Der „softe“ Weg in den Diabetes – sind Cola und Co mitverantwortlich für die Epidemie?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

7. August 2015

Wer regelmäßig Zuckerhaltiges wie Cola, Limonade oder Eistee trinkt, erhöht so höchst wahrscheinlich sein Risiko für einen Typ-2-Diabetes – dies auch unabhängig von einer Adipositas. Zu diesem Schluss kommt eine Metaanalyse, die die Assoziation von Süßgetränken und dem Auftreten eines Typ-2-Diabetes in 17 Kohortenstudien analysiert. Ob auch der Konsum von mit Süßstoff gesüßten Getränken und Fruchtsäften mit einem erhöhten Diabetesrisiko einher geht, sei dagegen „weniger klar“, schreiben die Autoren im British Medical Journal (BMJ) [1].

In ihrer Metaanalyse haben die Autoren anhand von 17 prospektiven Beobachtungsstudien mit mehr als 38.000 Teilnehmern untersucht, wie sich der habituelle Konsum der 3 unterschiedlichen Süßgetränke-Varianten – zucker- und süßstoffhaltige Softdrinks sowie Fruchtsäfte – auf das Typ-2-Diabetes-Risiko auswirkt. Keine der Studien war von der Getränkeindustrie gesponsert und alle Teilnehmer waren zu Studienbeginn diabetes-frei.

Verzehr gesüßter Getränke und Diabetes: Zusammenhang eindeutig

Alle 3 untersuchten Getränke-Varianten waren mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden: „Der regelmäßige Verzehr von zucker- sowie süßstoffhaltigen Getränken und von Fruchtsäften war prospektiv mit dem Auftreten von Typ-2-Diabetes assoziiert“, so das Fazit der internationalen Studiengruppe um Dr. Fumiaki Imamura von der University of Cambridge School of Clinical Medicine, UK.

Prof. Dr. Hans-Georg Joost

(c)Till Budde/DZD

Dabei scheinen Getränke, die Zucker enthalten – wie erwartet – den größten Schaden anzurichten: Der Konsum eines 250-ml-Getränks pro Tag war mit einem 18%igen Anstieg des Diabetes-Risikos verbunden. Auch nachdem der Zusammenhang für das Vorliegen einer Adipositas korrigiert war, betrug die Risikoerhöhung noch 13%.

Im Vergleich dazu erwies sich die Evidenz hinsichtlich süßstoffhaltiger Getränke und Fruchtsäfte als heterogen und weniger eindeutig. Jedoch warnen die Autoren, dass diese Getränke aufgrund der Studienergebnisse keinesfalls als Alternativen taugen, um das Risiko für einen Typ-2-Diabetes zu mindern.

„Völlig unstrittig ist der festgestellte Zusammenhang von zuckerhaltigen Getränken mit dem Diabetes-Risiko, auch wenn natürlich keine der epidemiologischen Studien eine Kausalität herstellen kann“, kommentiert Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost, ehemaliger Wissenschaftlicher Vorstand am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Ich denke, diesen Effekt darf man nicht ignorieren und man muss etwas tun.“

Deutlich umstrittener sind die Effekte des Konsums von süßstoffhaltigen Softdrinks auf Übergewicht oder gar Diabetes. Denn hier könne es sich auch, sagt Joost, um eine inverse Kausalität handeln: Personen, die abnehmen möchten, bevorzugen Süßstoff statt Zucker – sprich, für das erhöhte Diabetes-Risiko ist eventuell nur das Übergewicht der Probanden und nicht der Konsum von Süßstoffgetränken verantwortlich. In der Tat zeigten auch in der Metaanalyse von Imamura und seinen Kollegen diejenigen Probanden, die eher süßstoffhaltige Getränke konsumierten, eine stärkere Tendenz zu Übergewicht und Fettleibigkeit.

