Europas Kardiologen fordern frische Luft für gesunde Herzen: Mit dem Smog steigt die Infarktrate

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

31. August 2015

London – „Umwelt und Herz“ heißt das Schwerpunktthema des Kongresses der European Society of Cardiology (ESC), der zur Zeit in London stattfindet [1]. Bei einer Pressekonferenz verwies ESC-Präsident Prof. Dr. Fausto Pinto aus Lissabon, Portugal, auf die soeben gestartete „Environment & the Heart Campaign“. Sie will mittels einer Postkartenaktion und einer Onlinepetition Ärzte, Patienten und Entscheidungsträger darauf aufmerksam machen, wie wichtig eine saubere Umwelt für Herz und Gefäße ist.

Pinto rief unter anderem dazu auf, Luftverschmutzung und Lärm in den Katalog der kardiovaskulären Risikofaktoren aufzunehmen. Denn bei starker Luftverschmutzung finden sich vermehrt bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren und die Inzidenz von Myokardinfarkten ist sogar erhöht, sowohl kurz- als auch langfristig.

Das bestätigte auch Prof. Dr. Heinz Drexel, Chefarzt der Kardiologe am Landeskrankenhaus Feldkirch in Österreich. Er stellte bei der Pressekonferenz klar: „Wir haben uns in den letzten beiden Jahrzehnten stark auf die Genetik konzentriert. Nun ist es Zeit, auch die verschiedenen Umweltaspekte wieder in den Fokus zu rücken.“ Im Gespräch mit Medscape Deutschland ergänzte er: „Kohlendioxid ist nicht alles, und Fahrzeugabgase wirken sich nicht nur auf die Natur, sondern eben auch auf den Menschen aus.“

Mehr STEMI bei Smog?

Aktuelle Studien, die beim ESC-Kongress vorgestellt wurden, untermauern diese Erkenntnisse. So erfasste Prof. Dr. Jean-Francois Argacha, Kardiologe am Universitätsklinikum Brüssel, in einer prospektiven Fallkontrollstudie im Cross-Over-Design alle Patienten des belgischen Registers für ST-Hebungs-Infarkte (STEMI) von 2009 bis 2013. Er verglich die jeweilige Feinstaub- und Schadstoffgasbelastung mit der kurzfristigen STEMI-Inzidenz. „Diese Art Herzinfarkt hat die schlechteste Prognose“, betonte Argacha bei der ESC-Pressekonferenz.

Die Studie zeigte zumindest bei Männern einen signifikanten Zusammenhang zwischen Feinstaub (PM2,5 und PM10) sowie NO2 einerseits und dem Auftreten von STEMIs andererseits. So erhöhte sich pro Anstieg der Schadstoffkonzentration um 10 µg/m³ die STEMI-Rate jeweils um 2,8% (PM2,5), um 2,6% (PM10) bzw. um 5,1% (NO2).

Nur das ebenfalls als Herzschädling verdächtigte Ozon wurde durch die Studie entlastet: An Tagen mit hoher Ozonkonzentration war die STEMI-Rate nicht erhöht. Die Daten wurden übrigens für den Einfluss der Temperatur adjustiert, denn auch diese scheint bei der Infarktinzidenz eine Rolle zu spielen.

Mehr STEMI sogar unterhalb der Richtwerte

 
Wir sollten in der EU besser die strengeren Vorgaben der WHO für die maximale Feinstaubbelastung übernehmen. Prof. Dr. Fausto Pinto
 

Ein interessantes Detail war die Altersverteilung der STEMI-Patienten bei den verschiedenen Arten von Luftverschmutzung. Denn während die PM10-Belastung vor allem bei älteren Männern ab 75 Jahren mit erhöhten STEMI-Zahlen assoziiert war, bekamen bei hoher NO2-Belastung vor allem die unter 54-Jährigen – womöglich berufstätige Pendler, die in den Stoßzeiten unterwegs waren – mehr Infarkte.

