Der lange Schatten des Schlaganfalls: Kognitiver Leistungsabfall ist danach dauerhaft beschleunigt

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

27. Juli 2015

Nicht nur unmittelbar nach einem akuten Schlaganfall verschlechtern sich die kognitiven Leistungen, sondern sie sinken auch in den Jahren danach weiterhin schneller als bei Gesunden. Zu diesem Schluss kommt jetzt eine prospektive amerikanische Kohortenstudie, die im Journal der American Medical Association (JAMA) veröffentlich wurde [1]. Sie konnte erstmals auf Daten von Patienten vor und nach einem Schlaganfall zurückgreifen und hat diese auch mit der entsprechenden Entwicklung der kognitiven Leistungen bei Gesunden verglichen.

 
Die hier gewonnenen Erkenntnisse sind neu und stehen im Gegensatz zu bisherigen Studien. Dr. Philip B Gorelick und Dr. David Nyenhuis
 

„Die Stärke dieser Studie liegt ganz sicher in der großen Anzahl der Teilnehmer, die es erstmals ermöglicht hat, die kognitiven Funktionen von Schlaganfallpatienten mit ihren eigenen vorherigen Leistungen in Beziehung zu setzen“, kommentieren Dr. Philip B Gorelick und Dr. David Nyenhuis, beide Mercy Health Hauenstein Neurosciences, Grand Rapids, USA, in ihrem Editorial in derselben Ausgabe von JAMA [2]. „Die hier gewonnenen Erkenntnisse sind neu und stehen im Gegensatz zu bisherigen Studien, die allerdings auf keine ‚prestroke‘-Daten zurückgreifen konnten.“

Ob das Vorgehen in der Studie allerdings dem komplexen Krankheitsbild gerecht werden kann, scheint Prof. Dr. Christian Weimar, stellvertretender Direktor der Universitätsklinik für Neurologie in Essen, durchaus fraglich: „Die kognitiven Auswirkungen eines akuten Schlaganfalls sind individuell sehr unterschiedlich und daher kaum generalisierbar bzw. sinnvoll quantifizierbar. Es bleibt in dieser Publikation auch unklar, wie schwer betroffene Teilnehmer mit Schlaganfall telefonisch nachuntersucht werden konnten und wie mit aphasischen Patienten umgegangen wurde.“

Mehr als 23.000 Studienteilnehmer

 
Die kognitiven Auswirkungen eines akuten Schlaganfalls sind individuell sehr unterschiedlich und daher kaum generalisierbar bzw. sinnvoll quantifizierbar. Prof. Dr. Christian Weimar
 

Insgesamt 23.572 Teilnehmer im Alter von mindestens 45 Jahren und ohne anfängliche Beeinträchtigung der kognitiven Leistungen wurden von der Autorengruppe um Dr. Deborah A. Levine von der Universitätsklinik Michigan Medical School in Ann Arbor, USA, in den Jahren von 2003 bis 2007 im Rahmen der Studie Reasons for Geographic and Racial Differences in Stroke (REGARDS) akquiriert und über 6 Jahre bis 2013 kontinuierlich beobachtet.

In diesem Zeitraum erlitten 515 Teilnehmer einen Schlaganfall. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich um einen ischämischen Schlaganfall (470). Deren kognitive Funktionen wurden über die Zeit verfolgt und mit den individuellen Leistungen vor dem Schlaganfall vergleichen. Die Daten der restlichen 23.057 Teilnehmer, die in der Beobachtungszeit keinen Schlaganfall erlitten, dienten als Kontrolle .

Kontinuierliche Überprüfung der kognitiven Leistungen

Nach der medizinischen Eingangsuntersuchung dokumentierten speziell geschulte REGARDS-Mitarbeiter die kognitiven Leistungen der Teilnehmer per telefonischer Befragung im Intervall von 6 Monaten. Die Leistungen erfassten sie dabei mithilfe des Six-Item-Screener (SIS) mit jeweils 3 Fragen zum Erinnerungs- und zum zeitlichen Orientierungsvermögen.

