Lieber Yak essen? Nobelpreisträger zur Hausen sieht halbgares Rindfleisch als Hort von Krebserregern

Michael Simm

Interessenkonflikte

22. Juli 2015

Prof. Dr. Harald zur Hausen

Lindau – Der deutsche Nobelpreisträger Prof. Dr. Harald zur Hausen befürchtet, dass mit dem Genuss von Milch und Rindfleisch infektiöse Erreger aufgenommen werden könnten, die das Risiko erhöhen, an Darmkrebs und anderen Tumoren zu erkranken. Diese Hypothese, die zur Hausen bereits im letzten Jahr formulierte (wie Medscape Deutschland berichtete), untermauerte der Mediziner kürzlich auf dem Treffen der Nobelpreisträger in Lindau mit weiteren Hinweisen auf neue epidemiologische Studien und eigene molekularbiologische Untersuchungen [1].

Es wäre nicht das erste Mal, dass zur Hausen Erreger findet, die Krebs hervorrufen: Er hat nämlich das Konzept, dass Viren überhaupt als Auslöser für Krebs in Frage kommen – also onkogen sind – hoffähig gemacht. Im Jahr 2008 erhielt zur Hausen die höchste wissenschaftliche Auszeichnung für den Nachweis, dass menschliche Papillomaviren Gebärmutterhalskrebs hervorrufen – zusammen mit den Entdeckern des HI-Virus Francoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier.

Die Vermutung, dass dies keine seltenen Ausnahmen sind, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als richtig erwiesen. Inzwischen geht der Mediziner davon aus, dass 21% aller Krebserkrankungen auf infektiöse Erreger zurückgehen und somit größtenteils auch vermeidbar wären. Etwa zwei Drittel der mit Krebs zusammenhängenden Infektionen würden durch Viren ausgelöst, ein Drittel durch Bakterien.

„Über das Risiko von Milchkuh-Serum und Milchfaktoren für Brust- und Darmkrebs“ lautete die Überschrift zum Vortrag zur Hausens, der zunächst die auffällige Korrelation zwischen dem Konsum von Rindfleisch und der weltweiten Häufigkeit von Darmkrebs schilderte.

Indien: Weniger Darmkrebs, weil weniger verseuchtes Rindfleisch gegessen wird?

Indien, wo Kühe von der hinduistischen Bevölkerung als heilige Tiere verehrt und nicht gegessen werden, hat eine der niedrigsten Darmkrebsraten weltweit. Deutlich höher sind die Raten an Dickdarmkrebs jedoch in der Provinz Kerala – dort leben viele Christen und Muslime – sowie in 2 Regionen im Norden mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Chinesen. Die Inzidenz an Darmkrebs steigt auch in Japan und Korea – mutmaßlich mit der zunehmenden Verbreitung einer westlichen Esskultur.

Unbestritten ist, dass die Häufigkeit von Dickdarmkrebs mit dem Konsum roten Fleisches korreliert, erinnerte zur Hausen. Dies hätten mehr als 100 Studien gezeigt. Die meisten Wissenschaftler gehen allerdings davon aus, dass dieser Zusammenhang nicht etwa durch infektiöse Agenzien zu erklären wäre, sondern durch schädliche Substanzen, die bei der Zubereitung freigesetzt werden, oder auf Inhaltsstoffe, welche die Blutgefäße schädigen.

Zur Hausen argumentiert dagegen, dass die gleichen Substanzen, die beim Braten oder Grillen von Rindfleisch frei würden, auch bei Hähnchen oder Fisch entstünden. Der Konsum dieser Nahrungsmittel ist jedoch im Gegensatz zum Rindfleisch nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden.

Hammel, Ziege, Kamel? Rotes Fleisch ist nicht per se problematisch

Selbst rotes Fleisch per se scheint nicht mit dem Krebsrisiko zu korrelieren: So belegt die Mongolei beim Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung einen der Spitzenplätze weltweit. Trotzdem ist Darmkrebs dort extrem selten, wie zur Hausen berichtet. Man isst Hammel und Ziegen, Pferde, Kamele und Yaks – es gibt in diesem Land aber kaum Rinder europäischer Abstammung.

Mehrere Studien belegen ein Art-spezifisches Risiko für Darmkrebs nach dem Konsum von Fleisch aus Tieren, die von dem eurasischen Auerochsen Bos taurus abstammen, fasste zur Hausen zusammen [2]. Auch das Brustkrebsrisiko ist demnach erhöht, und zwar insbesondere dann, wenn in jungem Alter viele Milchprodukte aufgenommen wurden.

Erst kürzlich haben schwedische Epidemiologen eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse im Einklang mit zur Hausens Hypothese stehen: Unter 22.788 Individuen mit einer Laktose-Intoleranz war das Risiko, an Lungen-, Brust- und Ovarialkarzinomen zu erkranken, gegenüber der Allgemeinbevölkerung signifikant geringer. Die standardisierten Inzidenzraten betrugen 0,55 (Lunge), 0,79 (Brust) und 0,61 (Eierstöcke).

Zusätzlich konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Krebsrate bei den Eltern und Geschwistern der Laktose-Intoleranten dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprach. „Dies legt nahe, dass der protektive Effekt gegen diese Krebsarten mit dem spezifischen Ernährungsmuster zusammen hängen könnte“, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler.

Erste Spuren: Virus-ähnliche DNA in Rindfleisch

Glaubt man zur Hausens Hypothese, so müssten die potenziellen Krebserreger nicht nur eine Kerntemperatur von 40 bis 60 Grad überleben können, wie sie im Inneren von medium gebratenem Rindfleisch herrscht, sie müssten auch spezifisch sein für die im Westen zur Fleischproduktion genutzten Rinderrassen.

Die Suche nach möglichen Kandidaten hat bereits erste Treffer erbracht. Mit seinen Kollegen konnte zur Hausen bereits im Vorjahr mittels Genomanalysen die Isolierung von 11 zirkulären DNA-Molekülen aus dem Serum und der Milch von Kühen nachweisen, die teilweise auch im Gewebe von Patienten mit Multipler Sklerose vorhanden waren. Anhand der Gensequenz konnten diese Isolate als nahe Verwandte von Sphinx 1.76 identifiziert werden, einem Agens, das wiederum mit der übertragbaren spongiformen Enzephalopathie assoziiert ist.

Auch Myco-Virus-ähnliche Gensequenzen konnte zur Hausen bereits aus Milch und Rinderserum isolieren. Ein Großteil der Isolate wurde nach Transfektion in menschliche Zellen abgelesen und in die entsprechenden Proteine übersetzt.

Ob die gefundenen Agenzien tatsächlich an der Genese von Krebserkrankungen beteiligt sein könnten, ist mit diesen Experimenten freilich noch nicht erwiesen. Für sich selbst hat zur Hausen jedoch bereits Konsequenzen gezogen. Er verzichtet auf Spezialitäten aus rohem Rindfleisch wie Carpaccio und würde ein medium gebratenes Steak im Restaurant zurückweisen.

 

REFERENZEN:

1. 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung, 28. Juni bis 3. Juli 2015, Lindau

2. zur Hausen H, et al: Int J Cancer 2015;137(4):959-967

 

 

Kommentar

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