Junge Mütter mit Multipler Sklerose: Stillen anstelle von MS-Medikamenten als wirksame Therapie „mit natürlichem Enddatum“

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

11. September 2015

Schwangere mit Multipler Sklerose (MS), die ihr Baby nach der Geburt stillen möchten, können in diesem Wunsch guten Gewissens bestärkt werden, wie eine große Kohortenstudie zeigt. Der Verzicht auf die sofortige Wiederaufnahme der MS-Therapie zugunsten des Stillens hat keine nachteiligen Effekte auf den Krankheitsverlauf, im Gegenteil: „Das Stillen scheint eine Art moderat wirksame MS-Therapie mit natürlichem Enddatum zu sein“, schreiben die Neurologin PD Dr. Kerstin Hellwig vom St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität Bochum und ihre Koautoren in JAMA Neurology [1].

Frauen, die nach der Entbindung mindestens 2 Monate lang ausschließlich stillten, hatten in den 6 Monaten nach der Geburt ein signifikant geringeres Risiko für Schübe als diejenigen, die nur manchmal oder gar nicht stillten. Begannen die Frauen nach einem halben Jahr zuzufüttern, kehrten die Menstruation und die Krankheitsaktivität zurück.

Endlich Daten aus einer großen Kohorte

„In Deutschland wurde Frauen mit MS schon immer eher zum Stillen geraten“, erklärt Hellwig im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Es gab eine kleine Studie, die darauf hindeutete, dass Stillen nach der Geburt mit weniger Schüben assoziiert ist.“

Prof. Dr. Martin Stangel

„Aber wirklich gute Daten hatten wir bislang nicht“, ergänzt Prof. Dr. Martin Stangel, der an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Abteilung für Neuroimmunologie und Neurochemie leitet. „Es gab auch Vermutungen, dass das Stillen – und damit der Verzicht auf die Therapie – Nachteile haben könnte.“ Patientinnen mit hoher Krankheitsaktivität wurde empfohlen, nach der Schwangerschaft eher schnell wieder mit der Therapie zu beginnen.

Stillen ist keinesfalls von Nachteil

„Basierend auf den neuen Daten können wir den Frauen nun mit großer Sicherheit sagen, dass das Stillen – wenn aufs Zufüttern verzichtet wird – keine Nachteile hat, sondern eher Vorteile“, betont Stangel.

Tatsächlich hatten Frauen, die schon früh wieder mit der krankheitsmodifizierenden Therapie (DMT) begonnen hatten, ein höheres postpartales Schubrisiko als Frauen, die ausschließlich stillten.

In die Bochumer Studie wurden 201 Frauen mit schubförmig-remittierender MS aus dem deutschsprachigen MS- und Kinderwunsch-Register (DMSKW) aufgenommen. Für jede Teilnehmerin nahmen die Wissenschaftler eine detaillierte Still-Anamnese auf, mit exaktem Datum des ersten Zufütterns sowie der ersten Menstruation nach der Schwangerschaft. Schübe waren definiert als das Auftreten, Wiederauftreten oder die Verschlimmerung MS-bedingter neurologischer Störungen, die mindestens 24 Stunden anhielten und sich nicht durch eine Infektion, Fieber oder andere Ursachen erklären ließen.

 
Das Stillen scheint eine Art moderat wirksame MS-Therapie mit natürlichem Enddatum zu sein. PD Dr. Kerstin Hellwig
 

Nur ausschließliches Stillen hat einen Effekt

Etwa 90% der Frauen in der Kohorte wurden vor der Schwangerschaft mit einer krankheitsmodifizierenden Therapie (DMT) behandelt. Die Schubrate vor der Schwangerschaft war dementsprechend relativ gering.

Basierend auf der Stilltechnik und der DMT-Einnahme wurden die Frauen in 3 Gruppen eingeteilt:

  • • ausschließliches Stillen ohne Wiederaufnahme der DMT innerhalb von 30 Tagen nach Entbindung (Referenzgruppe),

  • • Stillen plus Zufüttern oder kein Stillen und keine Wiederaufnahme der DMT innerhalb von 30 Tagen und

  • • Stillen plus Zufüttern oder kein Stillen und Wiederaufnahme der DMT innerhalb von 30 Tagen.

Von den 201 Frauen hatten 59,7% die Absicht, für 2 oder mehr Monate ausschließlich zu stillen. 3,3% von ihnen brachen das ausschließliche Stillen wegen eines MS-Schubes ab. Weitere 19,4% stillten gar nicht und 20,9% kombinierten das Stillen mit Zufüttern.

24,2% der Frauen, die ausschließlich stillten, hatten innerhalb von 6 Monaten nach der Entbindung einen Schub. In der Gruppe der nicht ausschließlich stillenden Frauen lag die Schubhäufigkeit dagegen bei 38,3%. Der signifikante Unterschied zwischen den Gruppen blieb auch nach Anpassung um Alter, Schubhäufigkeit vor der Schwangerschaft, Schübe während der Schwangerschaft und andere mit dem ausschließlichen Stillen assoziierte Faktoren ähnlich hoch und statistisch signifikant.

Frauen, die nicht ausschließlich stillten, hatten nahezu das gleiche Risiko für einen MS-Schub wie diejenigen, die gar nicht stillten.

Nach Beginn des Zufütterns gleicht sich Schubrate an

„Das Wiederauftreten der Menstruation in den ersten vier Monaten nach der Entbindung – ein Surrogatmarker für geringere Stilldauer und -intensität – war assoziiert mit einem nicht signifikanten höheren Risiko für einen Schub in den ersten sechs Monaten“, berichten die Autoren.

Die meisten Frauen, die in den ersten 6 Monaten ausschließlich gestillt hatten, begannen in der zweiten Hälfte des postpartalen Jahres zuzufüttern. Danach hatten 39,2% von ihnen einen Schub (bei 22,5% war es der erste Schub nach der Entbindung). Die Schubhäufigkeit der Frauen, die nicht ausschließlich gestillt hatten, lag in der zweiten Jahreshälfte nach Geburt bei 46,9% (bei 8,6% war es der erste Schub nach der Entbindung).

 
Basierend auf den neuen Daten können wir den Frauen … sagen, dass das Stillen – wenn aufs Zufüttern verzichtet wird – keine Nachteile hat, sondern eher Vorteile. Prof. Dr. Martin Stangel
 

„Schaut man sich das Jahr nach der Geburt insgesamt an, war das Schubrisiko in den beiden Gruppen fast identisch – beim ausschließlichen Stillen lag es bei 46,6% und beim nicht ausschließlichen Stillen bei 46,9%“, schreiben die Autoren.

Menstruationszyklus lässt Schubrisiko wieder ansteigen

„Sobald der Säugling aufgrund des Zufütterns nicht mehr häufig genug an die Brust angelegt wird, startet wieder der Zyklus und die Frauen bekommen ihre Menstruation“, erklärt Hellwig. Es wird vermutet, dass es während des Zyklus ausgeschüttete Zytokine sind, die das Schubrisiko erhöhen.

„Manche Frauen haben Angst, dass es zu einem Schub führen könnte, wenn sie nicht direkt nach der Geburt wieder mit der MS-Therapie beginnen“, sagte Hellwig. „Unsere Daten können helfen, diese Angst zu verringern. Doch nicht jede Frau kann und will stillen. Und ich würde jemandem, der nicht stillen will, auch nicht empfehlen zu stillen.“

 

REFERENZEN:

1. Hellwig K, et al: JAMA Neurology (online) 31. August 2015

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....