Der Ruf des Geldes lockt nur bedingt: Bei wieviel Honorarausgleich gehen Ärzte in die Provinz?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

11. September 2015

Die Anstrengungen, Ärzte zu einer Niederlassung in unterversorgten Gebieten zu bewegen, sind oft vergeblich. Derzeit müht sich zum Beispiel die KV Niedersachsen (KVN), Ärzte mit Vorteilen für deren Familien und mit dem Verweis auf die Vorzüge des Landlebens in die Provinz zu locken.

So haben kürzlich die KVN und 26 Kommunen in 3 ländlichen Landkreisen Niedersachsens das Projekt Ärztlich willkommen“ aus der Taufe gehoben. Hier sollen etwa die Lebenspartner der Ärztinnen oder Ärzte mit Jobangeboten gelockt, Kindergartenplätze zur Verfügung gestellt und kurze Schulwege für den Nachwuchs ermöglicht werden – sowie vieles mehr. Zusätzlich wirbt man mit grünem Land, guter Luft und dem familiären Touch des Landlebens. Vor allem will man die Medizinstudierenden in Göttingen und Hannover mit Werbeaktionen für eine Landpraxis interessieren.

Geld allein genügt nicht, um Ärzte anzulocken

Das alles geschieht, weil die Initiatoren wissen: Geld allein reicht nicht. So bietet die KVN zwar Umsatzgarantien für bestimmte Landärzte und zusammen mit den Krankenkassen und dem Land Niedersachsen über den Niedersachsenfonds“ Anschubfinanzierungen von 50.000 Euro. Aber wirklich geholfen hat es bisher nicht.

Studien zufolge müsste es viel mehr Geld sein, um einen Arzt trotz des als nachteilig empfundenen Standortes auf die grüne Wiese zu locken. Zwar folgen die Ärzte dem Geld, wie Prof. Dr. Leonie Sundmacher, Leiterin des Fachbereiches Health Services Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, in ihrer kürzlich im European Journal of Health Economics publizierten Untersuchung festgestellt hat. Aber um die tatsächlichen oder vermeintlichen Nachteile eines Landarztlebens auszugleichen, genügen auch üppige Zuschläge nicht, wie etwa die Situation in Niedersachsen belegt.

 
Um Ärzte zu identifizieren, für die eine Praxis auf dem Land weniger unattraktiv ist, müsste man Untergruppen bilden – etwa solche von Ärzten, die vom Land stammen, – und die befragen. Prof. Dr. Hans-Helmut König
 

Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Dichte der zugehörigen Fach- und Hausärzte mit dem Anteil der Einwohner mit privater Krankenversicherung korreliert, heißt es in der Untersuchung von Sundmacher. Hausärzte wagten sich noch eher aus den Mauern der Stadt, Fachärzte jedoch wollen vor allem dort praktizieren, wo Privatpatienten wohnen. Zwar sei es für den Arzt eine rationale Entscheidung, sich dort niederzulassen, wo besonders viele Privatpatienten wohnen, so die Forscherin. Aber ärmere und ländlichere Landstriche haben das Nachsehen. Bis heute sei es nicht gelungen dieses Ungleichgewicht anzugehen, schreibt Sundmacher.

Wie hoch müsste der Geldanreiz sein?

Geld kann für junge Ärzte ein wichtiges Niederlassungskriterium sein, wenn der Zugewinn beträchtlich ausfällt. Das legt zum Beispiel Prof. Dr. Hans-Helmut König, Direktor des Institutes für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), aufgrund der Ergebnisse seiner Studie dar, für die er künftige Hausärzte per Post befragt hat.

Der Hamburger Gesundheitsökonom hat hochgerechnet, dass das zusätzliche Honorar sehr hoch ausfallen und bei monatlich 9.000 Euro liegen müsste. Er hat zunächst in qualitativen Interviews Ärzte danach befragt, welche Praxismerkmale für sie für eine Niederlassung besonders wichtig sind. Geld? Arbeitsplatz für den Lebenspartner? Kurze Schulwege für die Kinder?

