Online-Sprechstunde beim Hautarzt: Techniker Krankenkasse startet Projekt zur virtuellen Konsultation

Christian Beneker

Interessenkonflikte

4. September 2015

Ein Projekt der Techniker Krankenkasse (TK) lässt die Sprechstunde beim Hautarzt auf die wenigen Quadratzentimeter eines Computerbildschirmes zusammenschmelzen [1]. In Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Dermatologen (BVDD) und dem Lübecker Startup-Unternehmen Patientus GmbH will die Krankenkasse zunächst mit 7 Hautärzten und ihren Patienten erproben, ob Arzt und Patient sich auch über das Internet verständigen können – anstelle bei einer Konsultation im Sprechzimmer. Der Einstieg in die vollkommene Technisierung der Arzt-Patienten-Begegnung?

Das ist für Ärzte, die schon mit dem System arbeiten, keine Frage: „Wenn der Patient einmal in meiner Praxis war, reichen zur Nachkontrolle oft ein kurzer Blick und ein kurzes Gespräch – dafür muss sich künftig kein Patient mehr auf den Weg in meine Praxis machen", erklärt Dr. Klaus Strömer. Der Hautarzt und Präsident vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) setzt die Patientus-Software bereits in seiner Praxis in Mönchengladbach ein.

Selbstverständlich eigne sich das Gespräch via Bildschirm nicht in jedem Fall, hält er fest: „Besonders geeignet erscheint die Videokonsultation etwa, um eine Änderung in der Medikation zu besprechen. Oder zur Abklärung des Krankheitsverlaufs – beispielsweise der Wundheilung nach einer Operation – wie überhaupt zur Überprüfung des therapeutischen Erfolgs oder für die Patientenschulung im Verlauf einer längeren Behandlung." In solchen Fällen verordne er jetzt die Video-Sprechstunde auf einem ausgedruckten Flyer und trägt dort den persönlichen Zugangscode und den Termin ein.

 
Ein kurzer Blick und ein kurzes Gespräch – dafür muss sich künftig kein Patient mehr auf den Weg in meine Praxis machen. Dr. Klaus Strömer
 

Begegnung am Bildschirm

„Im virtuellen Wartezimmer zählt ein Countdown von zehn auf null herunter und auf dem Bildschirm erscheint der Hautarzt, um mit seinem Patienten zu sprechen – darüber, ob die verordnete Salbe wirkt und die Hautschwellung zurückgegangen ist oder ob die OP-Wunde richtig heilt" – so erläutert die TK den Ablauf. „Das TK-Pilotprojekt Online-Video-Sprechstunde soll die Tür zu echter Telemedizin im ambulanten ärztlichen Bereich öffnen", wird versprochen.

Zum vereinbarten Online-Termin loggt sich der Patient mit seinem Laptop oder PC über die Webseite der Patientus GmbH mit seiner sechsstelligen Termin-TAN ein und gelangt in das virtuelle Wartezimmer, erklärt die Techniker Krankenkasse. Der Arzt ‚auf der anderen Seite‘ ruft seine Patienten dann nacheinander in sein virtuelles Sprechzimmer. Nach der Kosultation trennt der Patient die Verbindung, und für den Arzt heißt es: „Der Nächste bitte!“

„Ärzte und Patienten benötigen dazu keine zusätzliche Hard- oder Software. Ein PC oder Laptop mit Internetverbindung und einer handelsüblichen Webcam genügen", sagt Patientus-Geschäftsführer Nicolas Schulwitz. „Die Video-Sprechstunde funktioniert direkt im Browser." Installationen oder besondere PC-Kenntnisse seien nicht notwendig.

Natürlich taugt der Bildschirm nicht für jede Konsulation. „Überall, wo der Arzt tasten und messen muss, braucht man natürlich die Begegnung zwischen Arzt und Patienten", erklärt Dr. Thomas Nebling, Projektleiter der Online-Sprechstunde bei der TK. Voraussetzung für die Online-Sprechstunde sei es, „dass Arzt und Patient sich bereits kennen und eine Vertrauensverhältnis haben“. Dann brauche der Patient eben nicht mehr eine Stunde auf eine zweiminütige Konsultation zu warten, sondern kommt zum verabredeten Zeitpunkt zum Zuge.

TK wünscht sich eine Abrechnungsposition „Telemedizin"

Zunächst für 3 Monate will die TK die virtuelle Konsultation testen – mit 7 Ärzten in 4 Bundesländern: Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Nach 3 Monaten soll das Projekt dann auf rund 100 Ärzte ausgeweitet werden, so die Pläne der TK: „Anfang 2016 wollen wir mit dem BVDD einen Versorgungsvertrag schließen", sagt Nebling zu Medscape Deutschland.

 
Besonders geeignet erscheint die Videokonsultation etwa, um eine Änderung in der Medikation zu besprechen. Dr. Klaus Strömer
 

Für die teilnehmenden Ärzte bedeute das Projekt den Einstieg in eine neue Form eigens vergüteter Arbeit, hieß es. Die Online-Sprechstunden werden von der TK nämlich extrabudgetär vergütet. „Wir wollen aber zunächst vor allem ein Erfahrungsfeld für die Ärzte schaffen", sagt Nebling. „Dann müssen wir gucken, ob wir das Projekt noch weiter ausbauen oder sogar andere Fachgruppen einbeziehen." Zunächst müsse man aber mit den Fachgesellschaften sprechen „und so weit sind wir noch nicht."

Schließlich soll die Online-Sprechstunde eine „normale Dienstleistung" werden. „Unsere Idee ist es, dass sie ganz normal ihren Weg findet in die normale Abrechung und Regelversorgung mit einer eigenen Vergütungsposition, wie es sie auch für die telefonische Beratung gibt," sagt Nebling.

Dass die Online-Sprechstunde nicht immer das Mittel der Wahl ist, räumen alle am TK-Projekt Beteiligten ein. Aber offenbar ist die Befürchtung, die Begegnung im world wide web höhle in jedem Falle den Behandlungserfolg aus, schwer zu begründen. Das meint jedenfalls Dr. Gundula Ernst, Psychologin am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). „Neue Medien bieten aus meiner Sicht viele Möglichkeiten, zum Beispiel das Erreichen und die Motivation schwer erreichbarer Zielgruppen wie Jugendliche und Männer im erwerbstätigen Alter", sagt Ernst.

Dabei sei die Online-Sprechstunde eine „niederschwellige Ansprache“ und biete Zeit- und Kostenersparnis für Patienten und Ärzte. Sie hätten in der Medizin schon in vielen Bereichen Einzug gehalten und würden in Zeiten abnehmender Ärztedichte, zunehmender chronischer Erkrankungen und Digitalisierung weiter verbreitet werden, meint Ernst. „Ich nutze sie zum Beispiel als alternatives beziehungsweise ergänzendes Angebot für Jugendlichen-Schulungen."

 

REFERENZEN:

1. Pressemitteilung der Techniker Krankenkasse vom 24. August 2015

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....