Marburger Bund fordert Reform des Medizinstudiums und will bei der Auswahl die Abiturnote weniger stark gewichten

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

6. August 2015

Das Medizinstudium in Deutschland sollte umfassend reformiert werden – das fordert der Marburger Bund (MB) in seiner von den Bundesministerien für Gesundheit und Bildung und Forschung erbetenen Stellungnahme zum „Masterplan Medizinstudium 2020“ [1]. Für die Ärztegewerkschaft zählt dazu: Die zielgerichtete Auswahl von Studienbewerbern, mindestens 10% mehr Medizin-Studienplätze, mehr Praxisnähe und die Abschaffung von Teilstudienplätzen.

Wie Hans-Jörg Freese, Sprecher des Marburger Bundes erklärt, werden die Stellungnahmen jetzt von den Ministerien ausgewertet und daraus dann ein Konzept für die Tagung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe erstellt. „Einen Zeitplan dafür gibt es noch nicht“, sagt Freese auf Nachfrage von Medscape Deutschland und fügt hinzu: „Wir hoffen natürlich, dass der eine oder andere Vorschlag von uns Berücksichtigung finden wird.“

 
Das Verfahren in Kombination mit der ständig steigenden Nachfrage nach Studienplätzen hat zu einer massiven Fokussierung auf die Abiturnote geführt. Marburger Bund
 

Besonders kritikwürdig ist aus Sicht des Marburger Bundes das Auswahlverfahren zum Medizinstudium. In der Stellungnahme des MB heißt es: „Das Zulassungsverfahren zum Studium der Humanmedizin sieht bereits jetzt neben der Abiturnote die Möglichkeit der Berücksichtigung weiterer Auswahlkriterien vor. Doch das Verfahren in Kombination mit der ständig steigenden Nachfrage nach Studienplätzen hat zu einer massiven Fokussierung auf die Abiturnote (faktische Abiturnotenquote von fast 80%) geführt“. Das, so der MB, gewährleise kein sachgerechtes Verfahren.

Der MB plädiert dafür, die beiden Hauptquoten – die Abiturbestenquote und das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) – zusammenzuführen. In dieser „neuen“Quote sollten die Ergebnisse des Schulabschlusses niedriger als bisher gewichtet und weitere Auswahlkriterien verstärkt und bundeseinheitlich einbezogen werden. Zwar können die Hochschulen schon jetzt 60% der Studienplätze nach eigenen Kriterien in einem eigenständigen Auswahlverfahren besetzen – doch das passiert kaum.

Freese: „Das ist ein Riesenproblem, leider machen die Hochschulen von dieser Möglichkeit noch viel zu wenig Gebrauch.“ Auch dies habe dazu geführt, dass der MB bundeseinheitliche Regelungen vorschlage.

Statt Fokussierung auf die Abi-Note alternative Auswahlkriterien

Um sicherzustellen, dass alternative Kriterien neben der Abiturnote auch tatsächlich berücksichtigt werden, müsse das Auswahlverfahren an den einzelnen Universitäten nach einheitlichen Standards, gegebenenfalls mit unterschiedlicher Gewichtung einzelner Kriterien durch die Hochschulen, erfolgen. Beispielhaft nennt der MB dazu auch alternative bundeseinheitliche Auswahlkriterien:

  • • Objektivierbare standardisierte Auswahlgespräche mit verschiedenen Schwerpunkten zu Motivation, Engagement, Fähigkeiten, bisherigen Tätigkeiten etc. (Beispiele: TU Dresden, Universität Greifswald)

  • • Nachweis bestimmter, auch im Ausland erworbener Erfahrungen in Ausbildung und/oder Beruf

  • • Tests zur Studienfähigkeit (TMS)

  • • Psychosoziale und naturwissenschaftliche Tests (Beispiele: HAM-Nat und HAM-Int) Praxistests (z.B. Leitung einer Station: Organisationstalent, Stress- und Zeitmanagement)

  • • Soziales Engagement

Auch die Bundesärztekammer wirbt in ihrer Stellungnahme dafür, neben der Abiturnote weitere Kriterien für das Auswahlverfahren heranzuziehen und soziale Kompetenzen der Bewerber stärker als bislang zu berücksichtigen [2]. Um die Universitäten in die Lage zu versetzen, qualitativ hochwertige Auswahlverfahren durchzuführen und neue Verfahren erproben zu können, sollten besonders diejenigen Universitäten, die objektivierbare Assessments auf rechtlich abgesicherter Basis transparent durchführen, in diesem Punkt finanziell unterstützt werden. Für die Assessments sollten bundeseinheitliche Kriterien festgelegt werden, fordert die BÄK.

Mehr Studienplätze und eine adäquate Finanzierung

Wie die BÄK will auch der Marburger Bund eine Erhöhung der Zahl der Studienplätze um mindestens 10% – und deren adäquate Finanzierung. „Jeder weiß, dass es zu wenig Studienplätze gibt“, betont Freese.

