Multigentests zum Risiko für Brust- und Eierstockkrebskrebs: Bringt das Mehr an Wissen auch Vorteile für die Frauen?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

21. August 2015

Um das erbliche Risiko für Brust- und/oder Ovarialkrebs abschätzen zu können, werden immer häufiger Multigentests durchgeführt. Offen ist allerdings, ob die Ergebnisse in der Beratungspraxis zu Veränderungen führen, die für die Frauen insgesamt vorteilhaft sind.

 
Aber gerade bei diesen erweiterten Untersuchungen muss man im Blick behalten, dass für viele Mutationen oder unklassifizierte Varianten noch keine klaren klinischen Leitlinien vorliegen. Dr. Sarah Schott
 

Die Autoren um Dr. Andrea Desmond vom Massachusetts General Hospital Cancer Center in Boston, USA, kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass durch die Multigentests bei mehr Ratsuchenden relevante Krebsrisiken erkannt und daraufhin kompetente Beratungen durchgeführt werden konnten als durch die Untersuchungen auf BRCA1/2-Mutationen allein. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Journal of the American Medical Association (JAMA) Oncology.

„Sicher ergänzen die Ergebnisse von Desmond und Koautoren das Wissen um die Konsequenzen einzelner Mutationen für die weiteren Risiken der Ratsuchenden zum Thema HBOC“, urteilt PD Dr. Sarah Schott, Leiterin der Sprechstunde für Hereditäre Krebserkrankungen der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. „Aber gerade bei diesen erweiterten Untersuchungen muss man im Blick behalten, dass für viele Mutationen oder unklassifizierte Varianten noch keine klaren klinischen Leitlinien vorliegen.“

Risikomutationen bei weniger als vier Prozent der Probandinnen

In der Studie unterzog zwischen 2001 und 2014 ein Ärzteteam 1.046 Ratsuchende prospektiv einem HBOC-Multigentest und analysierte die dadurch veränderten Möglichkeiten für die Beratung. Die Probanden hatten nach den Kriterien des US-amerikanischen National Comprehensive Cancer Network (NCCN) aufgrund ihrer klinischen und familiären Anamnese zwar ein Risiko für hereditären Brust- und/oder Ovarialkrebs (HBOC), trugen aber keine BRCA1/2-Mutation.

In 2 der Untersuchungszentren wurde der Heredity Cancer Syndromes Test (Invitae, 29 Gene) verwendet, im 3. Zentrum der MyRisk Test (Myriad Genetics, 25 Gene). Die Autoren beurteilten in allen Fällen die Möglichkeiten für die weitere Beratung jeweils einmal mit dem und einmal ohne das Wissen um die jeweils erkannte Mutation nach den Empfehlungen der NCCN.

In 40 Fällen (3,8%) fanden die Wissenschaftler Mutationen, von denen eine bekannte Risikoerhöhung für Brust- und Ovarialkrebs ausging (CHEK2, ATM, PALB2 und Lynch-Syndrom-Gene). 92% dieser gefundenen Mutationen waren klinisch signifikant, d. h. sie entsprachen den Krebserkrankungen, die bei den Patientinnen oder ihren Familienangehörigen dokumentiert worden waren.

Bei 52% dieser Fälle wurden aufgrund der positiven Mutationsbefunde weitere krankheitsbezogene Untersuchungen und Präventionsmaßnahmen angeordnet, die ohne die Ergebnisse aus den Multigentests nicht erfolgt wären. Weiterhin wurden in 72% der Fälle auch Familienangehörige ersten Grades aufgrund dieser positiven Befunde auf HBOC getestet. Allerdings betraf dies, bezogen auf die insgesamt über 1.000 getesteten Ratsuchenden, lediglich etwa 2% der Fälle bzw. 3% der Familien.

Nutzen unvalidierter Tests fraglich

Die Erweiterung der ärztlichen Beratungskompetenz durch den Multigentest ist für Prof. Dr. Elizabeth M. Swisher, Gynäkologin am Department for Medical Genetics of the University of Washington, Seattle, USA, der entscheidende Pluspunkt von Multigentests, wie sie in JAMA Oncology kommentiert [2]. Sie sieht die Vorteile der Multigentests darin, dass die Ärzte das Risiko für weitere Krebserkrankungen der Ratsuchenden und ihrer Angehörigen realistischer einschätzen können und daraufhin in der Lage sind, gezieltere Maßnahmen vorzuschlagen.

Schott verweist dagegen auf die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), die das Risiko für hereditären Brust- oder Ovarialkrebs bei BRCA1/2-negativen Ratsuchenden als nicht so hoch bewertet, dass es den Einsatz unvalidierter Multigentests rechtfertige.

 
Wenn mich eine Ratsuchende fragt, was eine Mutation konkret für ihr … Krebsrisiko bedeutet, muss und will ich ihr eine Antwort geben können, die definitiv auf validierten Grundlagen beruht. Dr. Sarah Schott
 

„Viele verschiedene Multigentests werden auch in Deutschland angeboten“, sagt Schott. „Allerdings sind sie nicht validiert und stellen somit bisher keine Grundlage für beratende Ärzte dar, die hierzulande an die Vorschriften des Gendiagnostikgesetzes gebunden sind, das u.a. eine ausführliche Nutzen/Risikoabwägung und das Nichtschadensprinzip vorsieht.“

Allerdings wird in Deutschland durch das Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs ein solcher Multigentest (TruRisk™) entwickelt und validiert, mit dem Mutationen in 34 als HBOC-relevant erachteter Genen detektiert werden können.

In Deutschland sind 15 Kompetenzzentren mit jahrzehntelanger klinischer und diagnostischer Expertise im Bereich der HBOC flächendeckend zusammengeschlossen, darunter das Heidelberger Zentrum. „Es ist unsere Aufgabe, die Indikation der Multigentests und die daraus resultierenden klinischen Konsequenzen mit einer Vielzahl möglicher Maßnahmen zu analysieren, um Ratsuchende optimal beraten und betreuen zu können“, formuliert Schott. „Wenn mich eine Ratsuchende fragt, was eine Mutation konkret für ihr weiteres Leben und Krebsrisiko bedeutet, muss und will ich ihr eine Antwort geben können, die definitiv auf validierten Grundlagen beruht.“

 

REFERENZEN:

1. Desmond A, et al: JAMA Oncol. (online) 13. August 2015

2. Swisher EM: JAMA Oncol. (online) 13. August 2015

 

Kommentar

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