Aus den Antworten haben wir dann nach experimentellen Designregeln 24 verschiedene Arztpraxis-Profile entwickelt, in denen die Merkmale immer wieder unterschiedlich ausgeprägt waren“, sagt König zu Medscape Deutschland. Sie wurden an rund 15.000 junge Ärzte in 5 Bundesländern geschickt mit der Bitte, das für sie jeweils schlechteste und beste Merkmal auszuwählen. Durch dieses Verfahren kann man danach nicht nur die Präferenzen für Praxismerkmale ermitteln, sondern auch berechnen, inwieweit verschiedene Merkmale einander aufwiegen können“, sagt König. Also: Wie nah muss das nächste Theater sein, um einen langen Schulweg für den Filius auszugleichen? Wie kurz muss ein Schulweg sein, um einen Bereitschaftsdienst auszugleichen? Und so weiter.

Wir haben dann das Gewicht der verschiedenen Merkmale in Euro ausgedrückt, weil das Honorar für die Ärzte ein sehr wichtiges Merkmal war und Geld die wichtigste Verrechnungsgröße ist“, sagt König. Man hätte es auch in Arbeitsstunden umrechnen können, aber wem dient das?“

So müssten 892 Euro monatlich zusätzlich fließen, um einen zusätzlichen Bereitschaftsdienst auszugleichen. Zusätzliche Minuten für die Fahrzeit des Lebenspartners zum Arbeitsplatz kosten je 83 Euro. Auf die rund 9.000 Euro kam König, nachdem er die Einzelergebnisse einer durchschnittlichen Stadt- mit einer durchschnittlichen Landpraxis verglichen hatte. Um das Attraktivitätsgefälle auszugleichen, braucht es also jene 9.000 Euro im Monat extra.

 
Leider gibt es noch kaum Studien darüber, wie die tatsächlichen Erfahrungen von Landärzten sind. Prof. Dr. Hans-Helmut König
 

So viel zusätzliches Geld dürfte man kaum aufbringen können, meint auch König. So gesehen ist es zwar das Geld, das die Ärzte aufs Land locken könnte – es müsste aber sehr viel sein. Und wer wollte das bezahlen?“ Kein Wunder also, dass etwa in Niedersachsen die Förderungen von KVN und Land wenig angenommen werden. Seit Bestehen des Niedersachsenfonds sind die 50.000 Euro Anschubfinanzierung an gerade mal 9 Praxen im Land ausgezahlt worden, berichtet Detlef Haffke, Sprecher der KVN. Derzeit sind 19 weitere Hausarztsitze ausgeschrieben.“

Und die Umsatzgarantien sind zudem oft überflüssig, weil die Ärzte auf dem Lande ohnedies gut verdienen. Verschiedentlich werden die Budgets einzelner Praxen in der Niedersächsischen Provinz sogar entdeckelt, so Haffke, zum Beispiel auf den Nordseeinseln. Auf monatlich 9.000 Euro zusätzlich kommt man so aber trotzdem nicht.

Gewohnheiten ändern

Teil einer Lösung wäre es, erfahrene Landärzte nach ihren Erfahrungen zu fragen, statt angehende Mediziner nach ihren Wünschen. So könnte, wer sich einmal an das Landleben gewöhnt hat, auch überzeugend von seinen Vorteilen berichten, meint König.

Oder: Um Ärzte zu identifizieren, für die eine Praxis auf dem Land weniger unattraktiv ist, müsste man bestimmte Untergruppen bilden – etwa solche von Ärzten, die vom Land stammen, – und die befragen“, sagt König. So könnte die Politik passgenaue Arbeitsplätze für interessierte Mediziner gestalten. Oder man könnte Landärzte befragen, wie sie ihre aktuelle Situation beurteilen und verbessern würden. König: Leider gibt es noch kaum Studien darüber, wie die tatsächlichen Erfahrungen von Landärzten sind.“

 

Kommentar

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