Weiterbildungsassistenten kann man nicht kaufen – es fehlt nicht an Förderung, es fehlt an Interessenten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

3. August 2015

Seit Jahren fließt viel Geld – Millionen von Euro – in die Förderung von hausärztlichen Weiterbildungsassistenten. Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenkassen und Praxischefs legten viel Geld auf den Tisch, um den angehenden Allgemeinmedizinern in der Praxis ein angemessenen Gehalt zahlen zu können. Bisher waren es rund 100 Millionen Euro im Jahr. Was hat es genützt?

Der GKV-Spitzenverband kritisiert in einer Stellungnahme zum Versorgungsstärkungsgesetz (VSG), es sei „noch immer nicht erkennbar, dass die Zahl der Fachärzte für Allgemeinmedizin signifikant steigt und das, obwohl das Programm inzwischen insgesamt ein Volumen von ca. 100 Mio. € p. a. umfasst.“

Doch ist dies nicht ganz zutreffend: Immerhin stieg die Zahl der Weiterbildungsassistenten von 3.258 im Jahr 2010 auf 4.299 im Jahr 2013. Im selben Zeitraum flossen rund 76 Millionen Euro im Jahr 2010 und 104,5 Millionen Euro im Jahr 2013 in die Förderung, insgesamt in den Jahren 2010 bis 2013 353 Millionen Euro, so die jüngste Evaluation der Weiterbildung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Fördergelder blieben übrig

Die Förderung für die Weiterbildungsassistenten in der Hausarztpraxis ist gesetzlich vorgeschrieben. 3.500 Euro erhalten die Weiterbildungsassistenten derzeit je zur Hälfte von der zuständigen KV und den Krankenkassen. So hätten es die KBV, der GKV-Spitzenverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) vertraglich vereinbart, erklärt Vincent Jörres, Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes: „Weil dies aber immer noch 1.000 Euro weniger sind, als die Kollegen in den Krankenhäusern nach Tarif erhalten, haben Praxischefs oft noch etwas drauflegen müssen, wenn sie einen der begehrten Weiterbildungsassistenten beschäftigen wollten“, sagt Jörres. Da und dort schießen auch die KVen noch zusätzlich Geld zu.

„Im letzten vorliegenden Abrechnungsjahr 2013 waren dies rund 4 Millionen Euro für 362 Weiterbildungsstellen Allgemeinmedizin und rund 3 Millionen Euro für 280 Weiterbildungsstellen Fachärzte“, berichtet Detlef Haffke, Sprecher der KV Niedersachsen. Die KV Hessen fördert 225 Vollzeitstellen mit monatlich 1.750 Euro, erklärt sie auf Anfrage. In Bayern haben vom 1. bis zum 4. Quartal 2014 991 Ärzte je 1.750 Euro von der KVB für die allgemeinmedizinische Weiterbildung erhalten, im 1. und 2. Quartal 2015 waren es 849 Ärzte, berichtet Birgit Grain, Sprecherin der KV Bayern.

Bundesweit hätte das Fördervolumen bisher für 5.000 Stellen gereicht, wäre es vollständig verteilt worden. Hätte, wäre. Tatsächlich wurde „in den vergangenen Jahren das Geld lediglich zu 90 Prozent abgerufen“, erklärt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes.

Künftig weitere Verbesserungen für Weiterbildungsassistenten durch das VSG

Trotzdem wird nun mit dem Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) die gesetzlich vorgeschriebene Förderung noch einmal ausgeweitet. Im neuen §75 a SGB V ist davon die Rede, dass künftig mindestens 7.500 Stellen gefördert werden sollen und die Weiterbildungsassistenten sollen mit 4.500 Euro monatlich so viel Geld erhalten, wie ihre Kollegen in den Klinken. Wie das Ganze finanziert wird, sollen die Vertragspartner wie bisher unter sich abmachen. KBV, GKV-SV und DKG sollen in den kommenden 3 Monaten Vereinbarungen über die Details schließen, so eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums zu Medscape Deutschland.

Unterdessen wurde das VSG auch an anderer Stelle nachgebessert, um die Kooperation von Praxischefs und ihren Kollegen in Weiterbildung zu erleichtern. „Es wurde die Möglichkeit eröffnet, den Praxisumfang bei der Beschäftigung eines Arztes in Weiterbildung anzupassen“, sagt Hausarzt-Sprecher Jörres. „Die Zulassungsordnung hat hier in der Vergangenheit relativ wenig Spielraum gelassen.“

 
Irgendetwas passiert im Studium, was die jungen Medizinerinnen und Mediziner vom Hausarztberuf abhält. Vincent Jörres
 

Damit die neue Regelung nicht das Praxisbudget sprengt, können die einzelnen KVen den weiterbildenden Hausärzten laut VSG ein höheres Budget gewähren, auch wenn das Gesamtbudget davon unberührt bleibt. Damit wäre zudem eine neue Geldquelle eröffnet, die der GKV-SV, die KBV und DKG in ihren Verhandlungen über die Zuschüsse anzapfen könnten.

Außerdem können Praxischefs ihre Weiterbildungsassistenten zukünftig auch über das Ende der Ausbildungszeit hinaus beschäftigen. Dadurch kann die Zeit bis zur Zulassung der neuen Kollegen überbrückt und die jungen Ärzte in der Praxis gehalten werden. Früher bestand die Tendenz, dass der fertige Hausarzt die Praxis verließ, während der Zulassungsauschuss noch darüber befand, ob der neue Kollege an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen darf.

Es fehlt an Interessenten

Aber was nützen die Verbesserungen im VSG, wenn es einfach zu wenige Mediziner gibt, die Hausarzt werden wollen? „Zu Beginn des Studiums können sich ein Drittel der Erstsemester vorstellen, Allgemeinmediziner zu werden“, berichtet Hausarzt-Sprecher Jörres, „am Schluss sind es nur noch zehn Prozent. Irgendetwas passiert im Studium, was die jungen Medizinerinnen und Mediziner vom Hausarztberuf abhält.“

 
Die Aufstockung (der Förderung), die jetzt im Gesetz steht, ist eher als moralischer Appell zu werten. Detlef Haffke
 

Kassen, KVen und Hausärzteverband fordern unisono bessere Rahmenbedingungen für die jungen Mediziner. „Deutlich mehr Kontakt zur Allgemeinmedizin in den Universitäten“, fordert etwa der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. Der GKV Spitzenverband fordert nicht unbedingt mehr Geld, sondern das Geld sinnvoller zu verteilen, und zwar „die Förderung in den überversorgten Regionen deutlich zu reduzieren und sie dafür in den schlechter versorgten, ländlichen Regionen oder beim Einsatz in Versorgerpraxen mit hohen Fallzahlen merklich anzuheben“, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes.

Es fehlt also nicht an Geld oder Förderung. Es fehlt an Interessenten. Die vom VSG zusätzlich verordnete Förderung muss Kassen und KVen also zunächst keine finanziellen Sorgen bereiten – es gibt gar nicht die Kandidaten, die die Förderung beanspruchen würden. KVN-Sprecher Haffke: „Die Aufstockung, die jetzt im Gesetz steht, ist eher als moralischer Appell zu werten.“

 

 

Kommentar

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