Erektionsstörung statt Ekstase: Amphetamin & Co können Sexualfunktion beeinträchtigen

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

11. September 2015

Männer, die Amphetamine als Psychostimulanzien einnehmen, müssen mit Beeinträchtigungen ihres Sexuallebens rechnen, im schlimmsten Fall sogar mit erektiler Dysfunktion. Davor warnt eine Forschergruppe aus Taiwan, die Drogenkonsumenten zu ihrer Sexualfunktion befragt hat und ihre Ergebnisse in der Zeitschrift The Journal of Sexual Medicine veröffentlicht hat [1].

„Im Vergleich zu 211 entsprechenden Kontrollpersonen berichten Amphetamin-Nutzer doppelt so häufig über erektile Dysfunktion“, bemerkt Studienautor Dr. Bang-Ping Jiann vom Kaohsiung Veterans General Hospital in Kaohsiung, Taiwan.

Jedoch hatte der Amphetamin-Konsum laut Auskunft der 1.159 Studienteilnehmer äußerst unterschiedliche Auswirkungen auf die Sexualfunktion. Während manche über starke Beeinträchtigungen bis zur Impotenz klagen, erleben andere unter Drogeneinfluss ihre Sexualität als besser und ekstatischer. Und: Die Hälfte der Befragten konnte keinerlei Auswirkungen auf die Sexualfunktion feststellen.

 
MDMA ruft eine Art post-orgasmischen Entspannungszustand hervor, während Amphetamin den sexuellen Drive steigern kann. Prof. Dr. Torsten Passie
 

Amphetamin-Effekte auf die Sexualität sind heterogen

Zur Stoffgruppe der Amphetamine, die das Zentralnervensystem stimulieren, zählen sowohl Amphetamin (Speed), das stark aufputschend wirkt, aber auch Methamphetamin (Crystal Meth), außerdem 3,4- Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA), das als Partydroge Ecstasy bekannt ist, sowie Methylpenidat (Ritalin), das zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) eingesetzt wird. Die ADHS-Therapie arbeitet jedoch mit wesentlich geringeren Dosierungen von 20 bis 25 mg pro Tag. Im Vergleich dazu nehmen Drogenkonsumenten täglich bis zu 500 mg an Amphetaminen.

„Allerdings haben Amphetamin und MDMA ganz unterschiedliche Wirkmechanismen und Effekte, so dass es sachlich unzulässig erscheint diese beiden Stoffgruppen in einen Topf zu werfen“, kommentiert Prof. Dr. Torsten Passie, ehemals Medizinische Hochschule Hannover und derzeit Gastprofessor für Psychiatrie an der Harvard Universität in Boston (USA).

„MDMA ruft eine Art post-orgasmischen Entspannungszustand hervor, während Amphetamin den sexuellen Drive steigern kann“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Gespräch mit Medscape Deutschland. In der Studie, kritisiert er, wurde leider nicht untersucht, welche Probanden welche Substanz genau einnahmen. „Das könnte eine Erklärung für die heterogenen Effekte auf die Sexualfunktion sein, da MDMA kaum suchtartig eingenommen wird und auch keine sexuellen Funktionsstörungen hervorruft“, vermutet Passie.

Jedoch seien die recht uneinheitlichen Auswirkungen von Amphetaminen auf die Sexualfunktion in der westlichen Welt bereits seit den 1970er Jahren bekannt. „Die Wirkung hängt von der Substanz, jedoch auch vom Setting, in dem die Drogen eingenommen werden, der Frequenz sowie von der Art der Einnahme ab.“ In Fernost habe infolge enormen Arbeitsdrucks auch der Konsum von Amphetaminen stark zugenommen. „Aufgrund des sich neu entwickelnden Drogenproblems mit Amphetaminen in diesen Ländern wurde die Studie wohl durchgeführt“, nimmt Passie an.  

In der Untersuchung unter Leitung von Dr. Nan-Hua Chou vom Kaohsiung Veterans General Hospital und der National Yang-Ming University in Taipei gab die Hälfte der 1.159 Teilnehmer an, dass sie mehr als dreimal pro Tag Amphetamine genommen hatten; 30% konsumierten die Substanzen ein- bis zweimla täglich und 20% seltener als einmal pro Tag. Die große Mehrheit (97,5%) inhalierte die Drogen. Bisher, so die Autoren, galten Amphetamine eher als Aphrodisiakum und wurden teilweise auch aus diesem Grund konsumiert. Jedoch sei insgesamt wenig bekannt über die Auswirkungen der Stimulanzien auf die Sexualfunktion von Männern.

Nicht Dauer, aber Frequenz des Drogenkonsums wirkt sich aus

Die Forschergruppe hat Männer (Durchschnittsalter 31,9 Jahre), die illegal ausschließlich Amphetamine eingenommen haben und sich in einer Institution für Drogenentzug in Taiwan befanden, zu ihrer Sexualfunktion befragt. Die Forscher konnten nicht klar bestimmen, welches Amphetamin oder Amphetamin-ähnliche Präparat die einzelnen Teilnehmer eingenommen hatten. Im Schnitt konsumierten die Befragten die Drogen etwa zweieinhalb Jahre lang. Um die Auswirkungen des Amphetamine-Konsums auf männliche Sexualfunktion zu untersuchen, legte man den Teilnehmern so genannte Global Assessment Questions (GAQs) vor. Zudem wurden ihre Antworten im Internationalen Index für erektile Funktion (IIEF) mit denen von 211 gleichaltrigen Kontrollpersonen verglichen.

