Herzkranke profitieren von individualisiertem Sportprogramm, auch wenn sie multimorbide sind

Manuela Arand

Interessenkonflikte

7. September 2015

London – In klinischen Studien ist immer wieder gezeigt worden, dass praktisch alle chronisch Kranken von mehr Bewegung profitieren können, egal ob die Erkrankungen nun das Herzkreislaufsystem, die Lunge oder auch den Bewegungsapparat betreffen. Allerdings sind zumeist Patienten untersucht worden, die an isolierten Erkrankungen litten – das macht auch Sinn, will man den Effekt auf eine bestimmte Pathologie prüfen.

In der Praxis stellt dies jedoch die Ausnahme dar. Denn die meisten alten Patienten sind multimorbide und es gilt, bei ihnen viele Aspekte zu berücksichtigen, wie Prof. Dr. Josef Niebauer, Universitätsinstitut für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, beim Kongress der European Society for Cardiology (ESC 2015) anhand eines Fallbeispiels demonstrierte [1].

75-Jährige – drei Erkrankungen

Die 75-jährige Frau leidet nicht nur an einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung und einer schmerzhaften Kniegelenksarthrose, sondern ist auch kardial vorgeschädigt. Nach einem transmuralen Infarkt wurde nur eine inkomplette Revaskularisierung erreicht. Ohne Frage stellt eine Trainingstherapie in dieser Situation einen wichtigen Therapiebaustein dar, doch wie lassen sich negative Effekte vermeiden?

Für alle 3 Erkrankungen gelte, dass die medikamentöse Therapie vor Beginn der Trainingstherapie optimal eingestellt werden sollte, betonte der Kardiologe. Dann ist zu prüfen, welche ungünstigen Wirkungen bei dieser Ausgangssituation überhaupt eintreten könnten. Bezüglich der COPD sind dies fortschreitende Überblähung und Dyspnoe, die Kniebeschwerden könnten verstärkt und die Progredienz der Knorpelschäden forciert werden.

Über die koronare Herzkrankheit braucht man sich laut Niebauer hier wenig Gedanken zu machen, weil der Nutzen die – vergleichsweise geringfügigen – Risiken klar überwiegt. Nach inkompletter Revaskularisierung ist jedoch darauf zu achten, dass es nicht zu Ischämien oder Rhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern kommt.

Die kardiovaskuläre Situation ist daher der Faktor, der die Trainierbarkeit am stärksten limitiert. Allerdings scheint das Ischämierisiko verhältnismäßig gering zu sein, solange darauf geachtet wird, dass die Belastung unter 95% der maximalen Herzfrequenz bleibt, wie Niebauer ausführte. Erst darüber steigt das Risiko erheblich an. Dass vor Aufnahme der Trainingstherapie ein Stresstest gemacht und die Patientin eine antianginösen Medikation erhalten sollte, versteht sich von selbst. 

Patienten mit COPD können in vielerlei Hinsicht von einer Trainingstherapie profitieren. Zum einen natürlich hinsichtlich körperlicher Parameter wie Leistungsfähigkeit, Kraft und Ausdauer, zum anderen aber auch, weil Depression und Angst gemildert, das Risiko einer Krankenhauseinweisung gesenkt und wahrscheinlich sogar die Lebenszeit verlängert wird.

Ausdauer-Intervalltraining und Krafttraining

Die aktuellen Empfehlungen der European Respiratory Society raten zum Ausdauer-Intervalltraining, vor allem, wenn eine schwere Atemwegsobstruktion vorliegt, die Sauerstoffsättigung unter Belastung deutlich absinkt (< 85%) und der Patient beim Ausdauertraining eine intolerable Dyspnoe entwickelt. Zusätzlich sollte den Patienten ein Krafttraining angeboten werden, weil viele COPD-Patienten hier starke Defizite aufweisen.

Es macht Sinn, das Intervalltraining durch Sauerstoff zu unterstützen: Bei eigenen Patienten konnte Niebauer feststellen, dass dies die maximale Sauerstoffaufnahme und die körperliche Leistungsfähigkeit deutlich steigert.

Eine Kombination von Ausdauer- und Krafttraining ist auch bei Arthrose-Patienten Mittel der Wahl, weil die gesteigerte Muskelkraft nachweislich die Gelenke entlastet und die Gelenkschmerzen lindert. Beim Training sollten Schmerzen bzw. Schmerzsteigerung in den betroffenen Gelenken vermieden werden. Als sinnvolle Maßnahmen stuft eine internationale Expertengruppe u.a. Gewichtskontrolle, Kraft- und Aquatraining ein. 

Zusammenfassend eignet sich für diese Patientin ein Ausdauer-Intervalltraining unter Sauerstoffapplikation, bei dem darauf geachtet werden muss, Ischämien zu vermeiden. Auch die Kraft sollte trainiert werden, wobei aufgrund der Arthrose eher mit leichten Gewichten und vielen Wiederholungen gearbeitet werden sollte.

REFERENZEN:

  1. Kongress der European Society of Cardiology, 28. August bis 2. September 2015, London

Kommentar

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