Kontrollgruppe erhielt keine Heiltorf-Behandlung.

 
Serielle Heiltorfapplikationen, ob nun als Bäder oder Packungen verabreicht, weisen einen antientzündlichen Effekt und eine Wirkung auf das Zytokinmilieu auf. Dr. Gabriel Dischereit
 

Es kam zu deutlichen Funktionsverbesserungen. So lag der HAQ in der Bädergruppe vor Therapie bei 1,12, nach Therapie bei 0,5. In der Gruppe mit den Moorpackungen lag der HAQ vor Therapie bei 1,63, nach Therapie bei 1,1. Der WOMAC (Western Ontario & McMaster Universities Osteoarthritis Index) lag in der Bädergruppe vor Therapie bei 4, nach Therapie bei 2,15 (Moorpackung: 5,55 zu 3,45). Es kam zu einem signifikanten Abfall des proinflammatorischen Interleukin 1 Beta, gleichzeitig stieg das antiinflammatorische Interleukin 10 signifikant an.

„Serielle Heiltorfapplikationen, ob nun als Bäder oder Packungen verabreicht, weisen einen antientzündlichen Effekt und eine Wirkung auf das Zytokinmilieu auf. Das ist mit einer Modulation des inflammatorischen Prozesses gleichzusetzen“, fasste Dischereit zusammen. Hinzu kommt die hohe Akzeptanz durch die Patienten.

Durch physikalische Therapie lassen sich Biologika einsparen

Lassen sich durch eine intensivierte physikalische Therapie rheumatischer Erkrankungen Biologika und damit Kosten einsparen? Dieser Frage ging Dr. Ingo Helmut Tarner, Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, nach. Die additive Wirkung der Physikalischen Therapie (PM) mit Etanercept hatte Lubrano 2006 untersucht und herausgefunden, dass die Kombination einer alleinigen PM überlegen ist. In einer Pilotstudie wurde vor kurzem geprüft, ob eine intensivierte PM eine Dosisreduktion von Biologika bei aktiver Spondyloarthritis erlaubt.

In der Interventionsgruppe (IG) erhielten die 20 Probanden Etanercept in halber Dosierung (25 mg/Woche) und intensive Krankengymnastik 3 x 30 min/Woche ambulant über 4 Monate. NSAID und bestehende Methotrexat-Therapie wurden beibehalten. Verglichen wurde die Ergebnisse dann mit den Aktivitäts- und Funktionsparametern von Patienten, die keine PM und stattdessen nur 50 mg/Woche Etanercept erhalten hatten.

In der IG lag der Schmerzpegel nach 4 Monaten bei der Hälfte des Ausgangswertes und hielt noch 2 Monate an. Der BASDAI war um die Hälfte reduziert. „Am Ende der Behandlung hatten wir ein Ansprechen von 40 Prozent entsprechend der ASAS-Kriterien, das kann sich durchaus sehen lassen“, so Tarner. Denn in der Zulassungsstudie zu Etanercept finde man auch diese Größenordnung. Alle Kosten zusammengerechnet ergab sich für alle 20 Patienten der IG eine Ersparnis von rund 76.000 Euro. Ein Einsparpotenzial für Biologika scheint damit gegeben.

 

REFERENZEN:

1. 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), 2. bis 5. September 2015, Bremen

Kommentar

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