Psychoonkologischer Betreuungsbedarf von Tumorpatienten: Bei Erstdiagnose und auch im Rezidiv höher als gedacht

Dr. Sylvia Bochum

Interessenkonflikte

27. August 2015

Dr. Dr. Sebastian Hoefert

Stuttgart – Schätzungsweise ein Drittel aller Krebspatienten leidet an einer komorbiden psychischen Störung. Dr. Dr. Sebastian Hoefert, Oberarzt an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Uniklinikum Tübingen, präsentierte kürzlich beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Stuttgart Daten, nach denen tatsächlich bei rund 60% der Patienten mit einem Kopf-Hals-Tumor ein psychoonkologischer Betreuungsbedarf besteht – und zwar sowohl bei Erstdiagnose als auch bei Auftreten eines Rezidiv- oder Zweittumors [1].

Allerdings deckten sich die anhand von standardisierten Testverfahren ermittelten Werte, nach denen ein solcher Betreuungsbedarf kalkuliert wird, nur bei einem Teil der Patienten mit deren subjektiver Selbsteinschätzung.

Die Gründe für diese Diskrepanz sieht Hoefert vor allem im Engpass zwischen stationärer und ambulanter psychoonkologischer Versorgung. „Viele Patienten lassen auf ihren emotionalen Problemen lieber den Deckeln drauf, weil sie befürchten müssen, dass sie nach dem Krankenhausaufenthalt mit diesen dann wieder alleine dastehen“, so Hoefert.

Zertifizierte Zentren müssen psychoonkologische Betreuung gewährleisten

 
Viele Patienten lassen auf ihren emotionalen Problemen lieber den Deckeln drauf, weil sie befürchten müssen, dass sie nach dem Krankenhausaufenthalt mit diesen dann wieder alleine dastehen. Dr. Dr. Sebastian Hoefert
 

Die Diagnose einer Krebserkrankung stellt in der Regel natürlich eine extreme Belastungssituation dar. Die Reaktionen reichen dabei von Nervosität und Traurigkeit bis hin zu schwersten Belastungen mit Depressionen und Angststörungen. Um diesen zu begegnen, verlangt die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) im Rahmen ihres Zertifizierungsprozesses von den Organkrebszentren, dass sie für die dort behandelten Patienten eine adäquate psychoonkologische Betreuung bereitstellen. Noch lässt sich der tatsächliche Betreuungsbedarf aber nicht eindeutig beziffern, weshalb die DKG den zertifizierten Zentren bislang keine Mindestquoten vorgibt.

Hoefert hat jedoch Daten von 139 Patienten, die im Zeitraum von 2013 bis 2015 am Kopf-Hals-Tumorzentrum der Uniklinik Tübingen in Behandlung waren. Bei 115 (83%) dieser Patienten war die Erstdiagnose eines Kopf-Hals-Tumors gestellt worden, bei 24 (17%) Patienten fand sich dagegen eine Rezidiv- oder Zweittumor-Situation. Das Durchschnittsalter lag bei 64,2 Jahren (Range: 32–94 Jahre), wobei das männliche Geschlecht bei dieser Tumorentität mit 60% erwartungsgemäß überwog.

Hoher Betreuungsbedarf nicht nur bei Neuerkrankung gegeben

Der psychoonkologische Betreuungsbedarf wurde bei diesen Patienten sowohl mit dem Hornheider Screening-Instrument (HSI) als auch dem Distress-Thermometer (DT) ermittelt – und zwar in der Regel 1 bis 2 Wochen nach der Diagnose im Rahmen der Staging-Untersuchungen. „Die meisten Patienten befanden sich also nicht mehr in einer akuten Schocksituation, sondern hatten bereits ein paar Tage Zeit, sich mit ihrer Diagnose auseinanderzusetzen“, so Hoefert.

Das HSI ergab sowohl für die Patienten mit Primärtumor als auch für diejenigen mit Rezidiv- oder Zweittumor einen psychoonkologischen Betreuungsbedarf von jeweils 42%. Der Distress-Thermometer ergab korrespondierende Werte von 44% bzw. 33%. Die Kombination beider Testergebnisse ergab insgesamt sogar bei 62% bzw. 58% der Patienten einen Behandlungsbedarf.

„Offensichtlich gibt es zwischen Patienten mit einer Neuerkrankung oder einem Rezidiv bzw. Zweittumor diesbezüglich keinen signifikanten Unterschied“, so Hoefert, der sich von dem Ergebnis überrascht zeigte.

Diskrepanz zwischen subjektivem und ermitteltem Bedarf

 
Das bedeutet, dass nur die Hälfte aller aufgrund der Testverfahren als bedürftig identifizierten Patienten für sich einen psychoonkologischen Betreuungsbedarf sieht. Dr. Dr. Sebastian Hoefert
 

Unterschiede zeigten sich nur im Detail – und zwar hinsichtlich der emotionalen Probleme. So standen bei Patienten mit der Erstdiagnose eines Primärtumors im Vergleich zu Patienten mit einem Rezidiv bzw. Zweittumor Ängste (39,2% vs 23,6%) und Nervosität (25,7% vs 14,3%) im Vordergrund. Die umgekehrte Situation fand sich dagegen für die Symptome Traurigkeit (16,2% vs 23,8%) und Depression (5,4% vs 9,5%). Speziell die Depression stellt eine typische Langzeitfolge einer onkologischen Erkrankung dar. „Hier wird es für die Zukunft interessant zu sehen, ob dieser Wert sich in der Patientengeneration, die heute bei Erstdiagnose eine psychoonkologische Betreuung erhält, in Zukunft verringert“, so Hoefert.

Gleichzeitig wurde bei allen Patienten auch der subjektive Bedarf bzw. Behandlungswunsch erfragt. Dieser war in beiden Gruppen ähnlich und lag bei 35% bzw. 33%. „Das bedeutet, dass nur die Hälfte aller aufgrund der Testverfahren als bedürftig identifizierten Patienten für sich einen psychoonkologischen Betreuungsbedarf sieht“, so Hoefert. Diese Diskrepanz zwischen subjektivem und ermitteltem Bedarf werfe die Frage auf, ob die Testverfahren eventuell zu empfindlich seien.

Er gab allerdings zu bedenken, dass gerade beim DT mit dem zugrundeliegenden Cutt-Off von größer/gleich 6 auf der Analogskala im Vergleich zu anderen Studien bereits ein sehr strenger Maßstab angelegt worden sei. „Ich bin mir sicher, dass sich sowohl mit dem HSI als auch dem DT der Behandlungsbedarf sehr gut abschätzen lässt“, meint daher Hoefert.

Die Gründe für die Diskrepanz sieht Hoefert eher in dem Versorgungsengpass zwischen stationärem und ambulantem Bereich. Viele Patienten würden sich ihre durch die Krebserkrankung verursachten emotionalen Probleme lieber nicht eingestehen, weil sie befürchten würden, dass nicht in allen Behandlungsphasen eine adäquate psychoonkologische Betreuung gewährleistet sei. „Hier gibt es dringend Handlungsbedarf“, betonte der Onkologe.

 

REFERENZEN:

1. 65. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, 10. bis 13. Juni 2015, Stuttgart

 

Kommentar

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