 
Es muss eine neue Methode zur Berechnung geeigneter Kapazitäten entwickelt werden, die sowohl versorgungspolitische Engpässe als auch das Grundrecht der Bewerber auf freie Berufswahl berücksichtigt. Marburger Bund
 

Nach der Deutschen Einheit hätten durch die zusätzlichen medizinischen Fakultäten in den neuen Bundesländern mindestens 16.000 Studienplätze zur Verfügung stehen müssen – faktisch sind es derzeit aber nur 10.000. Diese restriktive Kapazitätspolitik stehe im krassen Widerspruch zur steigenden Nachfrage nach Studienplätzen und zur Versorgungssituation: In vielen Regionen herrscht schon jetzt Ärztemangel, bundesweit sind 32% der Hausärzte über 60 Jahre alt, 38% sind zwischen 50 und 60 Jahre alt.

Als besonders absurde Folge der Kapazitätspolitik wertet der MB Teilstudienplätze, die Studierende im Los- oder Klageverfahren erhalten haben. Nach Bestehen des Ersten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung (Vorklinik) wird den Studierenden in der Regel eine Fortsetzung des Studiums verwehrt, da der Umfang der Studienplätze im klinischen Abschnitt nach dem geltenden Kapazitätsrecht, also nicht nach personellen und sachlichen Mitteln, sondern nach Bettenzahlen ermittelt wird.

Auch deshalb fordert der Marburger Bund die Abschaffung der willkürlichen Teilung des Medizinstudiums in Vorklinik und Klinik, wie sie bereits in Modellstudiengängen erfolgreich realisiert worden sei. „Es muss eine neue Methode zur Berechnung geeigneter Kapazitäten entwickelt werden, die sowohl versorgungspolitische Engpässe als auch das Grundrecht der Bewerber auf freie Berufswahl nach Art. 12 Abs. 1 Grundgesetz in Verbindung mit Art. 3 Grundgesetz berücksichtigt. Unterfüttert werden muss dieses neue Kapazitätsrecht durch die Festlegung einer ausreichenden Finanzierung“, so der MB.

Frühzeitig praktische Aspekte im Studium und mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin

Welche Vorschläge dem MB am meisten am Herzen lägen, ließe sich so gar nicht sagen, betont Freese: „Es hängt ja alles miteinander zusammen. Wird das Kapazitätsrecht verändert, also die unsinnige Trennung zwischen Vorklinik und Klinik aufgehoben, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Studienauswahl.“

Eine „Landarztquote“ bei der Zulassung lehnt der MB ebenso ab wie Pflichtabschnitte in der Allgemeinmedizin während des PJ. Stattdessen sollten zur Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium die Zahl der Lehrstühle/Institute Allgemeinmedizin sowie die Zahl der Ambulanten Lehreinrichtungen in der Allgemeinmedizin erhöht werden und alle bisher getroffenen Maßnahmen – Blockpraktikum, hausärztliche Famulatur, hausärztliches Wahltertial im PJ – auf ihre Effektivität hin evaluiert werden.

 
Es gibt viele junge Menschen die Arzt werden wollen, das aber nicht können … Das ist schon schwer vermittelbar. Hans-Jörg Freese
 

Zugleich plädiert der Verband für eine frühzeitige Einbringung praktischer, klinikrelevanter Aspekte in das gesamte Studium an allen Hochschulen. Medizinstudierende sollten von Beginn an mit realen Behandlungssituationen in Berührung kommen. Darüber hinaus spricht sich der Marburger Bund für eine flächendeckende Einrichtung von Lehrstühlen bzw. Instituten oder Abteilungen für Allgemeinmedizin aus, so wie sie bereits an vielen Universitäten geschaffen wurden.

Es dürfe aber keine zielgerichtete Knüpfung von Landesmitteln zur Hochschulfinanzierung an die Förderung der Ausbildung im Fach Allgemeinmedizin geben. Dies wäre gegenüber anderen Fächern, die teilweise ebenfalls unter Nachwuchsmangel leiden, eine Ungleichbehandlung. Sinnvoller sei, finanzielle Anreizsysteme für die Universitäten zur Verbesserung und Qualitätssicherung ihrer medizinischen Lehre insgesamt zu schaffen. Hiervon würde auch die Allgemeinmedizin profitieren.

Eine umfassende Reform sei mehr als überfällig, betont Freese: „Es gibt viele junge Menschen die Arzt werden wollen, das aber nicht können. Sie haben z.B. sehr lange Wartezeiten weil der NC nicht erreicht ist. Das ist schon schwer vermittelbar. Zumal es sich dabei häufig um sehr motivierte und sozial engagierte junge Menschen handelt, die kurativ arbeiten wollen, vielleicht sogar als Allgemeinmediziner.“

 

REFERENZEN:

1. Marburger Bund: Stellungnahme zum „Masterplan Medizinstudium 2020“

2. Stellungnahme der BÄK zum „Masterplan Medizinstudium 2020“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....