Rezeptfreie Antibiotika bei unkomplizierter Harnwegsinfektion – Experten streiten über Für und Wider

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

27. August 2015

Britische Frauen suchen jährlich 3 Millionen Mal ihren Arzt wegen unkomplizierter Harnwegsinfektionen (HWI) auf. Die Behandlung allerdings kann „in einem einfachen Ablaufschema zusammengefasst werden, das wenig klinische Beurteilung benötigt“, meint Dr. Kyle Knox, Allgemeinmediziner am Nuffield Department of Primary Care Health Sciences, University of Oxford, im British Medical Journal [1].

 
34 bis 60 Prozent der Patientinnen, die mit Antibiotika behandelt werden, haben keine mikrobiell bestätigte HWI. Dr. Carl Llor
 

„In Zeiten von einfach zugänglichen Informationen, zunehmend autonomen Patienten und überbeanspruchter Primärversorgung erscheint es eine gute Idee, Frauen eine sichere und effektive Behandlung zu verschaffen, ohne die mit einer Rezeptierung verbundenen Kosten und Wartezeiten auf einen Arzttermin“, betont Knox in Anspielung auf die höheren Kosten für Rezepte und nicht selten monatelangen Wartezeiten. Dies gelte allerdings nur für Frauen mit wiederkehrender HWI und für Antibiotika mit engem Wirkspektrum, besonders das seit den 50er Jahren bekannte und in Kurzbehandlungen gut verträgliche Nitrofurantoin.

Aus Spanien, wo Antibiotika bereits rezeptfrei zu haben sind, kam im August eine Antwort ebenfalls im BMJ [2]: Die Diagnose einer unkomplizierten Harnwegsinfektion sei gar nicht so unkompliziert: „34 bis 60 Prozent der Patientinnen, die mit Antibiotika behandelt werden, haben keine mikrobiell bestätigte HWI“, stellt Dr. Carl Llor, Primary Healthcare Centre Via Roma, Barcelona, fest.

Prof. Dr. Christian Bogdan

Damit spricht Llor Prof. Dr. Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts der Uniklinik Erlangen, aus der Seele. „Das ist bei uns nicht besser“, ärgert er sich. „Die Schnelldiagnose per Stick testet Leukozyten, Blut, Eiweiß und Nitrit im Urin. Was fehlt, ist die mikrobiologische Diagnose des Erregers und seiner Antibiotikaempfindlichkeit.“

Er ergänzt: „Man könnte meinen, wir leben zu Zeiten Robert Kochs, als die Mikrobiologie gerade erfunden wurde. Ohne regelmäßige Bestimmung der Erreger kennt der behandelnde Arzt doch die Resistenzlage seiner Region nicht. Nun veranlassen schon die Ärzte viel zu selten eine mikrobiologische Diagnostik, und das will man nun auch noch auf die Patienten ausweiten? Hier kommt eins zum anderen. Und am Ende haben wir ein weiteres Desaster mit resistenten Erregern.“

In Großbritannien läuft alles anders

Prof. Dr. Matthias W. Beckmann

Knox allerdings sieht das anders. Dass trotz „klarer Behandlungsvorgaben, charakteristischem klinischem Syndrom und vorhersagbarer Effizienz und Sicherheit“ Nitrofurantoin rezeptpflichtig bleibe, trage nicht dazu bei, den Gebrauch von Antibiotika zu limitieren, sondern erzeuge lediglich „eine dringende Nachfrage in der Primärversorgung, ebenso wie eine zusätzliche Hürde für Frauen, eine sichere und effektive Behandlung zu erhalten“.

Das kann auch Prof. Dr. Matthias W. Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen, bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen: „Der Arzt hält für seine Diagnose einer Harnwegsinfektion meistens auch nur einen Stick in den Urin.“ Von daher hält er es theoretisch für machbar, den HWI-Test auch den Patientinnen eigenverantwortlich zu überlassen oder diese Leistung zumindest an nichtärztliche Medizinische Fachangestellte (MFA) zu delegieren. Allerdings müsse man bedenken, dass in Großbritannien das Gesundheitssystem völlig anders aufgebaut sei.

 
Der Arzt hält für seine Diagnose einer Harnwegsinfektion meistens auch nur einen Stick in den Urin. Prof. Dr. Matthias W. Beckmann
 

„Dort sind die Allgemeinmediziner die Katalysatoren für jedwede medizinische Hilfe. Auf 40 Millionen Einwohner kommen dort gerade einmal 600 Gynäkologen, hierzulande gibt es 16.000 Gynäkologen. Entsprechend ist die unkomplizierte HWI kein Krankheitsbild, mit dem man dort zum Gynäkologen geht. Beim Allgemeinarzt allerdings sind die Wartezeiten sehr viel länger als in Deutschland. Einer Britin kann es passieren, dass sie drei Monate lang keinen Termin bei ihrem Arzt bekommt, weil er ausgebucht ist.“

Insofern seien einfache Selbstbehandlungen, die von Patienten gefahrlos umgesetzt werden können, durchaus eine Option für das britische System. Zumal die Patienten dort schon gewohnt seien, sehr viel mehr Eigenverantwortung zu übernehmen als hierzulande und auch der monetäre Aspekt mehr Gewicht habe, so Beckmann.

Kommentar

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