Last und Lust der Gremienarbeit – Wo sich Ärztinnen engagieren sollten, um mit zu entscheiden

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

29. Juli 2015

Dr. Regine Rapp-Engels

Die ehemalige Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes Dr. Regine Rapp-Engels zeigt bei ihren Vorträgen gern Gruppenfotos von Vorstandsgremien ärztlicher Organisationen, um eines zu verdeutlichen: Frauen muss man dort mit der Lupe suchen. Auch auf dem 3. Bundeskongress Gender-Gesundheit der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin im Frühjahr präsentierte sie solche Gruppenbilder – mit meist nur einer Dame.

Doch woran liegt es, dass Frauen in Entscheidungsgremien so dramatisch unterrepräsentiert sind? „Das Medizinsystem ist zum Teil noch sehr hierarchisch und patriarchalisch strukturiert. Mit älteren, aber auch jüngeren Herren, die auf ihren Posten kleben und Frauen nicht in ihre Kreise hineinlassen wollen“, sagt sie. Doch es liege zum Teil auch an den Frauen: „Frauen haben häufig keine Lust, sich auf die zeitfressende Gremienarbeit einzulassen.“

Frauen sollten bei wichtigen Entscheidungen mitreden

 
Frauen haben häufig keine Lust, sich auf die zeit- fressende Gremien- arbeit einzulassen. Dr. Regine Rapp-Engels
 

Dennoch: An der Gremienarbeit führt kein Weg vorbei, wenn Frauen nach oben möchten: Dort werden Entscheidungen gefällt, worüber geforscht wird und wofür im Gesundheitssystem oder an Universitäten Geld ausgegeben und welche Schwerpunkte gesetzt werden. „Medizinerinnen sollten unbedingt ihre Perspektive einbringen, um in der Gesundheitspolitik mitzumischen“, ermuntert Rapp-Engels.

„Arbeit in Gremien kann richtig Spaß machen“, sagt sie. Man lerne, wie Entscheidungsprozesse funktionieren, sich gut zu vernetzen und wie man Verbündete für die eigenen Ideen gewinnen kann. „Es geht auch darum, an wichtigen Entscheidungen beteiligt zu werden, Einfluss zu nehmen und auch ein Stück vom Kuchen zu bekommen.“

Rapp-Engels, die selbst in vielen Gremien vertreten war, empfindet die Gremienarbeit bereichernd, weil sie auch zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung gehörte: In Gremien lerne man die unterschiedlichsten Menschen kennen, strategisch zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Ein Zuckerschlecken sei es freilich nicht immer: „Es gibt viele taktische Spielchen, die Frauen erst einmal durchschauen müssen.“

Eine Umfrage unter Professorinnen in Gremien und Leitungsfunktionen an 5 Hochschulen in Hannover gibt Aufschluss, warum sich Frauen in Gremien der akademischen Selbstverwaltung engagieren. 2 Drittel der Professorinnen, 161 Frauen, haben geantwortet. Die vorläufigen Ergebnisse präsentierte die Vizepräsidentin der Hochschule Hannover, Prof. Dr. Heike Dieball, auf der Veranstaltung Dialoginitiative Geschlechtergerechte Hochschulkultur „Professorinnen – Positionen – Perspektiven“:

  • • 74% antworteten, dass sie so mitbekommen, was an der Hochschule passiert.

  • • 72% finden es wichtig, Prozesse mitzugestalten.

  • • 59% machen mit, weil sie Gremienarbeit für wichtig halten und

  • • 25% antworteten, dass es Spaß mache.

Hemmnis: Abschreckende Diskussionskultur, endlose Sitzungen

 
Es geht auch darum, an wichtigen Entscheidungen beteiligt zu werden, Einfluss zu nehmen und auch ein Stück vom Kuchen zu bekommen. Dr. Regine Rapp-Engels
 

Die Möglichkeiten, sich in Gremien zu engagieren, seien im Prinzip sehr vielfältig, betont Rapp-Engels: Professorinnen können sich an den Hochschulen etwa in Berufungskommissionen einbringen. Auch Medizinische Ethik-Kommissionen, die klinische Studien beraten und beurteilen, seien interessante Betätigungsfelder: „In diesen Gremien können Frauen für einen Bewussteinswandel sorgen und darauf achten, dass auch Genderfragen berücksichtigt werden.“

Gerade wenn es um die Entwicklung von Medikamenten geht, sei es wichtig, dass nicht nur an Männern geforscht werde, sondern auch an Frauen, dass eine Studie von Anfang an geschlechterspezifisch angelegt und dann auch ausgewertet werde. Frauen sollten daher auch verstärkt in der Arzneimittelkommission vertreten sein, fordert Rapp-Engels.
Allerdings gibt es einige Hindernisse des ehrenamtlichen Engagements: Abschreckend für Frauen sei oftmals die Diskussionskultur. Viele Sitzungen seien unnötig lang, vieles werde wiederholt, was der Vorgänger schon gesagt habe. „Frauen sehen es oft als Zeitverschwendung an, alles dreimal durchzukauen.“ Zum Teil liege es daran, dass sich manche Mitglieder eben gern persönlich darstellten. Manchmal, so haben ihr engagierte Frauen schon berichtet, würden Sitzungen bis nach Mitternacht ausgedehnt, um eventuell ein höheres Sitzungsgeld zu erhalten.

