Ungeliebte Zwangsverpflichtung: Angehende Ärzte müssen im praktischen Jahr künftig zu Niedergelassenen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

28. Juli 2015

Ambulant vor stationär – dieser Grundsatz soll künftig auch im Praktischen Jahr zur Devise werden. Die Studierenden sollen beim Niedergelassenen sitzen, statt wie bisher in einem Fach ihrer Wahl in Kliniken ausgebildet zu werden. Stärken soll der neue Vorschlag vor allem die Allgemeinmedizin. Die Hoffnung ist, dass die jungen Mediziner in der Praxis auf den Geschmack kommen. Ob das klappen könnte, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Dr. Dirk Heinrich

Neu ist das Vorhaben nicht: „Schon vor mehreren Jahren hat der NAV-Virchow-Bund begonnen, für einen verpflichtenden ambulanten Abschnitt im Praktischen Jahr zu werben“, erklärt Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes auf Nachfrage von Medscape Deutschland. In ihrem Positionspapier wirbt die Deutsche Gesellschaft für Allgemein-und Familienmedizin (DEGAM) dafür, das PJ nicht mehr in Tertiale sondern in Quartale aufzuteilen. Damit hätten Studierenden die Möglichkeit in 4 Fachrichtungen hineinzuschnuppern: Innere Medizin und Chirurgie wie gehabt, dazu ein Wahlfach und eben die Allgemeinmedizin. Ein PJ-Quartal in einer allgemeinmedizinischen Lehrpraxis verbessere die Ausbildungsqualität, wirbt die DEGAM.

Ein „wie immer gearteter Zwang“ werde nicht funktionieren, warnt dagegen Doron Benjamin Stein, Sprecher der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V (bvmd). „Ein Pflichtquartal halten wir für nicht zweckmäßig und nicht zielführend“, betont er auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Das ist eine Pattsituation: Die Verbände wünschen sich das Pflichtquartal, die Studierenden sind nicht begeistert.

Pflichtquartal: Wie soll es gehen?

Sind die Pläne zu ambulanten Pflichtabschnitten im PJ überhaupt praxistauglich? Das will der Hartmannbund wissen und hatte deshalb seine Mitglieder aufgerufen, sich an einer Umfrage zu beteiligen, so Dörthe Arnold, stellvertretende Pressesprecherin im Referat Medizinstudium beim Hartmannbund, die die Umfrage konzipiert hat. 4 Wochen wurden Hausärzte und Fachärzte befragt, unter welchen Voraussetzungen sie sich ein Pflichtquartal in der ambulanten Versorgung vorstellen könnten.

Wie Arnold erklärt, geht es in der Umfrage darum, entsprechende Voraussetzungen zu erfragen. Etwa: Sind bei den Haus- und Fachärzten überhaupt die Kapazitäten vorhanden, um jedem PJ-Studierenden ein Quartal in der ambulanten Versorgung zu ermöglichen? Gibt es eine ausreichende Zahl akkreditierter akademischer Lehrpraxen? Und wenn nicht, wie viele Haus- und Fachärzte würden sich bereit erklären, akademische Lehrpraxis zu werden? Wie hoch müsste die finanzielle Unterstützung für die niedergelassenen Ärzte sein, um neben der ärztlichen Tätigkeit auszubilden? Und wären überhaupt die infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben, um die PJ-Studierenden entsprechend zu betreuen?

Der Hartmannbund will die Ergebnisse der Umfrage zur Grundlage für die weitere Positionierung und berufspolitische Arbeit machen. In einigen Wochen sollen die Ergebnisse vorliegen, so Arnold.

Eine Stärkung der ambulanten Versorgung hält Arnold für sinnvoll, spricht sich aber für eine Wahlfreiheit aus: „Wir halten es für besser, den Medizinstudierenden freizustellen, wo sie ihren Pflichtabschnitt ableisten wollen – ob in der Praxis eines Allgemeinmedizin oder bei niedergelassenen Fachärzten.“

Ärztekammerpräsident Prof. Dr. Frank Ullrich Montgomery hatte ein Pflichtpraktikum in einem Interview mit der Zeit im vergangenen Sommer vorgeschlagen. „So könnte man zum Beispiel die Bedeutung der Allgemeinmedizin im Studium stärken, indem man alle Studenten verpflichtet, einen Teil ihrer Praxisausbildung bei einem Allgemeinmediziner zu verbringen, so wie sie eine Pflichtstation in der Inneren Medizin und der Chirurgie absolvieren müssen“, erklärt Montgomery.

