Süß soll teurer werden – deutsche und britische Ärzte wollen die Zuckersteuer

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

30. Juli 2015

Im Kampf gegen Übergewicht, Adipositas und Diabetes fordern die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), die Deutsche Akademie für Präventivmedizin (DAPM) und andere Diabetes-Experten schon seit längerem die Besteuerung von Süßigkeiten und zuckerhaltigen Getränken. In einer kürzlich im British Medical Journal veröffentlichten Stellungnahme sprechen sich auch britische Ärzte für eine Zuckersteuer in Höhe von 20% des Verkaufspreises aus.

 
Immer mehr Studien- ergebnisse deuten darauf hin, dass Steuern auf Soft- drinks, Zucker und Snacks die Ernährungs- gewohnheiten ändern können. Sirpa Sarlio-Lähteenkorva
 

Die Einnahmen aus dieser Steuer sollen wiederum zur Subventionierung von gesunden Lebensmitteln wie Obst oder Gemüse genutzt werden, schlägt die British Medical Association (BMA) vor. In einem „Head to Head“-Artikel haben 2 Experten jetzt Pro und Contra einer solchen Zuckersteuer gegenübergestellt [1].

Eine spezielle Steuer auf zuckerhaltige Getränke und Lebensmittel könnte den Zuckerkonsum und damit die Prävalenz von Adipositas und Diabetes reduzieren, meint Sirpa Sarlio-Lähteenkorva, Beraterin des Ministeriums für Soziales und Gesundheit in Finnland. „Immer mehr Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Steuern auf Softdrinks, Zucker und Snacks die Ernährungsgewohnheiten ändern und die Gesundheit verbessern können, speziell in Bevölkerungsgruppen mit niedrigerem sozioökonomischem Status“, argumentiert sie.

Dr. Johannes Scholl

Der gleichen Meinung ist der Präventivmediziner Dr. Johannes Scholl aus Rüdesheim am Rhein. „Die Zuckersteuer ist keineswegs sozial ungerecht“, argumentiert er. DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher hatte eine Zuckersteuer im Zuge einer kürzlich veröffentlichten Forsa-Umfrage der DAK als „ungerecht“ bezeichnet, „da sie einkommensschwache Haushalte besonders stark belastet“.

Speziell für diese einkommensschwächere Zielgruppe, die oft auch einen niedrigeren Bildungsstatus habe, sei die Steuer aber gesundheitlich besonders sinnvoll, weil diese Gruppe besonders viele zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke konsumiere und sie ein höherer Preis vom Kauf abhalten könne, entgegnet Scholl. „Wenn die Tafel Schokolade 20 Cent mehr kostet, hat das bei Leuten aus sozial schwächeren Verhältnissen, die ansonsten der Werbung der Industrie schutzlos ausgeliefert sind, schon Auswirkungen“, sagt er.

Scholl erwartet von einer Zuckersteuer ähnliche gesundheitliche Effekte wie sie die Einführung der Tabaksteuer gebracht habe, was eine neue neuseeländische Untersuchung zeige, die am 28. Juli auf PLOS Medicine veröffentlicht worden ist.

DAK: Nur 30 Prozent befürworten Zuckersteuer als Maßnahme gegen Diabetes

In der von der DAK in Auftrag gegebenen Forsa-Befragung stellte sich heraus, dass angeblich mehr als 2 Drittel der Deutschen eine „Zuckersteuer“ ablehnt. Die DGG hat die Umfrageergebnisse kritisiert und als „unseriös“ und „irreführend“ bezeichnet, weil den Befragten, in der Umfrage der „wichtige zweite Teil einer Zucker/Fettsteuer verschwiegen“ worden wäre, so die Fachgesellschaft. Die Politik plane nämlich im Gegenzug gesündere und kalorienärmere Lebensmittel steuerlich zu begünstigen, was die DAK in den Fragen an die Probanden jedoch nicht erwähnt habe.

Dr. Dietrich Garlichs

„Offensichtlich ist eine andere – durchaus attraktive – Seite der Medaille bei der Forsa-Umfrage unter den Tisch gefallen“, kritisiert DDG-Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs. „Daher müssen wir hier von einer Irreführung der Befragten ausgehen, einer geschickten Manipulation.“ Die DDG nimmt an, dass eine finanzielle Entlastung für gesunde Ernährung mehr Menschen von einer Zuckersteuer überzeugen könnte.

„Ein Preissignal könnte der Bevölkerung helfen, gesündere Kaufentscheidungen zu treffen und der Lebensmittelindustrie Anreize bieten, gesündere Produkte zu entwickeln. Denn bisherige Appelle an die Vernunft des Einzelnen sind angesichts des Tsunamis der chronischen Erkrankungen nachweislich gescheitert“, so Garlichs weiter.