Die Sitzungen finden zudem oft zu Zeiten statt, zu denen sich so manche Ärztin nach der Arbeit um ihre Kinder kümmern möchte. Der Ärztinnenbund fordert, dass etwa Verbandstreffen, Sitzungen und Tagungen zu Zeiten stattfinden, in denen Kinderbetreuung möglich ist und diese dann auch organisiert wird.

Unterrepräsentiert bei Ärztekammern, KVen und Fachgesellschaften

Schwach ist die Repräsentanz von Frauen in wichtigen Entscheidungsgremien wie Ärztekammern oder Kassenärztlichen Vereinigungen. Unterrepräsentiert seien Frauen häufig, weil es oft kein demokratisches Verfahren gebe, das auf eine gleiche Vertretung achte, betont Rapp-Engels. „In der Bundesärztekammer, in der 17 Landesärztekammer-Präsidenten vertreten sind, gibt es nur vier Frauen. In den Präsidien von Medizinischen Fachgesellschaft gibt es nur vereinzelt Frauen“, kritisiert sie.

 
In der Bundes- ärztekammer, in der 17 Landesärzte- kammer-Präsidenten vertreten sind, gibt es nur vier Frauen. Dr. Regine Rapp-Engels
 

Ihre Forderung: Bei Wahlen müssten auch Ärztinnen für Spitzenpositionen vorgesehen werden. Frauen sollten nicht nur für Vizeposten oder untergeordnete Positionen nominiert werden. Es sei wichtig, solche Rollenzuschreibungen zu durchschauen und die Finger in diese Wunde zu legen.

Oft entscheide der Vorstand, wer in die Gremien geholt werde, ohne dass es ein geregeltes Verfahren gebe. „Gleich und Gleich gesellt sich gern. Viele Männer kommen zum Teil gar nicht auf die Idee, nach Frauen Ausschau zu halten.“

Foderung: 40-Prozent-Quote in Entscheidungsgremien

Frauen gelangen jedoch leichter in Entscheidungsgremien, wenn sie sich z.B. berufspolitisch in Verbänden engagieren. So seien z.B. im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) Repräsentanten vertreten, die von ihren Verbänden geschickt werden. Es liege dann am Verband, ob er eine Frau oder einen Mann in das Gremium entsende.

Als vorbildlich betrachtet Rapp-Engels hier die Landesärztekammer Schleswig-Holstein: Sie habe seit 1996 die Frauenförderung in ihren Statuten verankert und den Frauenanteil der weiblichen Delegierten seither durch eine Frauenquote von 21 auf 40% gesteigert.

 
Viele Männer empfinden dies (die 40-Prozent-Quote in Entscheidungs- gremien) als eine unglaubliche Provokation. Dr. Regine Rapp-Engels
 

Um den Anteil von Frauen in Führungspositonen zu erhöhen, unterstützt der Ärtzinnenbund die Aktion pro Quote Medizin. Dies impliziere auch eine 40%-Quote der Repräsentanz in Entscheidungsgremien. „Viele Männer empfinden dies als eine unglaubliche Provokation.“ Mit Verweis auf die „Feminisierung der Medizin“ werde schon nach einer Männerquote gerufen.

Für Rapp-Engels ist die „Feminisierung“ jedoch eher ein Kampfbegriff. 2015 betrage der Anteil an Medizinerinnen 46%, bis 2023 steigt er voraussichtlich auf 51%. Dann erst handle es sich um eine Normalverteilung, betont sie. Von einem Einbruch in die Männerdomäne Medizin könne nach wie vor nicht die Rede sein: Unterrepräsentiert sind Frauen immer noch in den Leitungsfunktionen. So gebe es nur 11% Professorinnen, bei W3/W4-Professorinnen seien es knapp 6% und nur 11% leitende Krankenhausärztinnen.

Gesucht: Mentorinnen und Mitstreiterinnen

Ärztinnen, die sich engagieren wollen, empfiehlt Rapp-Engels sich eine Mentorin oder einen Mentor zu suchen. So verfüge der Deutsche Ärztinnenbund über ein Mentorinnen-Netzwerk. Hilfreich sei es auch im Gremium selbst eine Person als Mitstreiter zu haben, der man die Bälle zuspielen kann, um etwas zu erreichen.

Verbände und alle Gremien der Selbstverwaltung sollten spezielle Schulungskurse für Ärztinnen anbieten, einschließlich Mentorenprogramme, um mehr Frauen für die Selbtsverwaltung zu gewinnen, fordert der Ärztinnenbund.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....