Die Medizinstudierenden waren davon alles andere als begeistert: Ein verlängertes Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin und Pflichtfamulatur in der hausärztlichen Versorgung böten bereits jetzt jedem Studierenden umfangreiche Einblicke in das Fach, betonten Christian Kraef, vormals Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), Theodor Uden, Vorsitzender im Ausschuss Medizinstudierende im Hartmannbund, und Stefanie Weber, Vorsitzende im Sprecherrat Medizinstudierende im Marburger Bund, in einem offenen Brief an die BÄK.

„Da diese Maßnahmen erst vor kurzem beschlossen wurden, sollten die Wirkungen zunächst abgewartet und evaluiert werden“, schlagen sie vor. Auch in ihrem Konzeptpapier sprechen sich die Bundesvertreter der Medizinstudierenden gegen einen weiteren Pflichtabschnitt, insbesondere in der Allgemeinmedizin aus.

Nachwuchs sollte nicht nur universitäre Medizin erleben

 
Nur wer den Alltag in der Arztpraxis erlebt hat, weiß die Nähe zu den Menschen sowie die Flexibilität der Selbstständigkeit zu schätzen. Dr. Dirk Heinrich
 

„Die Kenntnis der hausärztlichen Versorgungsebene ist für alle angehenden Ärztinnen und Ärzte ein Gewinn. Auch diejenigen, die später als Psychiater oder Chirurg tätig werden, verstehen auf diese Weise die Bedingungen, Chancen und Grenzen hausärztlicher Tätigkeit besser“, schreiben Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Präsident der DEGAM, und Prof. Dr. Wilhelm Niebling, Vorsitzender der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin, GHA im Positionspapier der DEGAM.

Heinrich weist darauf hin, dass der Anteil der Behandlungen, die nur noch ambulant erbracht werden, seit Jahren steigt. „Zwingende Voraussetzung für diese begrüßenswerte Entwicklung ist allerdings, dass der ärztliche Nachwuchs bereits früh mit dem Thema Arztpraxis in Berührung kommt und nicht nur universitäre Medizin erlebt. Hier besteht sowohl bei der Ausbildung als auch bei der Weiterbildung erheblicher Nachholbedarf“, so der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes und fährt fort: „Der persönliche Eindruck, den die jungen Mediziner beim Praktikum in einer Arztpraxis gewinnen, ist von großer Bedeutung bei der späteren Entscheidung zwischen Klinik und Praxis. Nur wer den Alltag in der Arztpraxis erlebt hat, weiß die Nähe zu den Menschen sowie die Flexibilität der Selbstständigkeit zu schätzen.“

Allgemeinmedizin muss gestärkt werden – aber anders

 
Es ist wichtig, dass das Fach in der Lehre qualitative Verbesserungen erfährt, beispielsweise durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an allen medizinischen Fakultäten. Doron Benjamin Stein
 

Dass die Allgemeinmedizin gestärkt werden muss, steht auch für die Studierenden außer Frage: „Diese geplante Stärkung unterstützen wir, nicht zuletzt durch unsere Projekte wie ‚Land-in-Sicht‘. Es ist wichtig, dass das Fach in der Lehre qualitative Verbesserungen erfährt, beispielsweise durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an allen medizinischen Fakultäten“, betont Stein.

Ob ein Pflichtquartal eher abschrecke, sei schwierig zu beantworten. Stein sieht die Problematik eines Pflichtquartals eher darin begründet, dass dies die Orientierungsmöglichkeit im Praktischen Jahr noch weiter einschränke. „Innere Medizin, Chirurgie – käme dann noch ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin hinzu, dann bleibt nicht mehr viel zu wählen übrig“, gibt er zu bedenken.

Das PJ sei nicht zuletzt die finale und wichtigste Möglichkeit für Medizinstudierende, sich nach einer geeigneten Facharztweiterbildung umzusehen. Zudem würden dadurch bereits bestehende Personalengpässe in anderen Fachdisziplinen verstärkt. Besser als ein verordnetes Pflichtquartal seien ideelle oder finanzielle Anreize im Sinne optimierter Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen in bestimmten ländlichen Regionen. Die bvmd ist in die Beratungen zur Reform eingebunden und hofft, dort mit ihren Argumenten zu überzeugen.

 

Kommentar

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