Wie Prävention von Herzinsuffizienz funktioniert: Gesunder Lebensstil halbiert das Risiko – nur Ernährung bleibt ohne Einfluss

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

21. Juli 2015

Ältere Menschen können ihr Herzinsuffizienz-Risiko halbieren, wenn sie nicht rauchen, schnell gehen, körperlich aktiv sind, Übergewicht vermeiden und Alkohol in geringen Mengen zu sich nehmen. Das zeigte die US-amerikanische Cardiovascular Health Study – eine Beobachtungsstudie, die die Auswirkung von Lebensstilfaktoren auf das Herzinsuffizienz-Risiko bei 4.500 Patienten prospektiv untersuchte [1].

Ein weiteres und unerwartetes Ergebnis war, dass die Ernährungsmuster der Teilnehmer nicht mit dem Herz- insuffizienz-Risiko zusammenhingen. Dr. Liana Del Gobbo und Kollegen

„Ein weiteres und unerwartetes Ergebnis war, dass die Ernährungsmuster der Teilnehmer nicht mit dem Herzinsuffizienz-Risiko zusammenhingen“, berichten die Autoren um Dr. Liana Del Gobbo von der Friedman School of Nutrition, Science and Policy an der Tufts University in Boston, USA, im Journal of the American College of Cardiology: Heart Failure. Das heißt: Keine der 4 untersuchten herzgesunden Diäten konnte das Herzinsuffizienz-Risiko substanziell senken. Diese 4 Diäten waren: Alternative Healthy Eating Index, Dietary Approaches to Stop Hypertension (DASH), eine Ernährungsempfehlung der American Heart Association sowie ein biologisches Ernährungsmuster, das auf bisherigen Kenntnissen über kardiovaskuläre Risikofaktoren basiert.

„Ernährung spielt geringere Rolle“

Prof. Dr. Helmut Gohlke

„Wenn man körperlich aktiv ist, nicht raucht und starkes Übergewicht vermeidet, verliert die Ernährung etwas an Bedeutung, weil diese drei Faktoren bereits eine sehr günstige Wirkung haben“, kommentiert Prof. Dr. Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Leiter der Projektgruppe Prävention der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Ein vierter Faktor habe in dem Fall nur noch eine geringe zusätzliche Bedeutung. „Wenn man starkes Übergewicht vermeidet, spielt das Essen eine weniger bedeutsame Rolle“, sagt der Präventionsexperte. „Wer schlank ist und keinen Bluthochdruck hat, muss keinen besonderen Wert auf die Ernährung legen.“

Dennoch, sagt Gohlke, zeigen Beobachtungsstudien an 570.000 Personen, dass die mediterrane Kost einen günstigen Einfluss auf kardiovaskuläre Ereignisse und auch auf das Krebsrisiko hat. In der spanischen PREDIMED-Studie etwa zeigte die Mittelmeerdiät bei Risikopatienten eine substanzielle Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse (wie Medscape Deutschland berichtete). In der Cardiovascular Health Study, sagt Gohlke, sei die Anzahl der Personen „für ein solches relativ seltenes Ereignis wohl doch etwas gering gewesen“, um Auswirkungen der Ernährung zu demonstrieren.

Ganggeschwindigkeit von mindestens drei Stundenkilometern herzgesund

Die Autorengruppe hat 4.490 Männer und Frauen über einen Zeitraum von 21,5 Jahren beobachtet. Die Teilnehmer waren 65 Jahre und älter (Durchschnittsalter: 72 Jahre) und hatten zu Studienbeginn keine Anzeichen für eine Herzinsuffizienz. Im Studienzeitraum traten 1.380 Fälle von Herzinsuffizienz auf. Diese stellten die Forscher in Beziehung zu verschiedenen Lebensstilfaktoren der Teilnehmer: 4 Ernährungsmuster (s.o.) und 4 Faktoren körperlicher Aktivität (Übungsintensität, Ganggeschwindigkeit, Kalorienverbrauch bei Freizeitaktivitäten und Gehstrecke) sowie Rauchen, Alkoholkonsum und Body-Mass-Index (BMI).

Wer schlank ist und keinen Bluthochdruck hat, muss keinen besonderen Wert auf die Ernährung legen. Prof. Dr. Helmut Gohlke

Die Autoren haben herausgefunden, dass diejenigen mit einer Ganggeschwindigkeit von mindestens 3 km/h ein niedrigeres Herzinsuffizienz-Risiko aufwiesen. Ebenfalls positiv wirkten sich Freizeitaktivitäten mit einem Kalorienverbrauch von mehr als 845 Kalorien/Woche auf das Herzinsuffizienz-Risiko aus, sowie Nichtrauchen, moderater Alkoholkonsum (nicht mehr als 1 bis 2 Drinks pro Tag) und das Vermeiden von Übergewicht.

Diejenigen, die sich an 4 oder mehr dieser günstigen Faktoren hielten, konnten ihr Risiko im Vergleich zu denjenigen, die nur einen oder gar keinen der Faktoren erreichten, um 50% senken, betonen die Autoren.

