Angiotensin-/Neprilysin-Hemmer erobert die Hypertonie – erste Daten zur Blutdrucksenkung mit neuem Herzinsuffizienz-Medikament

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

3. September 2015

London – Der erste Vertreter einer neuen Klasse von Herzinsuffizienz-Medikamenten LCZ696, (Sacubitril/Valsartan, Novartis, in den USA bereits unter dem Namen Entresto® zugelassen), könnte auch ein vielversprechendes Antihypertensivum sein – speziell für die oft schwierig zu behandelnden älteren Patienten mit isolierter systolischer Hypertonie und versteiften Arterien. Diesen Schluss lässt die jetzt beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC 2015) in London vorgestellte  PARAMETER-Studie zu [1].

LCZ696 hat als erster dualer Angiotensin-Rezeptor-/Neprilysin-Inhibitor (kurz ARNI genannt) beim letzten ESC-Kongress für einiges Aufsehen gesorgt: In der PARADIGM-HF Studie mit über 8.000 Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz hatte er sich der Standardtherapie mit dem ACE-Hemmer Enalapril als überlegen erwiesen. In den USA ist er von der FDA daraufhin bereits im Juli diesen Jahres mit einem beschleunigten Verfahren für die Indikation Herzinsuffizienz NYHA-Stadium II bis IV zugelassen worden.

Die jetzt beim ESC-Kongress vorgestellte PARAMETER-Studie zur antihypertensiven Wirkung des ARNI lasse auch in dieser Indikation viel von dem neuen Wirkstoff erwarten. Dies meint zumindest Studienleiter Dr. Bryan Williams, University College London: „Über seine neuartigen und vorteilhaften Effekte könnte LCZ696 eventuell besser vor Herzerkrankungen, Schlaganfall und Herzinsuffizienz schützen als die bisher verfügbaren Therapien“, sagte er bei der Studienpräsentation während einer ESC-Pressekonferenz.

Über seine neuartigen und vorteilhaften Effekte könnte LCZ696 eventuell besser vor Herzerkrankungen, Schlaganfall und Herzinsuffizienz schützen als die bisher verfügbaren Therapien. Dr. Bryan Williams

Effektiver als Olmesartan – besonders in der Nacht

An der Parameter-Studie haben 454 Patienten mit einer systolischen Hypertonie (≥ 150 mmHg) und einer weiten Blutdruck-Amplitude (Pulsdruck > 60 mmHg), die als Maß für die Aortensteifigkeit gilt, teilgenommen. Sie erhielten nach einer Wash-out-Periode der Vortherapie randomisiert und doppelblind entweder LCZ696 (auftitriert bis 400 mg 1 x tgl.) oder Olmesartan (auftitriert zu 40 mg 1 x tgl.). Der primäre Endpunkt war der systolische zentrale Aortendruck, bestimmt nach 12 Wochen Therapie. Danach wurde die Studie bis zur 52. Woche fortgesetzt, es waren dann aber – wenn notwendig – zusätzliche Antihypertensiva erlaubt.

Williams erläuterte die Hintergründe der Studie: Sowohl die isolierte systolische Hypertonie,  als auch ein hoher Pulsdruck gelten als Anzeichen der arteriellen Alterung und Versteifung und damit eines erhöhten Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen, Schlaganfall und Herzinsuffizienz. Ein wichtiger Prädiktor sei dabei auch die nächtliche Hypertonie. Durch die Steifigkeit der Arterien steige der zentrale Aortendruck stärker als der Blutdruck in der Peripherie, was die linksventrikuläre Last erhöhe und die Entstehung der Herzinsuffizienz begünstige, erklärte  er. „Daher waren wir interessiert zu erfahren, ob LCZ696 möglicherweise effektiver darin ist, diesen zentralen Druck zu reduzieren als ein alleiniger Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB).“

Nach den ersten 12 Wochen Therapie hatte der zentrale Aortendruck bei den LCZ696-Patienten jeweils signifikant stärker abgenommen als unter Olmesartan. Die Differenz betrug beim zentralen Aortendruck 3,77 mmHg und 2,4 mmHg beim Pulsdruck. Wie Williams berichtete, hatte außerdem der über 24-Stunden am Arm gemessene systolische Blutdruck und der entsprechende zentrale systolische Blutdruck unter LCZ696 um 4,1 mmHg bzw. 3,3 mmHg stärker abgenommen als unter Olmesartan. „Der Unterschied war besonders ausgeprägt während der Nacht“, betonte der britische Kardiologe.

Auch im weiteren Follow-up erwies sich nach seiner Auskunft der ARNI als stärker wirksam. Da ab der 12. Woche für die Patienten weitere Blutdruck senkende Medikamente erlaubt waren, zeigte sich hier der Unterschied vor allem in einem erhöhten Bedarf für eine zusätzliche antihypertensive Therapie unter Olmesartan – bei 47 vs. 32% unter LCZ696.

Diese Daten sind bedeutsam, weil die Blutdrucksenkung bei alten Menschen mit versteiften Arterien noch ein Feld mit einem ungedeckten Bedarf ist. Dr. Bryan Williams

Bessere Blutdrucksenkung und reduzierte Steifigkeit der Arterien?

Williams vermutet, dass die stärkere Reduktion im Aortendruck unter LCZ696 mit einer besseren Funktion der versteiften Arterien bei den älteren Patienten einhergeht. In einer „explorativen“ Analyse der Pulswellengeschwindigkeit  (Sensoren über Carotis und Femoralarterie), die als Maß für die arterielle Steifigkeit gilt, habe sich in der Subgruppe der LCZ696-Patienten mit den ausgangs am stärksten versteiften Arterien ein Trend zu einer ausgeprägteren Verbesserung als in der Kontrollgruppe gefunden, berichtete er.

„Diese Daten sind bedeutsam“, sagte er, „weil die Blutdrucksenkung bei alten Menschen mit versteiften Arterien noch ein Feld mit einem ungedeckten Bedarf ist, das aber sehr wichtig ist, um das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Herzinsuffizienz bei älteren Menschen zu senken. Unsere Daten lassen vermuten, dass LCZ696 hier mehr erreichen kann als bisherige Therapien. Das sind aufregende Fortschritte.“

REFERENZEN:

1. Kongress der European Society of Cardiology, 28. August bis 2. September 2015, London

Kommentar

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