ASS langfristig und ohne Unterbrechung einnehmen – so funktioniert der Schutz vor Darmkrebs am besten

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

3. September 2015

Für seine Rolle in der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen ist Acetylsalicylsäure (ASS oder Aspirin im angloamerikanischen Gebrauch) bekannt. Aber auch bei der Vermeidung von Darmkrebserkrankungen könnten ASS und andere nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAID) recht gute Dienste leisten. In einer großen dänischen Kohortenstudie war die langfristige Einnahme von niedrig dosiertem ASS mit einer Reduktion des Darmkrebsrisikos um 27% assoziiert [1].

Prof. Dr. Dirk Arnold

„Diese Studie ist nicht die erste, die eine Assoziation zwischen ASS und Darmkrebsrisiko zeigt“, erinnert Prof. Dr. Dirk Arnold, der an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg im Breisgau die Klinik für Internistische Onkologie leitet. „Aber sie liefert ein weiteres Mosaiksteinchen, einen weiteren Hinweis, dass ASS und NSAID einen Effekt auf das Darmkrebsrisiko haben.“

Noch zu früh für ASS-Prophylaxe in der Onkologie

Bislang wird Acetylsalisylsäure in der Tumormedizin – anders als in der Kardiologie – noch nicht gezielt zur Primär- oder Sekundärprophylaxe von Erkrankungen eingesetzt. „Ein erst kürzlich veröffentlichter Review kommt zu dem Schluss, dass weitere Forschung notwendig ist, um herauszufinden, wie man Aspirin in der Prävention von Krebserkrankungen optimal einsetzen könnte“, schreiben die Autoren um Dr. Søren Friis vom Forschungszentrum der Dänischen Krebsgesellschaft in Kopenhagen.

Die untersuchte Kohorte umfasst 10.280 Patienten, die von 1994 bis 2011 in Norddänemark an Darmkrebs erkrankt waren. Verglichen wurden sie mit 102.800 Kontrollen, die nach Alter, Geschlecht und Heimatregion gematcht waren.

Studienteilnehmer, die über mehr als 5 Jahre kontinuierlich ASS in niedriger Dosierung (75-150 mg) eingenommen hatten, wiesen ein um 27% geringeres Darmkrebsrisiko auf. Die Einnahme anderer NSAR war mit einer Reduktion des Darmkrebsrisikos um 30% assoziiert, wenn die Medikamente langfristig (mehr als 5 Jahre) und intensiv (≥ 0,3 definierte Tagesdosen) eingenommen worden waren. Den stärksten Effekt auf das Darmkrebsrisiko hatten die NSAID mit der höchsten Cyclooxygenease-2-Selektivität (Risikoreduktion um bis zu 43%).

 
Welche Patienten würden besonders stark von einer Primärprophylaxe mit Aspirin oder NSAID profitieren? Prof. Dr. Dirk Arnold
 

Wichtige Fragen sind noch offen

„Unmittelbare Konsequenzen für die Praxis wird diese Studie noch nicht haben“, kommentiert Arnold, „denn die wahrscheinlich wichtigste Frage, neben Dosis und Dauer der Einnahme, konnte sie nicht beantworten: Welche Patienten würden besonders stark von einer Primärprophylaxe mit Aspirin oder NSAID profitieren, und bei welchen Patienten besteht kein Nutzen bzw. ist sogar das Potenzial für unerwünschte Wirkungen am höchsten?“

Eine Stratifizierung der Patienten nach den klinischen Charakteristika Alter, Geschlecht, klinischem Stadium und kardiovaskulären oder zerebrovaskulären Erkrankungen erwies sich trotz der Größe der Studie als nicht wirklich aufschlussreich: Bei Frauen und denjenigen ohne kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Erkrankungen in der Anamnese sank das Darmkrebsrisiko durch ASS etwas stärker als in der Gesamtpopulation. Bei den anderen NSAID gab es zwischen den Untergruppen keine Unterschiede.

Für Arnold sind daher vor allem molekulargenetische Untersuchungen der Schlüssel, um diejenigen Menschen zu identifizieren, die von einer Primärprophylaxe mit ASS wirklich profitieren. „Es ist unzweifelhaft, dass der Gesamteffekt eine Summe sehr heterogener Einzeleffekte ist und dass es Patienten geben wird, die stark profitieren und andere, bei denen der Effekt sehr gering ist.“

 
Es ist unzweifelhaft, dass es Patienten geben wird, die stark profitieren und andere, bei denen der Effekt sehr gering ist. Prof. Dr. Dirk Arnold
 

Molekulargenetische Stratifizierung würde Primärprophylaxe sinnvoll machen

Schon heute würden Patienten mit gehäuftem Auftreten von Darmkrebs in der Familienanamnese molekulargenetisch auf bekannte Mutationen untersucht, um herauszufinden, ob ein definiertes familiäres Darmkrebssyndrom vorliegt, ergänzt Arnold. „Wenn wir künftig auch die molekulargenetischen Konstellationen kennen, bei denen ASS einen besonders starken Effekt hat, wird sicherlich auch eine Primärprophylaxe sinnvoll sein.“

Um dann mit niedrig dosiertem ASS tatsächlich einen substanziellen Krebsschutz zu erzielen, werde eine langfristige und vor allem kontinuierliche Einnahme notwendig sein, schreiben die Autoren. Denn die langjährige, aber nicht kontinuierliche Einnahme von ASS hatte keinen Effekt auf das Darmkrebsrisiko.

 

REFERENZEN:

  1. Friis S, et al: Annals of Internal Medicine 2015;163(5):347-355

Kommentar

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