Abschied von den strengen Zielwerten – neue ADA/AHA-Leitlinie zur kardiovaskulären Prävention bei Typ-2-Diabetes

Miriam E. Tucker

Interessenkonflikte

14. August 2015

Die HbA1c-Senkung ist ein nicht mehr so wichtiges Ziel zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen bei Typ-2-Diabetikern. Und auch beim Blutdruck und LDL-Cholesterin sind die früheren strengeren Zielwerte nun obsolet. Die American Diabetes Association (ADA) und die American Heart Association (AHA) haben am 5. August 2015 eine überarbeitete gemeinsame wissenschaftliche Stellungnahme zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen bei Patienten mit Typ-2-Diabetes publiziert. Sie aktualisiert die Version von 2007, die wiederum ein Update der Originalfassung aus dem Jahr 1999 war.

 
Die sieben Prozent (Senkung des HbA1c) sind zwar noch ein Zielwert, aber bei Fokussierung auf die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen ist die Glukose nicht das wichtigste Ziel. Prof. Dr. Sherita Hill Golden
 

Die von einer Arbeitsgruppe unter Vorsitz von Dr. Caroline S. Fox, leitende Forscherin am National Heart, Lung, and Blood Institute, Bethesda, Maryland, und Prof. Dr. Sherita Hill Golden, Leiterin der Diabetologie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Maryland, erarbeitete Publikation erschien zeitgleich in Diabetes Care und in Circulation [1;2].

„Kardiovaskuläre Erkrankungen sind die führende Todesursache bei Diabetikern, deshalb ist mit Blick auf die Morbidität und Mortalität das Risikomanagement wirklich wichtig … Wir glauben, dass diese Publikation die neuesten Informationen zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen anbietet“, sagt Golden gegenüber Medscape.com.

Das aktuelle Papier berücksichtigt Informationen aus Studien, die seit 2008 publiziert worden sind, sowie Änderungen in Leitlinien einschlägiger Organisationen, die auf diesen Daten basieren. „Wir haben versucht, in den Inhalten übereinzustimmen. Dies ist eine gemeinsame Stellungnahme der ADA und der AHA. Viele Mitglieder der Arbeitsgruppe sind in beiden Organisationen aktiv. Deshalb wollten wir einheitliche Empfehlungen geben,“ sagt die Diabetologin.

Wichtige Änderungen bei der Diabetes-Behandlung in den letzten acht Jahren

Golden weist darauf hin, dass bei jedem der „ABC“-Elemente der Diabetes-Behandlung im Vergleich zu 2007 größere Änderungen erfolgt sind. So war 2007 noch unklar, ob eine weitere Senkung des HbA1c-Zielwerts (des „A“) von 7% das kardiovaskuläre Risiko verringert.

 
Wir gehen davon aus, dass unser derzeitiger (Blutdruck-)Zielwert auch zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen geeignet ist. Prof. Dr. Sherita Hill Golden
 

Dass dies nicht der Fall ist, konnte in 3 großen 2008 vorgestellten Studien gezeigt werden, und zwar der Studie Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes (ACCORD), der Studie Action in Diabetes and Vascular Disease: Preterax and Diamicron Modified-Release Controlled Evaluation (ADVANCE) und der Veterans Affairs Diabetes Trial (VADT). „Die sieben Prozent sind zwar noch ein Zielwert, aber bei Fokussierung auf die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen ist die Glukose nicht das wichtigste Ziel“, erläutert Golden.

Die Leitlinien für die Behandlung von Bluthochdruck („B") bei Diabetikern wurden vor kurzem ebenfalls gelockert, der Zielwert stieg von 130/80 mmHg auf 140/90 mmHg. Dies basierte unter anderem auf den 2010 vorgestellten Daten der ACCORD-Blutdruck-Studie, die zeigten, das seine Zielwert von 130/80 mmHg keinen zusätzlichen Nutzen hatte und mit mehr unerwünschten Wirkungen assoziiert war. „Wir gehen davon aus, dass unser derzeitiger Zielwert auch zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen geeignet ist“, so Golden.

Beim Cholesterinwert, dem „C”, kam 2013 die große Änderungen, indem in den AHA/ACC-Leitlinien geraten wurde, nicht mehr bis zu einem LDL-Cholesterin-Zielwert zu behandeln, sondern die Anwendung von Statinen am gesamten kardiovaskulären Risiko auszurichten. Diese Leitlinie, nach der die meisten Typ-2-Diabetiker mit einem Statin in mittlerer bis hoher Dosierung zu behandeln sind, wurde grundsätzlich von der ADA unterstützt.

Im umfangreichen Abschnitt zu Lebensstil-Änderungen ist aufgenommen, dass in der 2013 publizierten Look-AHEAD-Studie gezeigt werden konnte, dass auch intensive Interventionen das kardiovaskuläre Risiko nicht senken konnten. Sie besserten jedoch die körperliche Fitness sowie die Lebensqualität und verringerten die Zahl der vom Diabetiker einzunehmenden Medikamente.

Sechs Bereiche für weitere Forschungen

Im ADA/AHA-Papier sind 6 Bereiche aufgelistet, für die weiterer Forschungsbedarf besteht:

  • • die Rolle von Glukose-senkenden Arzneimittel in der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse,

  • • der Einfluss der bariatrischen Chirurgie auf einen Diabetes mellitus und andere kardiovaskuläre Risikofaktoren über längere Nachbeobachtungszeiten,

  • • die Risiken einer Hypoglykämie, besonders für das kardiovaskuläre System,

  • • die geeigneten Zielwerte für eine Blutdrucksenkung, besonders bei Diabetikern mit einem hohen Schlaganfall-Risiko,

  • • die Rolle der Senkung der Triglyzeridspiegel,

  • • Bildgebung für die Untersuchung subklinischer kardiovaskulärer Erkrankungen.

Dieser Artikel wurde von Dr. Susanne Heinzl aus Medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. Fox CS, et al: Diabetes Care (online) 5. August 2015

2. 2. Fox CS, et al: Circulation (online) 5. August 2015

 

Kommentar

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