MEINUNG

Ärztinnen zwischen Karriere und Familie: „Nach der Weiterbildung tut sich eine Schere auf“

Sabine Ohlenbusch

Interessenkonflikte

24. August 2015

Dr. Barbara Schmeiser

32 Jahre jung, und bereits seit sieben Jahren im Deutschen Ärztinnenbundengagiert: Die neue Vizepräsidentin im Vorstand des Bundes setzt sich aktiv für eine bessere Zukunft für Frauen in der Medizin ein. Medscape Deutschland fragte Dr. Barbara Schmeiser anlässlich ihres neuen Amtes, welche Pläne sie sich zum Ziel gesetzt hat.

Medscape Deutschland: Doktor Schmeiser, Sie sind seit Juli Vizepräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Wie hat es sich ergeben, dass Sie sich für den deutschen Ärztinnenbund engagieren?

Dr. Schmeiser: Als Studentin in Freiburg habe ich eine sehr engagierte Kollegin kennen gelernt, eine Chirurgin, die mich stark inspiriert hat, in eine chirurgische Richtung zu gehen. Das war vor sieben Jahren. Sie war die Vorsitzende der Regionalgruppe in Freiburg und so kam ich damals zum Deutschen Ärztinnenbund. Sie hat mir gezeigt, dass Netzwerken wichtig ist, und dass es Spaß machen kann, etwas verändern zu wollen. Und natürlich, dass Ärztinnen nur etwas verändern können, wenn sie sich engagieren und sich zusammenschließen.

Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen wurde ich gefragt, ob ich mich nicht auch im Vorstand einbringen möchte. Für mich war das dann nur eine logische Folge, weil ich die Arbeit hier sehr schön fand, mit den Kolleginnen gut zurechtkam und mir Veränderung und Engagement wie gesagt sehr wichtig sind. Schließlich bin ich selbst genau an diesem Punkt in meiner beruflichen Entwicklung als Ärztin, an dem ich mich auch in meinem eigenen Interesse besonders einsetzen sollte.

Medscape Deutschland: Warum ist es gerade für Ärztinnen wichtig, sich zu organisieren?

Dr. Schmeiser: Die Medizin wird weiblicher, über 70 Prozent der Studierenden in der Medizin sind Frauen. Nach Abschluss der Weiterbildung öffnet sich dann allerdings eine Schere und man sieht in der Statistik, dass die Zahl der Ärztinnen deutlich gegenüber den Ärzten abnimmt. Bei Chefärztinnen sind es in Deutschland dann nur noch rund 10 Prozent. Hier frage ich mich: Was passiert da? Insbesondere auch im Hinblick auf den demografischen Wandel, der bereits jetzt einen gewaltigen Ärztemangel hervorruft, müssen wir die Gründe für diese Schieflage erkennen. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir uns für die Belange von Ärztinnen einsetzen.

Medscape Deutschland: Sie wollen innerhalb des Deutschen Ärztinnenbundes eine Netzwerkplattform für vor allem junge Ärztinnen anbieten. Welche Maßnahmen wollen Sie dafür ergreifen?

 
Wir müssen auch unter jungen Kolleginnen weibliche Solidarität aufbauen.
 

Dr. Schmeiser: Generell sollte der Deutsche Ärztinnenbund stärker eine aktive Netzwerkplattform sein, als er es bisher war, auf der sich erfahrene und junge Ärztinnen gleichermaßen aktiv austauschen und voneinander lernen können. Das ist nicht nur in Bezug auf Berufsleben und Karriere gemeint, sondern auch im Privatleben. Wir müssen auch unter jungen Kolleginnen weibliche Solidarität aufbauen. Wir als Frauen sollten lernen, Netzwerke effektiv aufzubauen und dann auch strategisch zu nutzen. Dies ist die übergeordnete Idee.

