Ausbildung zum Hausarzt: Verbände diskutieren die sinnvollsten Anreize für Medizinstudenten

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

17. August 2015

Wie muss sich die Weiterbildung für Allgemeinmedizin verändern, damit mehr Absolventen das Fach wählen? Darüber streiten derzeit die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der Marburger Bund (MB) und die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Dabei geht es um die Organisation, Vorgaben für Niedergelassene als Arbeitgeber – und auch ums Geld.

Der Marburger Bund bereitet einen Mustervertrag vor, um eine Unterbezahlung von Assistenzärzten in den Praxen zu verhindern. Die KBV findet das „nicht zielführend“. Der DEGAM sind vor allem die Inhalte wichtig und dass die Weiterbildung schneller geht.

Lohn-Dumping in der Hausarztpraxis?

In der Vergangenheit kam es aber immer wieder vor, dass die Fördergelder nicht im vollen Umfang an Ärzte in der Weiterbildung ausgezahlt wurden. Marburger Bund

Die Weiterbildung Allgemeinmedizin ist weniger strukturiert als in anderen Fächern. Die Assistenten absolvieren einen Teil in der Klinik, 2 bis 3 Jahre müssen verpflichtend in einer Praxis geleistet werden. „Bisher muss sich das jeder mehr oder weniger selbst zusammenpuzzeln“, sagt Philipp Leson, Pressesprecher der DEGAM, gegenüber Medscape Deutschland.

Das kostet Zeit, Nerven und manchmal auch Geld. Denn die Praxen zahlen nicht immer ein Gehalt in der Höhe des Kliniktarifs. Zwar bekommen sie von der KV 3.500 Euro monatlich für die Ausbildung. „In der Vergangenheit kam es aber immer wieder vor, dass die Fördergelder nicht im vollen Umfang an Ärzte in der Weiterbildung ausgezahlt wurden“, bemängelt der MB.

Das soll sich nun ändern: Nach dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz sind Arztpraxen seit Juli verpflichtet, den Weiterbildungsbetrag nicht nur voll auszuzahlen, sondern ihn auf die im Krankenhaus gezahlte Vergütung aufzustocken. Der MB will das mit dem Mustervertrag absichern, damit nicht der einzelne junge Arzt mit seinem Chef verhandeln muss.

Der KBV geht das zu weit. Sie pocht auf das „freie Vertragsverhältnis zwischen beiden Akteuren“: „Das kann man nicht mit einem Einheitsvertrag übergehen“, sagt Vorstand Regina Feldmann.

9,5 Jahre bis zur Facharztprüfung

Für die DEGAM, die auch Ärzte in Weiterbildung vertritt, ist die Dauer des Prozesses entscheidender. Bislang brauchen angehende Hausärzte durchschnittlich 9,5 Jahre, bis sie die Facharztprüfung absolvieren. Eine bessere Organisation soll diesen Zeitraum verkürzen.

Die DEGAM favorisiert dazu Weiterbildungs-Verbunde aus Kliniken, Praxen und so genannten Kompetenzzentren an den Universitäten. Diese organisieren beispielsweise Seminare und Mentoringprogramme. „Durch die Ansiedelung der Kompetenzzentren an den Universitäten wird auch der Übergang vom Studium erleichtert“, sagt Leson – und mehr Studierende könnten auf den Geschmack kommen, Hausarzt zu werden.

Die Wirtschaftlichkeit einzelner DRG-Positionen entscheidet darüber, ob Weiterbildungsstellen überhaupt angeboten werden oder nicht. Regina Feldmann

Dem MB ist das zu viel Reglementierung: „Kompetenzzentren sind nicht geeignet, die Weiterbildung besser zu fördern“, sagt Bundesvorstandsmitglied Dr. Hans-Albert Gehle. Man befürchtet, dass der freie Zugang zum Facharzt Allgemeinmedizin nicht mehr gegeben ist. Das zeige die Praxis in Ländern wie den Niederlanden, die solche Modelle bereits praktizieren: „Aus diesen Ländern kommen Jahr für Jahr Ärzte nach Deutschland, um hier unterschiedliche Facharztweiterbildungen zu absolvieren.“

Zudem sei die Schaffung zusätzlicher  „kostenträchtiger Strukturen“ wegen der ohnehin knappen Fördermittel nicht sinnvoll, so MB-Sprecher Stefan Pohlmann gegenüber Medscape Deutschland: „Sie bedeutet vor allem einen Entzug von Mitteln für dringend benötigte ambulante Weiterbildungsstellen.“

DEGAM-Sprecher Leson sieht diese Gefahr nicht: „Es gibt genug Plätze für alle Interessenten.“ Die Stärkung von Kompetenzzentren ist auch im Versorgungsstärkungsgesetz vorgesehen: Sie erhalten künftig bis zu 5% der gesamten Förderung für Allgemeinmedizin.

KBV fordert zusätzliche Steuermittel

Die KBV favorisiert einen anderen Weg, die Weiterbildung zu fördern: Eine Stiftung aus Steuermitteln soll die Finanzierung übernehmen. Bisher zweigen KVen und Kliniken die Summe aus den Erstattungen der Krankenkassen ab, sie ist deshalb beispielsweise auch in den DRG-Sätzen eingepreist. „Die Wirtschaftlichkeit einzelner DRG-Positionen entscheidet darüber, ob Weiterbildungsstellen überhaupt angeboten werden oder nicht“, kritisiert Feldmann, „mit den bekannten Problemen des Nachwuchsmangels in vielen Fachgebieten“.

Kommentar

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