Gefährlicher Abschied vom Tattoo: Die Entfernung mit dem Laser kann giftige, zytotoxische Spaltprodukte freisetzen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

25. August 2015

Nicht nur das Stechen einer Tätowierung birgt gewisse Risiken. Auch die Entfernung des im Trend liegenden Körperschmucks hat ungeahnte Tücken, wie eine Untersuchung des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) zeigt [1]. Unliebsam gewordene Tattoos werden bevorzugt mit dem Laser entfernt. Doch dabei können giftige Spaltprodukte mit zytotoxischen Eigenschaften freigesetzt werden.

„Bei der Bestrahlung des häufig für Tätowierungen verwendeten blauen Pigmentes Kupfer-Phthalocyanin in wässriger Suspension mit einem Rubinlaser identifizierten wir als Spaltprodukte 1,2-Benzendicarbonitril, Benzonitril, Benzol und das giftige Gas Blausäure“, berichten Ines Schreiver von der BfR-Abteilung Chemikalien- und Produktsicherheit und Kollegen in der Zeitschrift Scientific Reports.

Viele bereuen ihre Tätowierung irgendwann

 
Die drastische Zunahme an Tätowierten führt zu einer gleichermaßen stark steigenden Nachfrage nach der Entfernung der bunten Körperbilder. Ines Schreiver und Kollegen
 

Befragungen unter Tätowierern zeigen, dass bis zu 50% ihrer Kunden später irgendwann ihre Entscheidung für ein Tattoo bereuen. Dennoch ist der Trend zum in die Haut gestochenen Körperschmuck weiter ungebrochen – und längst nicht mehr nur die Domäne sozialer Randgruppen. „Die drastische Zunahme an Tätowierten führt zu einer gleichermaßen stark steigenden Nachfrage nach der Entfernung der bunten Körperbilder“, schreiben die Autoren um Schreiver.

Ältere Methoden entfernten neben dem Tattoo die Haut gleich mit: Die Haut wurde mit Salz abgeschliffen, chemisch kauterisiert oder mit Drahtbürsten weggeschrubbt. Oder es wurde mit Chemikalien wie Trichloressigsäure oder Milchsäure versucht, eine kutane Entzündungsreaktion auszulösen. Trat nach dem Stechen der Tätowierung eine allergische Reaktion auf, blieb nur die chirurgische Entfernung des tätowierten Hautareals. Häufige Folge dieser Techniken waren unschöne Vernarbungen und Pigmentstörungen.

Laser gilt als schonende Methode

Die Entfernung von Tattoos mit dem Laser gilt dagegen als weniger „extreme“ Methode, die heutzutage – wenn keine Allergie vorliegt – meist bevorzugt wird. Die Laserstrahlen erhitzen und zerstören selektiv die Farbpigmente in der Haut und lassen die Haut selbst unbeschadet. So weit die Theorie. Aber: „Wir konnten zum ersten Mal zeigen, dass bei der Laserbehandlung eines Tätowierungspigments in wässriger Suspension Stoffe in Konzentrationen entstehen, die hoch genug wären, in der Haut Zellschäden zu verursachen“, wird BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel in einer Mitteilung des Institutes zitiert.

 
Wir konnten zum ersten Mal zeigen, dass bei der Laserbehandlung eines Tätowierungspigments Stoffe in Konzentrationen entstehen, die hoch genug wären, in der Haut Zellschäden zu verursachen. Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel
 

Die BfR-Forscher bestrahlten in Wasser suspendiertes Kupfer-Phthalocyanin mit einem Rubinlaser. „In der klinischen Dermatologie werden Rubinlaser häufig für die Entfernung blauer Tätowierungen verwendet“, erklären die Autoren.  Der Rubinlaser Laser arbeitet mit einer Wellenlänge von 694 nm und wirkt besonders gut bei schwarzen, blauen und grünen Tätowierungen.