Praktisch möchten wir zu diesem Zweck das Mentorinnen-Netzwerk, das schon seit einigen Jahren besteht, deutlich ausbauen. Wir möchten neue Mentorinnen dazugewinnen, um dies flächendeckend anbieten zu können. Zusätzlich möchten wir die Website gerade für junge Ärztinnen interessanter gestalten – sie muss inhaltlich, aber auch optisch ansprechender sein. Da die jüngere Generation mit Social Media lebt, wollen wir im Deutschen Ärztinnenbund hier auch nachziehen. Bisher wurde dies vernachlässigt, aber in diesen wichtigen Netzwerken kann man diskutieren, persönliche Fragen adressieren und Meinungsströme einfangen. Ich finde das sehr wichtig und wir müssen hier mit der Zeit gehen. Deshalb planen wir einen Relaunch der Website, bei dem die sozialen Netzwerke eingegliedert werden.

Medscape Deutschland: Sie befinden sich selbst noch in der Weiterbildung. Sehen Sie Ärztinnen Ihrer Altersgruppe noch als gleichberechtigt an?

Dr. Schmeiser: Das wird kontrovers gesehen. Ich bin in der Chirurgie tätig und ich denke, ich als Assistenzärztin jetzt gleichberechtigter als noch vor vielen Jahren bin. Ich finde, dass Frauen gleichberechtigt sind, solange sie keine Kinder haben. Denn die Schere tut sich erst nach der Weiterbildung auf, dann wenn Frauen sich häufig zwischen Beruf bzw. Karriere und Familie entscheiden müssen. Durch die bestehenden Strukturen ist an dieser Stelle dann keine Gleichberechtigung mehr vorhanden. Fächerübergreifende Erhebungen zeigen, dass dies überall in der Medizin der Fall ist. Es mag andere Beispiele geben, aber ich denke, abgesehen von ihrer Rolle in der Familie sind Frauen gleichberechtigt.

Medscape Deutschland: Was könnte helfen, diese Ungerechtigkeiten auszuhebeln?

Dr. Schmeiser: Zunächst brauchen wir einen Kulturwandel auf allen Ebenen. Ganz generell in den Köpfen der Gesellschaft, aber auch im Medizinbetrieb müssen wir von den traditionellen Rollenbildern und –erwartungen wegkommen. Aktuell sind 60 Prozent der Mütter gegenüber 84 Prozent der Väter mit Kindern unter 18 Jahren sind aktiv erwerbstätig, wobei 2/3 der erwerbstätigen Mütter lediglich in Teilzeit beschäftigt sind. Im Bewusstsein auch gerade der Klinikleitungen und der Chefärztinnen und Chefärzte müssten Führungspositionen in Teilzeit, geteilte Führung und Jobsharing mehr in den Vordergrund rücken.

Das wäre genauso im Sinne der Väter, die sich für ihre Familie engagieren. Wir müssen erreichen, dass Kindererziehung und Familie für beide Geschlechter wichtig ist und beide verantwortlich sind. Diese Frage muss geschlechterunabhängig gestellt werden. Außerdem ist die Wiedereingliederung der Ärztinnen und Ärzte, die sich eine Elternzeit nehmen, zu optimieren. Sie müssen aktiv durch gezielte Förderung eingebunden werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kinderbetreuung, wo Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren aufgebaut werden und gleichzeitig Angebote für ältere Kinder nicht vernachlässigt werden sollten.

Medscape Deutschland: Was denken Sie zum Thema Frauenquote?

 
Studien zeigen, dass die meisten Frauen nach der Erziehungspause in minderwertigere Jobs kommen und auch weniger verdienen.
 

Dr. Schmeiser: Der deutsche Ärztinnenbund unterstützt die Initiative Pro Quote Medizin, weil wir denken, dass sich zumindest anfänglich ohne Quote nichts verändern wird. Wenn man sich die aktuellen Beweise aus der Wirtschaft vor Augen führt, wo die Quote für den Aufsichtsrat der größten Unternehmen nun durchgesetzt ist, nachdem sich jahrzehntelang nichts getan hat, sieht man, dass die Quotenlösung Erfolge hervorgebracht hat.