Zusätzlich führten die Forscher mit den Teilnehmern 3 validierte Tests aus der Alzheimerdiagnostik durch: das Wiederholen („Lernen“) einer Liste von Wörtern (Word List Learning, WLL), das Erinnern an diese Wörter (Word List Delayed Recall, WLD) und die Nennung möglichst vieler Tierarten innerhalb einer Minute (Animal Fluency Test, AFT). Die 515 Schlaganfallpatienten wurden medizinisch als solche diagnostiziert und betreut. Ihre kognitiven Funktionen wurden aber auch auf die gleiche Weise getestet wie die der Vergleichsgruppe.

Kognitive Leistung: Sechs Jahre nach Schlaganfall über zehn Prozent niedriger

Die statistische Analyse der Ergebnisse zeigte, dass durch einen Schlaganfall der SIS-Score akut um 0,1 von 6 Punkten sank, sich aber auch in der Folgezeit um 0,06 Punkte pro Jahr weiter verschlechterte. Die Ergebnisse des AFT, die die exekutiven Fähigkeiten der Patienten widerspiegeln, sanken durch das akute Ereignis nicht, verschlechterten sich aber ebenfalls in der Folgezeit um 0,63 Punkte pro Jahr.

Daraus errechneten die Autoren beispielhaft für eine 70-jährige Patientin mit mittleren Werten in allen medizinischen und soziodemografischen Parametern, dass durch einen Schlaganfall eine Abnahme der kognitiven Leistungen um 4,0% nach 3 Jahren und um 12,4% nach 6 Jahren zu erwarten ist. Sie kommen zu dem Schluss, dass sich durch einen Schlaganfall die kognitiven Fähigkeiten nicht nur akut verringern, sondern auch in den Folgejahren kontinuierlich beschleunigt absinken.

Die Fähigkeiten, Wörter zu erlernen und sie im Gedächtnis zu behalten (WLL-und WLD-Test), sank dagegen direkt nach einem Schlaganfall relativ stark, verschlechterte sich in den Folgejahren allerdings nicht weiter gegenüber den gesunden Teilnehmern.

Weimar überzeugen diese Folgerungen nicht. „Die klassischen Risikofaktoren für Demenz und Schlaganfall sind sehr ähnlich“, gibt er zu bedenken. Dass auch nach Korrektur für diese Risikofaktoren bei Schlaganfallpatienten langfristig ein kognitiver Abbau messbar gewesen sei, könne daher an den Folgen das Schlaganfalls wie z.B. sozialer Rückzug, körperliche Behinderung oder Heimunterbringung liegen oder durch weitere nicht berücksichtige Risikofaktoren bedingt sein. „Die Publikation beschränkt sich somit zwangsläufig auf die Korrelation zwischen akuten cerebrovaskulären Ereignissen und kognitivem Abbau, ohne die Hintergründe hierfür darzustellen“, so Weimar.

Studienergebnisse zur Aufklärung von Schlaganfall-Gefährdeten nutzbar

Solche Zweifel lassen die Studienautoren durchaus gelten. Sie räumen auch ein, dass über die medizinischen Hintergründe der Schlaganfälle zu wenig bekannt war, um aus den Ergebnissen Rückschlüsse zur Therapie und Prävention der Schlaganfälle abzuleiten. Weiterhin sei unklar, ob die Ergebnisse nicht durch das Auftreten von unerkannten „stillen“ Schlaganfällen verfälscht sein könnten.

Dennoch halten sie es für wichtig, diese neuen Ergebnisse zur Aufklärung von Schlaganfall-gefährdeten Personen, etwa solchen mit bekannten vaskulären Risiken, zu nutzen. „Eine Verschlechterung der kognitiven Funktion um auch nur 0,2 Punkte im SIS, der einer Standardabweichung von 0,5 vom Anfangswert entspricht, ist bereits klinisch bedeutsam. Das sollten wir den Schlaganfall-gefährdeten Personen klarmachen, um sie zu einer risikominimierenden Lebensweise mit mehr Bewegung, Gewichtsabnahme und entsprechenden weiteren Maßnahmen zu motivieren“, resümiert Levine in der Diskussion.

Die Kommentatoren gehen sogar soweit, über ein Screening kognitiver Fähigkeiten nach einem Schlaganfall nachzudenken, um den Verfall rechtzeitig zu erkennen und angehen zu können.

 

REFERENZEN:

1. Levine DA, et al: JAMA 2015;314(1):41-51

2. Gorelick PB, et al: JAMA 2015;314(1):29-30

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....