Zur Entfernung von Tätowierungen sind neben dem Rubinlaser noch 2 weitere Laservarianten im Einsatz, die allerdings bei Kupfer-Phthalocyanin-Tattoos nicht sehr effektiv sind, da das Pigment die verwendeten Wellenlängen nicht absorbieren kann. Tätowierungen in schwarz, dunkelblau, rotorange und einigen Gelbtönen können  mit einem Nd:YAG-Laser (1064 und 532 nm) behandelt werden. Schwarzen, dunkelblauen und grünen Tätowierungen rückt man am ehesten mit einem Alexandritlaser (755 nm) zu Leibe laut einer aktuellen Veröffentlichung aus derselben Arbeitsgruppe in Lancet [2].

Blausäure entsteht in potenziell schädlichen Konzentrationen

Mithilfe einer Kombination aus Gaschromatographie und Massenspektrometrie untersuchten die Autoren die Hitzespaltung von Kupfer-Phthalocyanin. „Unter allen Verbindungen, die durch die Rubinlaserbestrahlung von Kupfer-Phthalocyanin entstanden, ist Blausäure aufgrund ihrer starken Zytotoxizität von besonderer Bedeutung“, schreiben Schreiver und ihre Kollegen. Blausäure sei seit langem als schnell wirkendes, toxisches Gas bekannt.

Welche Risiken die Laserentfernung einer Tätowierung birgt, hängt von der Größe der Tätowierung, der Pigmentkonzentration, der Körperstelle, der Bestrahlungsdosis und der verwendeten Wellenlänge des Lasers ab. Doch überträgt man die vom BfR in vitro nachgewiesenen Blausäuremengen auf die Situation im menschlichen Körper, so könnten in bestimmten Gewebsschichten durch Laserbehandlung Blausäurekonzentrationen von bis zu 30 µg/ml entstehen.

Vergiftungen mit Cyanid, dem Salz der Blausäure, treten üblicherweise durch orale Einnahme oder das Einatmen auf. Doch es sind auch immer wieder Fälle gesundheitlicher Beeinträchtigungen nach Aufnahme über die Haut beschrieben worden. Deshalb ist „anzunehmen, dass lokale Blausäurekonzentrationen von 30 μg/ml, die in gut durchbluteten Gewebeschichten auftreten können, ein mögliches gesundheitliches Risiko darstellen, insbesondere dann, wenn extrem große Tätowierungen bestrahlt werden“, so die Autoren.

„Unser Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei der Laserentfernung von Tätowierungen giftige Spaltprodukte entstehen, und dies in Mengen, die die Haut des Patienten lokal und andere Körpergewebe potenziell auch systemisch schädigen können“, schlussfolgern die Autoren um Schreiver.

Weitere Forschung wird an die Haut gehen

Als nächsten Schritt will das Team Untersuchungen an echter menschlicher Haut durchführen, allerdings ex vivo, um das Problem der Blausäureentstehung bei der Laserentfernung von blauen Tattoos näher zu beleuchten. Möglicherweise gibt es Interaktionen mit Zell- oder Gewebebestandteilen, die den Abbauprozess des Pigmentes qualitativ und quantitativ verändern, spekulieren die Autoren um Schreiver. Doch in jedem Fall müssten mögliche gesundheitsschädliche Spaltprodukte bei der Bewertung von Tätowierfarben eine Rolle spielen.

Tatsächlich will das BfR mögliche Spaltprodukte von Farbstoffen künftig bei seiner Risikobewertung berücksichtigen. „Verbraucherinnen und Verbraucher sollten nicht nur über die möglichen Risiken des Stechens von Tätowierungen sondern auch über die potenziellen Gefahren der Entfernung umfassend aufgeklärt werden“, betont das Institut in seiner Mitteilung.

 

REFERENZEN:

1. Schreiver I, et al: Scientific Reports (online) 5. August 2015

2. Laux P, et al: Lancet (online) 23. Juli 2015

 

Kommentar

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