Immer mehr Depressionen bei Kindern und Jugendlichen – können Präventionsprogramme und Lichttherapie helfen?

Petra Plaum

Interessenkonflikte

8. September 2015

München – Die Prävalenz der Depression im Kindes- und Jugendalter nimmt zu – diversen Hochrechnungen zufolge leiden 2 bis 4% aller Grundschulkinder und 8 bis 15% der Jugendlichen in Deutschland daran. Könnte ein Präventionsprogramm für disponierte Kinder und Jugendliche diesen Anteil verringern? Und hilft eine Lichttherapie Heranwachsenden, bei denen die Erkrankung ausgebrochen ist?

Antworten sollen 2 Studien liefern, die aktuell an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, laufen. Beide Studien wurden auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) vorgestellt [1].

Erster Trend: Bessere CGI-Werte dank Lichttherapie

„Bei Erwachsenen mit Depressionen sieht man ein hohes Ansprechen auf die Lichttherapie bei geringen Nebenwirkungen“, berichtete die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Barbara Grünewald. „Kinder und Jugendliche betreffend gibt es jedoch nur wenige Studien mit geringen Fallzahlen und zum Teil großen methodischen Mängeln.“

Um das zu ändern, arbeiten Grünewald und ihre Kollegen an einer Studie, die 12- bis 18-Jährige einbezieht. Alle haben einen BDI-II (Beck Depression Inventory)-Wert von mindestens 14, sind mindestens 7 Wochen lang stationär untergebracht und nehmen keine Psychopharmaka. Primär geht es um die Frage: Verbessert die Lichttherapie die depressive Symptomatik? Sekundär spielen auch Faktoren wie Schlafqualität und Schlafunterbrechungen eine Rolle. Langfristig soll zudem ermittelt werden, ob es je nach Chronotyp Wirkunterschiede gibt – zu welcher Uhrzeit z.B. ein Frühaufsteher von der Lichttherapie besonders profitiert, zu welcher eine „Nachteule“.

Seit der Jahreswende 2013/2014 rekrutieren Grünewald und ihre Kollegen Teilnehmer für die randomisiert-kontrollierte Studie. 90 sollen es insgesamt werden. Bislang konnten die Daten von 12 Heranwachsenden ausgewertet werden, die 3 Wochen lang allmorgendlich eine 45-minütige Lichtdusche mit einer 10.000-Lux-Tageslichtleuchte erhalten hatten. Sie zählen zur Verumgruppe. Verglichen werden sie mit 7 Teilnehmern, die stattdessen mit einer 200-Lux-Leuchte mit Blaufilter (als Placebo) behandelt wurden. Sowohl Teilnehmer als auch Behandler sind verblindet.

In beiden Gruppen ging es den Teilnehmern zunehmend besser. Sowohl die BDI-II- als auch die CGI(Clinical Global Impression)-Werte sanken. Jedoch: „In der Verumgruppe verbesserte sich der klinische Gesamteindruck signifikant mehr als in der Placebogruppe“, informierte Grünewald. Inwieweit sich Schlafverhalten, Schlafqualität und -unterbrechungen durch eine Lichttherapie ändern und wann für welchen Chronotyp der ideale Zeitpunkt für die Exposition ist, soll noch ermittelt werden. Weitere Studienteilnehmer werden gerne aufgenommen.

Kinder depressiver Eltern gesund erhalten

Manchmal lässt sich dem Ausbruch einer Depression auch vorbeugen, so die Psychologin Dr. Belinda Platt, Projektleiterin der Studie PRODO – Primary Prevention of Depression in Offspring of Depressed Parents. „Wir wissen, dass Kinder mit einem depressiven Elternteil ein dreifach erhöhtes Risiko haben, vor dem 20. Lebensjahr an einer Depression zu erkranken“, betonte sie. Außer der genetischen Disposition der Kinder trage dazu auch die besondere familiäre Situation bei.

 
Wir wissen, dass Kinder mit einem depressiven Elternteil ein dreifach erhöhtes Risiko haben, vor dem 20. Lebensjahr an einer Depression zu erkranken. Dr. Belinda Platt
 

In den USA hat sich für solche Familien ein Präventionsprogramm mit kognitiver Verhaltenstherapie in Kleingruppen bewährt. Es heißt Raising Healthy Children und wendet sich sowohl an Eltern und Kinder getrennt als auch an die gesamte Familie. Für PRODO wurden die Inhalte dieses Programms übersetzt und kulturell adaptiert. Platt berichtete: „Bei uns heißt es ,Gesund und glücklich aufwachsen‘.“ Die Teilnehmerkinder sollen im Alter von 8 bis 17 Jahren sein und dürfen noch keine Depression gehabt haben.

Sowohl die Eltern als auch ihr Nachwuchs lernen Wissenswertes über die Erkrankung. Zudem trainieren die Kinder unter anderem den Umgang mit Stress und Ängsten und entwickeln Bewältigungsstrategien. Die Eltern können an ihrem Erziehungsstil arbeiten, die ganze Familie gemeinsame Ziele ins Auge fassen. Das Präventionsprogramm umfasst 8 Treffen einmal pro Woche und nochmals 4 Treffen einmal pro Monat. Weitere Teilnehmerfamilien aus München und dem Umland sind willkommen.

In den USA bescheinigte eine Studie dem Programm Raising Healthy Children großen Erfolg – binnen 24 Monaten wurde nur bei 14% der exponierten Kinder, dagegen bei 33% der Kontrollgruppe ohne Intervention eine Depression diagnostiziert. In München soll sich nach der Begleitung von 100 Familien zeigen, ob diese Zahlen replizierbar sind.

 

REFERENZEN:

1. 111. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), 2. bis 5. September 2015, München, Abstracts 383, 323

Kommentar

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