Fast zwei Millionen Diabetes-Fälle durch Süßgetränke in zehn Jahren

 
Völlig unstrittig ist der festgestellte Zusammenhang von zuckerhaltigen Getränken mit dem Diabetes-Risiko, auch wenn natürlich keine der epidemiologischen Studien eine Kausalität herstellen kann. Prof. Dr. Hans-Georg Joost
 

Um zu prüfen, wie viele Typ-2-Diabetesfälle tatsächlich auf das Konto zuckerhaltiger Getränke gehen könnten, haben Imamura und seine Kollegen anhand von 4.729 (USA) bzw. 1.932 (UK) Fällen eine Hochrechnung für einen 10-Jahres-Zeitraum (2010–2020) für USA und Großbritannien erstellt.

Laut ihrer Analyse konsumieren in den USA 54,4% (Durchschnittsmenge: 284 g/Tag) und in Großbritannien 49,4% (114 g/Tag) der Menschen zuckerhaltige Getränke, bei einer Diabetes-Häufigkeit von rund 11% (20,9 Mio. Ereignisse) in den USA und 5,8% (2,6 Mio. Ereignisse) in Großbritannien. Unter Annahme eines kausalen Zusammenhangs, so Imamura, würde der Verzehr von Softdrinks, die Zucker enthalten, „in den USA 1,8 Millionen zusätzliche Typ-2-Diabetes-Fälle über zehn Jahre verursachen, in Großbritannien wäre es 79.000 zusätzliche Fälle“, dies unabhängig von Übergewicht, schreiben sie.

Interessant wäre eine solche Hochrechnung auch für Mittel- und Südamerika, wo der pro-Kopf-Verkauf zuckerhaltiger Getränke am höchsten sei sowie für China und Indien, wo die größte Typ-2-Diabetes-Epidemie erwartet werde, so die Autoren. „Obwohl noch mehr zu Ursache und Wirkung geforscht werden muss, deutet diese Studie auf die potenziellen gesundheitlichen Vorzüge einer Reduktion des Verzehrs von zuckerhaltigen Getränken“, so ihr Fazit.

Könnte eine Zuckersteuer helfen?

Dies könne zum einen erreicht werden durch eine „Zuckersteuer“, die unter anderem Softdrinks teurer machen würde. Das fordern britische und auch deutsche Ärzte, wie Medscape Deutschland berichtete. Eine solche befürwortet auch Joost. „Sie wäre auch effektiv, denn den Menschen am Geldbeutel zu packen, ist die wirksamste Stelle“, ist er überzeugt.

 
Sie (die Zuckersteuer) wäre auch effektiv, denn den Menschen am Geldbeutel zu packen, ist die wirksamste Stelle. Prof. Dr. Hans-Georg Joost
 

Jedoch sei eine Besteuerung von Süßwaren schwer umsetzbar. „Die erste Schwierigkeit ist zu definieren, welche Produkte besteuert werden sollen – Zucker selbst oder Produkte mit einem bestimmten Zuckeranteil?“ Stattdessen setzt er auf verstärkte Aufklärung, ein Verbot des Verkaufs von Softdrinks an Schulen – und Maßnahmen zur Reduktion des Körperfetts, etwa niedrigere Krankenkassenbeiträge für Schlanke.

„Die Autoren sagen, es sei der Zucker, der Böses anrichtet. Ich bin mir da allerdings nicht so sicher.“ Zucker, erläutert Joost, spiele zwar bei der Entwicklung von Übergewicht eine Rolle, löse aber nicht zwingend Diabetes aus. „Es ist durchaus plausibel, dass alles aufs Übergewicht reduziert werden kann.“

Neben Softdrinks, die pro 100 ml nicht selten mehr als 10 Gramm Zucker enthielten, solle man beispielsweise auch Fertiglebensmittel, die oft nur wenig sättigen, jedoch sehr zuckerreich sind, meiden, rät Joost.

Klären lasse sich der tatsächliche Effekt von Süßgetränken auf das Diabetes-Risiko nur durch eine Interventionsstudie mit langem Follow-up, bei der die Probanden entweder aufhörten oder zu einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich anfingen, Softdrinks zu trinken. „Dann gilt es zu schauen, in welche Richtung sich das Risiko entwickelt. Dann erst hätten wir einen ersten Anhaltpunkt für eine Kausalität.“

 

REFERENZEN:

1. Imamura F, et al: BMJ 2015; 351:h3576

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....