MEINUNG

Follow-up mit dem iPhone: Wie die digitale Medizin die Kardiologie verändern wird

Dr. Shari Langemak

Interessenkonflikte

14. September 2015

           

Prof. Dr. Martin Cowie

           

London – Bislang erschienen Ärzte eher zurückhaltend, wenn  es darum ging, eHealth-Technologien in die medizinische Praxis zu bringen. Ein neues  Positionspapier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) stellt  diese Sicht in Frage, und setzt die   Basis für einen Ausbau dieses Bereichs. Medscape Deutschland sprach auf  den Europäischen Kardiologenkongress mit dem Hauptautor Prof. Dr. Martin  Cowie vom Imperial College London and the Royal Brompton Hospital in London  (Großbritannien) darüber, wie mobile Technologien die tägliche Praxis  verändern, und warum insbesondere die Kardiologie digitale Lösungen braucht. 

Medscape Deutschland: Bei Ihrem Vortrag sagten Sie, dass es in der  Gesundheitsversorgung nicht mehr darum geht, den Patienten zu einem Experten zu  bringen, sondern Expertise zum Patienten. In welchen Bereichen sind Ihre  Patieten bereits Experten?

Prof. Cowie: Viele Patienten überwachen ihre Krankheit auf  unterschiedliche Weise. Manche von ihnen erstellen präzise Excel-Tabellen,  andere führen eine papiergebundenes Tagebuch, und besonderes die Jüngeren  nutzen verschiedene Arten von Apps. Dabei wird eine Vielzahl von Daten  generiert, aber oft fehlt die Beratung zur Interpretation der Ergebnisse.  Deswegen fragen Patienten ihren Arzt vermehrt um Rat.

Medscape Deutschland: Auf Seiten des Arztes kann dies schnell ein wenig  überwältigend wirken. Wie sollen Ärzten mit Fragen zum Datenschutz oder zur  Validität einer App oder eines neuen Geräts umgehen?

 
Anstelle einfach vor dem Gebrauch neuer Technologien zu warnen wollen wir Kardiologen dabei unterstützen, die steigende Nachfrage zu bewältigen. Prof. Dr. Martin Cowie
 

Prof. Cowie: Anstelle einfach vor dem Gebrauch dieser Technologien zu warnen wollen  wir Kardiologen dabei unterstützen, die steigende Nachfrage zu  bewältigen. Deshalb hat die ESC einen Aktionsplan erstellt, um die weitere  Implementierung von eHealth voranzutreiben, und um die Mitglieder zu sinnvollen  Anwendungen fortzubilden. Wir wollen eine proaktive Rollen spielen, wenn es  darum geht, neue Innovationen zu entwickeln, einzuschätzen und zu  implementieren.

Medscape Deutschland: Der mobile Gesundheitsmarkt entwickelt sich  schnell, viele verschiedene Apps werden jeden Tag online gestellt. Deshalb  wissen Ärzte häufig nicht, welche Apps vorteilhaft und welche womöglich  nachteilig für den Patienten sind. Werden Sie auch eine Bewertung von Apps zur  Verfügung stellen?

Prof. Cowie: Ich glaube nicht, dass die ESC bestimmte Apps in  naher Zukunft loben oder empfehlen wird. Allerdings wäre es durchaus sinnvoll,  so etwas wie einen TripAdvisor für medizinische Apps zu haben: eine Quelle, auf  die sowohl Ärzte als auch Patienten vertrauen können. Mit mehr und mehr mobilen  Anwendungen, die derzeit den Markt überfluten, kann es sich manchmal wie ein  Tsunami für den Arzt anfühlen, der nach der richtigen App für seinen Patienten  sucht.

Medscape Deutschland: Wenn es um die Bewertung einer App geht, ist  Datenschutz ein viel diskutiertes Thema. Was muss getan werden, damit der  Patient und seine Daten geschützt werden?

 
Junge und gesunde Nutzer oft mehr über ihre Datensicherheit besorgt als jene, die wirklich und oft chronisch krank sind. Prof. Dr. Martin Cowie
 

Prof. Cowie: Interessanterweise  sind junge und gesunde Nutzer oft mehr über ihre Datensicherheit besorgt als  jene, die wirklich und oft chronisch krank sind. Besonders für Letztere bedarf es neuer Lösungen,  die ihnen dabei helfen, ihre Krankheit zu verstehen und zu überwachen. Und  viele jener technologischen Entwicklungen, die wir gerade beobachten, könnten  genau das richtige Hilfsmittel hier darstellen.

Medscape Deutschland: Kardiologen sind als Pioniere in Sachen digitale  Gesundheit bekannt, nachdem Sie bereits vor 10 Jahren mit dem kardialen  Monitoring begannen. Wieso neigen Kardiologen Ihrer Meinung nach dazu, neuen  Technologien offener gegenüber zu sein als Ärzte anderer Fachdisziplinen?

Prof. Cowie: Kardiologen nutzen seit langer Zeit eine Vielzahl  von technischen Gerätschaften. Das EKG ist nur ein Beispiel für ein hoch  technisches Mittel zur Diagnose einer Herzkrankheit. Technische Geräte sind  damit Teil der täglichen Routine eines Kardiologen, und viele Kollegen sind  sehr neugierig, welche neuen Möglichkeiten weitere Geräte noch eröffnen  könnten.

Medscape Deutschland: Welche dieser neuen Technologien werden den  Verlauf von Herzerkrankungen radikal verbessern?

Prof.  Cowie: Der technologische Fortschritt hat bereits  jetzt das Follow-up von Patienten mit implantierbaren Devices wie  Defibrillatoren und komplizierten Schrittmachern radikal verändert. Vieles kann  mittlerweile aus der Ferne und in vielen Ländern dieser Welt geklärt werden,  ohne dass dazu viele persönliche Treffen nötig wären. Und das ist erst der  Anfang: Das Follow-up von Patienten mit Arrhythmien wird einfach mit dem iPhone  des Patienten möglich sein, zum Beispiel mit Geräten wie AliveCor™. Ebenso gibt  es bei Herzinsuffizienz-Patienten bereits eine Reihe von technologischen  Lösungen, die den Patienten über seine Erkrankung besser informieren.

 

Kommentar

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