 
Aufgrund des sich neu entwickelnden Drogenproblems mit Amphetaminen in diesen Ländern (Asiens) wurde die Studie wohl durchgeführt. Prof. Dr. Torsten Passie
 

Die Hälfte der Drogennutzer gab in dem Fragebogen an, dass sie keine Auswirkung auf ihre Sexualfunktion feststellten. Die Erfahrungen der anderen Teilnehmer gestalteten sich äußerst heterogen: Während manche von einer gesteigerten Orgasmus-Intensität berichteten, klagten die anderen über verminderte Erektionsfähigkeit, geringere sexuelle Zufriedenheit und über erektile Dysfunktion.

Im Vergleich zu den Kontrollpersonen kamen die Drogennutzer in den Indexergebnissen auf signifikant niedrigere Punktwerte bei den Angaben zur erektilen Funktion, Orgasmus-Funktion und allgemeinen sexuellen Zufriedenheit. Unter den Amphetamin-Nutzern klagten 29,3% über erektile Dysfunktion, im Vergleich zu nur 11,9% in der Kontrollgruppe. Auch nach einer Anpassung der Ergebnisse an Einflussfaktoren wie BMI, Rauchen, Alter, Familienstand, Depression, Diabetes und Bluthochdruck blieb der Unterschied signifikant.

Während die Dauer des Drogenkonsums zwar keine Auswirkungen auf die Sexualfunktion zeigte, ließ sich dies aber im Hinblick auf die Frequenz feststellen: Diejenigen Teilnehmer, die mehr als dreimal pro Tag Amphetamine konsumierten, berichteten eher über Auswirkungen der Drogen auf ihre Sexualfunktion – sei es nun positiv oder negativ – als diejenigen mit einer niedrigeren Dosisfrequenz.

Psychische Defizite oder Drogenkonsum Auslöser erektiler Dysfunktion?

Ob die von den Probanden genannten Beeinträchtigungen der erektilen Funktion tatsächlich auf den Drogenkonsum zurückgehen, sei eher fraglich, bemerkt Passie. „Leute nehmen Amphetamine, um psychische Defizite zu kompensieren“, erklärt er. „Aufgrund der fast immer im Hintergrund bestehenden psychischen Störungen bei Amphetamin-Konsumenten kann man daher kaum auseinanderhalten, was durch diese psychischen Störungen und was durch die Substanz Amphetamin verursacht wurde.“ Es bleibe somit unklar, ob die schlechtere erektile Funktion tatsächlich auf den Drogenkonsum oder den psychischen Gesamtzustand der Amphetamin-Konsumenten zurückzuführen sei.

Gleiches räumen auch die Autoren der Studie ein: „Psychosoziale Aspekte, die zum Drogenkonsum geführt haben können, könnten auch eine Erklärung für die sexuellen Probleme liefern“, vermuten Chou und seine Kollegen. „Der psychosoziale Status der Kontrollpersonen war nicht zwangsläufig identisch mit dem der Drogenkonsumenten. Daher sollte das höhere Risiko für erektile Dysfunktion der Drogennutzer auch nicht ausschließlich den Auswirkungen der Drogen zugeschrieben werden“, stellen sie weiter fest.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Studienteilnehmer relativ jung waren. Die Prävalenz von erektiler Dysfunktion bei unter 40-Jährigen liegt bei ca. 1 bis 9%. Dagegen ist etwa die Hälfte der 60-Jährigen und etwa Zweidrittel der 70-Jährigen davon betroffen. Die aktuelle Studie bestätige, dass bei unter 40-Jährigen Drogenkonsum und Rauchen „die signifikantesten Risikofaktoren für eine organische erektile Dysfunktion sind“, schreiben sie.

 
Leute nehmen Amphetamine, um psychische Defizite zu kompensieren. Prof. Dr. Torsten Passie
 

Wie die Drogen auf die Sexualfunktion wirken, darüber können die Autoren nur Vermutungen anstellen. Sie nennen zum einen kombinierte Effekte der monoaminen Neurotransmitter Noradrenalin, Dopamin und Serotonin im zentralen und peripheren Nervensystem, deren Aktivität durch Amphetamine begünstigt wird. Dopamin wirkt sich eher positiv, Serononin eher negativ auf sexuelle Funktionen aus. Zum anderen könnten auch zentrale neurotoxische Effekte eine Rolle spielen, so eine weitere Hypothese. Und schließlich könnte Amphetamin die Endothelfunktion der Penisarterien schädigen, was die Beeinträchtigung der Erektion erklären würde.  

Auch bei Patienten, die Ritalin einnehmen, seien Auswirkungen auf die sexuelle Funktion nicht auszuschließen, erklärt Passie, aber es lägen dazu bislang keine wissenschaftlichen Langzeit-Studien vor.

 

REFERENZEN:

1. Chou NH, et al: The Journal of Sexual Medicine 2015;12(8):1694-1702

Kommentar

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