Intraoperative Strahlentherapie beim Mammakarzinom: Segen oder Gefahr für die Frauen?

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

4. August 2015

Unter den radiologischen Onkologen gibt es derzeit eine harte Auseinandersetzung um die Bewertung der Ergebnisse der TARGIT-A-Studie. Es geht dabei um eine Form der Bestrahlungstherapie beim Mammakarzinom, die während der Lumpektomie nur einmal angewandt wird: die intraoperative Strahlentherapie – IORT. Je nach Standpunkt wird IORT als Fortschritt oder als gefährlich für Frauen mit Brustkrebs angesehen.

Neuer Methode wird mit Skepsis begegnet

Prof. Dr. Anton Scharl

„Eine ideologisierte Debatte über IORT wird den Betroffenen nicht gerecht. Sinnvoller ist es, Patientenkollektive zu definieren, bei denen eine alleinige IORT auch vor dem Hintergrund der kurzen Nachbeobachtungszeit kein nennenswertes Risiko darstellt. So kann die neue Technik zum Wohle der Patientinnen bereits heute genutzt werden, während die Daten für den Langzeiteffekt reifen“, kommentiert aus Deutschland Prof. Dr. Anton Scharl, Sprecher der Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), gegenüber Medscape Deutschland die Diskussion.

„Die operative Behandlung des Mammakarzinom ist ein Paradebeispiel dafür, wie durch schrittweise wissenschaftliche Arbeit in klinischen Studien die Belastung durch die Therapie für die Patientinnen drastisch vermindert werden kann, ohne den Heilungserfolg zu kompromittieren. Jede Reduktion der operativen Radikalität von der ultraradikalen über die modifiziert radikale Mastektomie mit ausgedehnter Axilladissektion, die Quadrantenresektion hin zur Tumorektomie mit Sentinellymphknoten-Exzision ging mit sehr kontroversen Debatten und erheblicher Skepsis einher“, erläutert Scharl.

Und weiter: „Heute stellt die Brusterhaltung mit Sentinellymphknoten-Exzision den Standard dar, der bei der überwiegenden Mehrheit der Patientinnen ausreicht. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch die anschließende Ganzbrustbestrahlung, welche die Rezidivrate trotz Brusterhaltung auf dem Niveau der Mastektomie hielt.“

Seiner Ansicht nach ist es nun aber nur konsequent, nach Wegen zu suchen, um auch die Belastung durch die Strahlentherapie zu vermindern. Die hypofraktionierte Ganzbrustbestrahlung stelle dafür ein wichtiges Konzept dar, ebenso die Teilbrustbestrahlung wie die IORT mit Intrabeam®.

TARGIT-A-Studie – Stein des Anstoßes

Jede Reduktion der operativen Radikalität … ging mit sehr kontroversen Debatten und erheblicher Skepsis einher. Prof. Dr. Anton Scharl

In der TARGIT-A-Studie (Targeted intraoperative radiotherapy) wurde die IORT mit der klassischen Bestrahlung der Brust von außen (External Beam Radiotherapy, EBRT) über mehrere Wochen verglichen [1]. Für die neue Technik wird das Bestrahlungsgerät Intrabeam® der Firma Zeiss eingesetzt, das niederenergetische Röntgenstrahlung verwendet. Die Studie war auf Nicht-Unterlegenheit angelegt.

Das 5-Jahres-Risiko für ein lokales Rezidiv war mit IORT höher als mit EBRT (3,3% vs 1,3%; p = 0,042). Der Unterschied war statistisch signifikant zugunsten der EBRT, aber die absolute Differenz bewegte sich in der vordefinierten Spanne für Nichtunterlegenheit von 2,5%. Die kosmetischen Ergebnisse waren mit der neuen Technik besser, Grad-3/4-Nebenwirkungen an der Haut waren signifikant seltener.

IORT – Segen oder Gefahr für die Frauen?

„Seit der Publikation haben die Ergebnisse zu einer lebhaften Debatte mit völlig gegensätzlichen Ansichten geführt“, erläutert Prof. Dr. Anthony Zietman, radiologischer Onkologe an der Harvard Medical School in Boston und Chefredakteur des International Journal of Radiation Oncology – Biology – Physics, bekannt als das Red Journal, in seiner Einleitung zur Ausgabe vom 1. August 2015 [2].

Je nach Standpunkt stellt also die intraoperative Strahlentherapie eine schwere Gefährdung oder einen Quantensprung dar. Prof. Dr. Anthony Zietman

Aufgrund der einfachen Handhabung könne die IORT zu deutlichen Veränderungen in der Bestrahlungstherapie des Mammakarzinoms führen, so seine Ansicht. Die Kritiker allerdings sehen in der neuen Technik eine Gefahr für die Patientinnen, weil das Risiko für ein lokales Rezidiv höher ist als mit der EBRT. „Je nach Standpunkt stellt also die intraoperative Strahlentherapie eine schwere Gefährdung oder einen Quantensprung dar“, so Zietman.

Wenn die EBRT nach Lumpektomie täglich über mehrere Wochen angewendet wird, helfe sie den Frauen mit Brustkrebs sich „aus der dunklen Vergangenheit der radikalen Mastektomie in die moderne Ära der Brusterhaltung“ zu bewegen. Mit TARGIT-A werde ein anderer Weg zur Brusterhaltung aufgezeigt und die wochenlange Bestrahlungstherapie könnte damit bei frühem Mammakarzinom unnötig werden.

Kommentar

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