„Es ist ermutigend, dass ältere Menschen ihr Herzinsuffizienz-Risiko durch solch einfache Änderungen ihres Lebensstils senken können“, sagt Del Gobbo. „Man sollte diesen Empfehlungen folgen, die nicht sehr überraschend sind, sondern den allgemeinen Empfehlungen zur Primärprävention entsprechen“, rät auch Gohlke. Die Deutsche Herzstiftung, sagt er, biete etwa einen Schrittzähler an, mit dem man seine körperlichen Aktivitäten „messen, kontrollieren und langsam bis zu einem optimalen Wert steigern kann.“

Ganzes Paket „gesunder Lebensstil“

Es ging, sagt Gohlke, nicht um einen einzelnen Faktor, sondern um das ganze Paket „gesunder Lebensstil“. Der Kardiologe erläutert: „Über das Rauchen brauchen wir erst gar nicht zu reden. Regelmäßige, moderate körperliche Aktivität erhöht die Fitness, verbessert die allgemeine Lebensqualität, vermindert das Herzinsuffizienzrisiko, das Krebsrisiko, das Demenz-Risiko und verlängert das Leben.“ Bei älteren Personen sei nicht wirklich Sport gefragt, sondern Bewegung wie tägliches Spazierengehen von etwa 30 Minuten.

Regelmäßiger geringer Alkoholkonsum könne ein Indikator für ein allgemein gutes Gesundheitsbewusstsein und gehobenen Sozialstatus sein, was ebenfalls mit einem geringeren Risiko einhergehe. Die Studienautoren führen zudem die Verbesserung der Endothelfunktion sowie die Erhöhung des atrialen natriuretischen Peptids an. Jedoch bezeichnen sie eine Empfehlung zum Alkoholkonsum zur Prävention von Herzinsuffizienz als „verfrüht“.  

Bei den Teilnehmern, die keinem der untersuchten Ernährungsmuster folgten, ergaben sich keine negativen Auswirkungen auf das Herzinsuffizienz-Risiko. In 2 schwedischen Studien ging das Einhalten der DASH-Diät mit einer 22%igen bzw. 37%igen Reduktion des Herzinsuffizienz-Risikos einher.

Jedoch fanden Del Gobbo und ihre Kollegen in einer Sekundäranalyse einzelner Ernährungskomponenten, dass stark erhöhter Salzkonsum im Vergleich zu niedrigem Konsum mit einem um 19% erhöhten Herzinsuffizienz-Risiko einherging. Immerhin sei gezeigt worden, dass der Kochsalzkonsum mit einem erhöhten Risiko korreliert sei, kommentiert Gohlke: „Es ist bekannt, dass hoher Kochsalzkonsum mit einem erhöhten Blutdruck einhergeht, was das Herzinsuffizienz-Risiko erhöht.“

Präventionsgesetz kann Risiken durch bessere Beratung senken

Patienten speziell auf das Herzinsuffizienz-Risiko hinzuweisen, hält Gohlke für wenig sinnvoll. „Wir müssen bei den Patienten viel eher ansetzen, das heißt, Risikofaktoren für Hypertonie und Herzinfarkt früher in den Griff bekommen – die Herzinsuffizienz ist ja eine späte Folge dieser Erkrankungen“, sagt der langjährige Chefarztes der Kardiologie im Herz-Zentrum Bad Krozingen.

Dies ist eine willkommene Studie. Stellen Sie sich einmal die Bedeutung eines Medikaments vor, das das Herzinsuffizienz-Risiko um 50 Prozent senken kann! Dr. David Maron und Dr. Sharon Hunt

Auf erhöhte Risiken der Herzinsuffizienz sollten eher Politiker und Krankenversicherungen aufmerksam gemacht werden. „Die Prävalenz nimmt infolge der höheren Lebenserwartung zu, und die Behandlung ist sehr kostenintensiv“, betont Gohlke. Daher sei die Risikoberatung durch die Ärzte so wichtig und müsse auch entsprechend honoriert werden, was aktuell noch nicht der Fall sei. Dies könnte sich jedoch infolge des Präventionsgesetzes ändern, das am 18. Juni vom Bundestag verabschiedet wurde, wie Medscape Deutschland berichtete.  

Ähnlich argumentieren Dr. David Maron und Dr. Sharon Hunt von der Stanford University School of Medicine in Kalifornien, USA, in einem Editorial zur Cardiovascular Health Study: Veränderbare Risikofaktoren zur Prävention der Herzinsuffizienz zu identifizieren ist ein wichtiges öffentliches Gesundheitsziel, um die Krankheitslast und die Versorgungskosten zu reduzieren“, schreiben sie [2].

Obwohl viel für die Primärprävention der koronaren Herzkrankheit getan wurde, habe man der Primärprävention von Herzinsuffizienz wenig Beachtung geschenkt, kritisieren sie. „Daher ist dies eine willkommene Studie. Stellen Sie sich einmal die Bedeutung eines Medikaments vor, das das Herzinsuffizienz-Risiko um 50 Prozent senken kann!“ Sie fordern daher mehr Anstrengungen für deren Prävention, „insbesondere, weil einfache, kostengünstige Lebensstilveränderungen große Auswirkungen haben können.“

REFERENZEN:

1. Del Gobbo LC, et al: J Am Coll Cardiol HF 2015;3:520-528

2. Maron DJ, et al: J Am Coll Cardiol HF 2015;3:529-530

Kommentar

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