Scholl fragt sich, warum die DAK überhaupt die Bevölkerung, zur Eignung einer Zuckersteuer als Maßnahme gegen Übergewicht befrage. „Warum bittet die DAK Laien um eine Expertenmeinung?“, kritisiert der Vorsitzende der DAPM. Zumindest hätte Forsa bei der Umfrage vorausschicken müssen, „dass es klare Beweise gibt, dass zuckerhaltige Lebensmittel und ein hoher Zuckergehalt in Softdrinks unter Bewegungsmangel Adipositas fördert“, moniert Scholl. „Unter dieser Prämisse hätten die Ergebnisse sicherlich anders ausgesehen. So aber ist die Umfrage untauglich.“

Süßigkeiten als Grundnahrungsmittel bisher mit nur sieben Prozent besteuert

 
Ein Preissignal könnte der Bevölkerung helfen, gesündere Kaufentscheidungen zu treffen und der Lebensmittelindustrie Anreize bieten, gesündere Produkte zu entwickeln. Dr. Johannes Scholl
 

Bemerkenswert an der DAK-Umfrage ist, dass die Mehrheit der Probanden eine Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln (85%) sowie ein Werbeverbot für „Kinderlebensmittel“ (65%), also Produkte, die speziell Kinder ansprechen sollen, als geeignete Maßnahme gegen Übergewicht in der Bevölkerung ansehen, eine Zuckersteuer jedoch von nur 30% als geeignet bezeichnet wird. Lebensmittelampel und Werbeverbot für Kinderlebensmittel seien neben der Einführung einer Zuckersteuer wichtige Maßnahmen gegen Adipositas, sagt Scholl.

Aktuell gelten Süßigkeiten in Deutschland als Grundnahrungsmittel und werden mit lediglich 7% besteuert. Eine Anhebung der Besteuerung wie es beispielsweise die SPD vorschlägt, würde lediglich eine Angleichung auf den regulären Mehrwertsteuersatz von 19% bedeuten. Die CDU lehnt diesen SPD-Vorschlag zur Zucker- und Fettsteuer bisher ab.

Auch der Besteuerungsvorschlag der BMA scheint nicht für alle bekömmlich: In der BMJ-Debatte um den Sinn einer solchen Steuer gegen Adipositas und Diabetes bezeichnet Prof. Jack Winkler, früherer Professor für Ernährungspolitik an der Londoner Metropolitan University, die Steuer, obwohl im Kern eine sinnvolle Entwicklung, als „politisch ungenießbar“. Er sagt die Steuer müsse enorm hoch ausfallen, um überhaupt gesundheitliche Auswirkungen zu erzielen.

 
Ich bin eher skeptisch und glaube nicht, dass es die Steuer in Deutschland geben wird. Dr. Johannes Scholl
 

Winkler rechnet vor, dass Studien zufolge eine 20%ige Besteuerung den Konsum von Zucker um lediglich 4 kcal pro Person und Tag reduzieren würde. „Auswirkungen dieser Größenordnung werden das globale Übergewicht-Problem nicht beheben“, argumentiert er. Sarlio-Lähteenkorva aus Finnland hält dagegen: Die Politik, sagt sie, müsse die gesundheitlichen Folgen des hohen Zuckerkonsums – Diabetes, koronare Herzkrankheit und Hypertonie – angehen. „Eine Steuer auf Zucker, vorzugsweise begleitet von Maßnahmen, die den Konsum von gesättigten Fettsäuren und Salz reduzieren, sowie Anreize sich gesund zu ernähren, könnten helfen“, so ihre Meinung.

Ob die Zuckersteuer tatsächlich irgendwann kommen wird, ist eher fraglich. Eine Besteuerung von Lebensmitteln mit gesättigten Fettsäuren, die die dänische Regierung 2011 eingeführt hatte, hielt sich gerade einmal 15 Monate. Die Regierung Großbritanniens lehne eine Besteuerung von Lebensmitteln generell ab, betont Winkler im BMJ. „Warum diskutieren wir also immer noch über eine solche Idee?“, fragt er.

Auch Scholl zweifelt: „Wir werden einiges an Gegenwind erfahren und ich bin eher skeptisch und glaube nicht, dass es die Steuer in Deutschland geben wird.“ Er bezeichnet sie als „Teillösung“ die einhergehen müsse mit der Einführung der 2011 von der EU bereits abgelehnten Lebensmittelampel sowie einem Werbeverbot für Kinderlebensmittel. „Zudem brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Präventionsstrategie, die neben der gesunden Ernährung auch Bewegung fördert.“

 

REFERENZEN:

1. Sarlio-Lähteenkova SS, et al: BMJ 2015;351:h4047

 

Kommentar

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