Metastasiertes Prostatakarzinom: Androgendeprivation plus Docetaxel verlängert Überlebenszeit um mehr als 13 Monate

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

6. August 2015

Dr. Carsten Ohlmann

Die Standardtherapie beim metastasierten hormon-sensitiven Prostatakarzinom (PCA) besteht nach den aktuellen Leitlinien der European Association of Urology (EAU) und der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in einer Androgendeprivation. Eine Studie von Dr. Christopher J. Sweeney vom Farber Cancer Institute der Harvard Medical School in Boston und Kollegen bestätigt jetzt, dass die zusätzliche Gabe von Docetaxel die Überlebenszeit entscheidend verlängert [1].

Den Stellenwert der Arbeit stuft Dr. Carsten Ohlmann, Leitender Oberarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, als hoch ein: „Diese Arbeit weist – zusammen mit den Ergebnissen der STAMPEDE-Studie – eine erhebliche Relevanz für den klinischen Alltag auf.“ Denn sie liefere weitere Evidenz dafür, dass eine Chemo-Hormontherapie der alleinigen Androgendeprivation vorzuziehen ist.

Vorläuferstudien hatten bereits die Vorteile der Kombi-Therapie gezeigt

 
Gemäß der Patienten- charakteristika der CHAARTED- und der STAMPEDE-Studie sollten nur Patienten mit einem guten Allgemeinzustand die Therapie erhalten. Stellungnahme von AKO und AUO
 

Schon die beim Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2014 vorgestellten Ergebnisse der CHAARTED-Studie, deren Leiter ebenfalls Sweeney war, verhießen ein längeres Überleben durch die Kombination des Chemotherapeutikums Docetaxel und der Androgendeprivation. Auf dem ASCO 2015 belegten dann die Daten der STAMPEDE-Studie einen Vorteil im Gesamtüberleben zugunsten der Chemo-Hormontherapie im Vergleich zur alleinigen Androgendeprivation (ADT) von 10 Monaten (77 vs 67 Monate, Hazard Ratio: 0,76 (95%-Konfidenzintervall:: 0,63–0,91; p = 0,003).

Wie Prof. Dr. Kurt Miller, Direktor der Klinik für Urologe an der Berliner Charité bestätigt, lieferten schon diese Ergebnisse ausreichende Evidenz, eine Empfehlung zum Nutzen der Chemo-Hormontherapie auszusprechen. Miller verweist auf die kürzlich aktualisierte gemeinsame Stellungnahme des Arbeitskreises Onkologie (AKO) und der Arbeitsgemeinschaft urologische Onkologie (AUO) vom 10. Juli 2015.

Darin heißt es: „Dabei profitieren vor allem Patienten mit einer hohen Metastasenlast von der Therapie im Sinne einer Überlebensverlängerung. Gemäß der Patientencharakteristika der CHAARTED- und der STAMPEDE-Studie sollten nur Patienten mit einem guten Allgemeinzustand die Therapie erhalten.“ AKO und AUO betonen, dass der Einsatz von Docetaxel wegen der fehlenden Zulassung für Patienten mit einem hormon-sensitiven Prostatakarzinom in dieser Indikation prinzipiell einen „Off-Label-Use“ darstellt.

Im Schnitt überleben Patienten mit Chemo-Hormontherapie 13,6 Monate länger

Sweeney und seine Kollegen randomisierten in der aktuellen Studie Männer (n = 790, Durchschnittsalter 64 Jahre) mit metastasierendem hormon-sensitivem PCA entweder zu ADT plus Docetaxel (Dosis 75 mg/m², alle 3 Wochen für 6 Zyklen) oder zur alleinigem ADT. Wie Sweeney schreibt, sollte die Hypothese geprüft werden, dass das mediane Gesamtüberleben unter Chemo-Hormontherapie um ein Drittel (33,3%) höher liegt als unter alleiniger ADT.

Nach einem medianen Follow up von 28,9 Monaten war der Endpunkt Gesamtüberleben unter ADT plus Docetaxel im Median um 13,6 Monaten länger als mit ADT alleine (57,6 Monate vs 44,0 Monate): Die Hazard Ratio für Tod lag in der Kombinationsgruppe bei 0,61 (95%-Konfidenzintervall: 0,47–0,80; p = 0,001). Die mediane Zeit bis zur biochemisch nachweisbaren, symptomatischen oder radiographisch nachweisbaren Progression betrug 20,2 Monate in der Kombinationsgruppe verglichen mit 11,7 Monaten in der ADT-Gruppe (HR: 0,61; 95%-KI: 0,51–0,72; p = 0,001). In der Kombinations-Gruppe fanden die Forscher auch niedrigere PSA-Spiegel: Bei 27,7% dieser Patienten lag de PSA unter 0,2 ng/ml, in der ADT-Gruppe war das bei 16,8% der Fall.

„Die von Sweeney berichteten Nebenwirkungen sind auf jeden Fall vernachlässigbar“, meint Ohlmann in Anbetracht der verlängerten Überlebenszeit von im Schnitt 13,6 Monaten. Die Rate von Grad-3- oder Grad-4-Neutropenien lag bei 6,2%, die Rate mit Grad-3- oder -4-Infektionen plus Neutropenie lag bei 2,3% und die Rate von Grad 3 sensorischer Neuropathie und von Grad 3 motorischer Neuropathie bei 0,5%.  

Vor Therapiebeginn Kostenübernahme klären

 
Mit der Stellungnahme kann gegenüber der Krankenkasse argumentiert werden, dass es eine offizielle Empfehlung für den Einsatz von Docetaxel in dieser Indikation gibt. Dr. Carsten Ohlmann
 

Ohlmann, der das gemeinsame Update von AKO und AUO verfasst hat, erklärt: „Wir haben die Stellungnahme zu dem Zweck formuliert, damit ein Off-Label-Use von Docetaxel vor allem für die nicht-universitären Kliniken und niedergelassenen Kollegen einfacher ist. Mit der Stellungnahme kann gegenüber der Krankenkasse argumentiert werden, dass es eine offizielle Empfehlung für den Einsatz von Docetaxel in dieser Indikation gibt.“

Das heißt: Im konkreten Fall sollte bei der Krankenkasse vor Therapiebeginn mit Hinweis auf die Studie eine Erklärung zur Kostenübernahme eingeholt werden. Die formalen Voraussetzungen für den Off-Label-Use nach § 2 Abs. 1a SGB V liegen vor.

 

REFERENZEN:

1. Sweeney CJ, et al: NEJM (online) 5. August 2015

 

Kommentar

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