Ich denke aber, Quoten allein sind nicht ausreichend. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin Kinder hat und sich um die Kinder kümmert, sollte das als ein zusätzliches soziales Engagement und eine Sozialkompetenz wahrgenommen werden. Dies muss bei dann Auswahlgesprächen auch positiv bewertet werden gegenüber Bewerbern, die diese zusätzliche Funktion nicht erfüllen. Wir wollen ja gerade die Ärztinnen und Ärzte in ihrer Familiengründung mit Kind fördern.

Wir als hochqualifizierte Frauen haben die Aufgabe, uns dem Arbeitsmarkt zu stellen. Wir müssen durch unsere Kompetenz überzeugen und die Strukturen vorfinden, damit wir dies tun können. Frauen werden nicht unterstützt, wenn sie Verpflichtungen für die Familie eingehen, Strukturen dafür sind quasi nicht existent. Studien zeigen, dass die meisten Frauen nach der Erziehungspause in minderwertigere Jobs kommen und auch weniger verdienen.

Medscape Deutschland: Sie haben eben die Weiterbildung erwähnt – würden Sie sagen, dass Frauen zum Beispiel bei der Verteilung von Forschungsgeldern in der Assistenzzeit benachteiligt werden?

 
Die Weiterbildungszeit sollte nicht nur von der abgeleisteten vorgeschriebenen Ausbildungszeit abhängig gemacht werden, sondern auch von Fähigkeit und tatsächlicher Leistung.
 

Dr. Schmeiser: Gerade in der Weiterbildung müssen Frauen bestimmter auftreten. Dass sie gerade als Frauen selbstsicherer werden und sagen: Wir möchten forschen, wir möchten habilitieren und brauchen dazu auch die Zeit. Wir sollten uns die positiven Aspekte des anderen Geschlechts zu Eigen machen, die dazu führen, dass wir weiterkommen. Ich glaube, dies führt dann auch zu größerer Selbstsicherheit, Durchsetzungsfähigkeit und Akzeptanz im Laufe der Zeit. Ein wichtiger Schritt wäre auch, die Weiterbildungszeit nicht nur von der abgeleisteten vorgeschriebenen Ausbildungszeit abhängig zu machen, sondern auch von Fähigkeit und tatsächlicher Leistung. Dies wird bereits breit diskutiert und kommt Frauen entgegen. Da ist noch einiges zu tun, aber wir sind auf einem guten Weg.

Medscape Deutschland: Würden Sie diese Forderungen als Feminismus begreifen?

Dr. Schmeiser: Ich würde sie eher als geschlechtsspezifische oder frauenbewusste Herangehensweise an bestimmte Fragestellungen verstehen.

Medscape Deutschland: Denken Sie, dass es ein strukturelles Problem sein könnte, dass Kliniken immer mehr nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen funktionieren und deshalb Teilzeit als unwirtschaftlich gelten könnte?

Dr. Schmeiser: Durch den Ärztemangel, der sich immer mehr in ganz Deutschland verschärft, wird es für das Überleben einer Klinik zunehmend in den Vordergrund rücken, qualifiziertes Personal zu gewinnen. Zum Beispiel in Form von Ärztinnen, die nach der Erziehungszeit zurückkommen möchten. Es wird ein Wettbewerbsvorteil sein, Strukturen zu etablieren, die dies ermöglichen.

Medscape Deutschland: Der Ärztinnenbund hat eine lange Geschichte, die bis 1924 zurückreicht. Wie sehen Sie die letzten Entwicklungen innerhalb des Bundes?

Dr. Schmeiser: Der Deutsche Ärztinnenbund ist in den letzten Jahren viel mehr zu politischen Stellungnahmen aufgefordert worden. Ärztinnen engagieren sich auch mehr, weil bereits mehr Einfluss gewonnen wurde. Es ist das Ziel des Vorstands, politische Forderungen zu stellen. Wichtig ist uns dabei, dass es uns in allererster Linie um Ärztinnen geht, aber generell auch um gesellschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Belange.

 

Kommentar

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