Bedenklich ist, dass die Schadstoffkonzentrationen, die sich hier so negativ auf die männlichen Studienteilnehmer auswirkten, in der Regel unterhalb der europäischen Richtwerte lagen. Der akzeptierten Tageshöchstwert beträgt beispielsweise für PM10 50 µg/m³ (PM10), er soll nicht öfter als 35-mal im Kalenderjahr überschritten werden. Für Stickstoffdioxid sind es 200 µg/m³, diese Grenze soll nicht öfter als 18-mal jährlich durchbrochen werden. Das ist wohl noch zuviel: „Wir sollten in der EU besser die strengeren Vorgaben der WHO für die maximale Feinstaubbelastung übernehmen“, forderte Pinto.

Frauen zeigten in der Studie keine erhöhten Herzinfarktraten bei Schadstoffbelastung der Luft. Sie machten allerdings weniger als ein Viertel der Probanden aus; möglicherweise war ihre Zahl zu gering für eine belastbare Aussage. „In anderen Studien sehen wir diesen Gender-Unterschied nicht“, kommentierte Pinto in der Pressekonferenz.

Langfristige Herzgesundheit ebenfalls umweltabhängig

Ebenso wichtig wie die akute Luftverschmutzung ist die langfristige Belastung. 40 µg/m³ PM10 und 25 µg/m³ PM2,5 sind die von der EU empfohlenen Grenzwerte für Feinstaub im Jahresdurchschnitt. Die WHO gibt Obergrenzen von 20 bzw. 10 µg/m³ vor.

Selbst die lockeren EU-Grenzwerte wurden in der polnischen Stadt Krakau über mehrere Jahre mit durchschnittlich 56,9 bzw. 41,7 µg/m³ deutlich überschritten. In der ebenfalls in Polen gelegenen Stadt Lublin dagegen lagen die Durchschnittszahlen bei 29,4 bzw. 22,4 µg/m³, die Grenzwerte wurden also eingehalten. Dies nutzte Dr. Krzystof L. Bryniarski, Kardiologe an der Jagiellonen-Universität in Krakau, für eine vergleichende Studie mit (noch) herzgesunden Jugendlichen.

Bryniarski und sein Team bestimmten die Blutdruckwerte sowie die Serumspiegel der Entzündungs- und Gerinnungsmarker bei mehr als 600 Probanden im Alter von 16 bis 22 Jahren, die in ihrem bisherigen Leben entweder durchgehend in Krakau oder immer in Lublin gewohnt hatten. Die sonstigen Lebensumstände waren in beiden Gruppen weitgehend vergleichbar.

Es zeigten sich signifikante Unterschiede, denn bei den Krakauern wurden deutlich höhere Werte an C-reaktivem Protein (CRP), hochsensitivem CRP, Homocystein und Fibrinogen nachgewiesen als bei den Einwohnern von Lublin (jeweils p < 0,0001). Bryniarski und seine Kollegen werteten dies als einen frühen Hinweis auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei den jungen Menschen aus dem schadstoffbelasteten Krakau. Drexel befand im Gespräch mit Medscape Deutschland, die Studie sei „hypothesengenerierend“ und meinte: „Das sollte man auf jeden Fall weiter erforschen.“

Positionspapier macht Ausmaß der Risikosteigerung deutlich

 
Verschmutzte Luft schadet nicht nur der Lunge – das ist bekannt – sondern sie schadet auch dem Herzen. Prof. Dr. Heinz Drexel
 

Den direkten Zusammenhang von Umweltverschmutzung und Herzerkrankungen haben 3 unter dem Dach der ESC arbeitende Vereinigungen bereits Ende 2014 in einem Positionspapier deutlich gemacht und mit Zahlen untermauert: Die ESC Working Group on Thrombosis, die European Association for Cardiovascular Prevention and Rehabilitation und die ESC Heart Failure Association wiesen auf eine Erhöhung der Gesamtmortalität um bis zu 1% bei erhöhter Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung hin, und auch eine Steigerung aller wichtigen kardialen Ekrankungen wurde beschrieben.

„Verschmutzte Luft schadet nicht nur der Lunge – das ist bekannt – sondern sie schadet auch dem Herzen“, fasste Drexel im Gespräch mit Medscape Deutschland zusammen. Die politischen Entscheidungsträger regte er an, durch Verteuerung des besonders stark luftverschmutzenden Diesel die Motivation der Autofahrer in die richtige, gesundheitsfördernde Richtung zu lenken.

 

REFERENZEN:

1. Kongress der European Society of Cardiology, 28. August bis 2. September 2015, London

 

Kommentar

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