Prostatakarzinom: Mit Statinen plus Hormondeprivation zehn Monate länger progressionsfrei

Dr. Sabine Wimmer-Kleikamp

Interessenkonflikte

7. Juli 2015

Statine als Mittel gegen Prostatakrebs? So verblüffend dies zunächst klingt: Wenn Patienten mit einem Prostatakarzinom zu Beginn einer Androgendeprivationstherapie (ADT) auch noch Statine erhalten, verlängerte sich das progressionsfreie Intervall um durchschnittlich 10 Monate. Dieses Ergebnis einer retrospektiven Studie ist unlängst in JAMA Oncology publiziert worden [1].

 
Die Resultate weisen darauf hin, dass Statine möglicherweise einen Einfluss auf die Tumorprogression bei Patienten mit hormonsensitivem Prostatakarzinom haben. Prof. Dr. Jürgen Gschwend
 

„Dies ist eine interessante Studie, die zusätzliche Informationen zu einer weit diskutierten Fragestellung liefert“, kommentiert Prof. Dr. Jürgen Gschwend, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München gegenüber Medscape Deutschland. „Die Resultate weisen darauf hin, dass Statine möglicherweise einen Einfluss auf die Tumorprogression bei Patienten mit hormonsensitivem Prostatakarzinom haben“, erklärt Gschwend, aber gibt zu bedenken: „Um eine Empfehlung für Patienten machen zu können, ist jedoch eine prospektive randomisierte Studie notwendig.“

Cholesterin: Ein Vorläufer von Sexualhormonen

Statine werden zwar primär zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt, u.a. um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren. Früheren Studien zufolge ist aber unter der Einnahme von Statinen auch die Wahrscheinlichkeit an Prostatakrebs zu erkranken sowie die diesbezügliche Sterblichkeit erniedrigt. Zu diesem Ergebnis kamen eine 2012 und eine 2013 veröffentlichte Studie. Der genaue Mechanismus, insbesondere die Wirkung der Statine im Zusammenhang mit einer Hormontherapie, war jedoch bis dato noch unerforscht.

Wissenschaftler vermuten, dass mehrere Mechanismen bei der Antitumorwirkung der Statine zusammenspielen und auf die Signalübertragung und den Stoffwechsel innerhalb der Zellen einwirken. Gschwend erklärt den Hintergrund: „Statine greifen in den Fettstoffwechsel ein, indem sie die Cholesterinsynthese in der Leber reduzieren. Da Cholesterin ein Vorläufer von Sexualhormonen ist, wurde immer vermutet, dass Statine durch diesen Mechanismus auch die Dynamik beim Prostatakarzinom beeinflussen.“

Statine hemmen ein Transportprotein für Sexualhormone

Das Autorenteam um Prof. Dr. Philip Kantoff vom Dana-Farber Cancer Institute im US-amerikanischen Boston untersuchte einen neuen biologischen Wirkmechanismus der Statine. Die Forscher zeigten zuerst in Zellkulturversuchen, dass die Fettsenker ein Transportprotein an der Zellmembran mit der Bezeichnung SLCO2B1 durch kompetitive Hemmung blockieren.

Der Transporter schleust normalerweise u.a. Sexualhormone und den Testosteron-Vorläufer Dehydroepiandrosteronsulfat (DHEAS) in die Zelle ein. Statine hemmten die DHEAS-Aufnahme in die Prostatakrebszellen in vitro. „Die intrazelluläre Androgenkonzentration ist daher wahrscheinlich geringer, wenn ein Patient Statine einnimmt als ohne Statine“, sagt Gschwend und fügt hinzu: „Die Tumorzelle bekommt trotz der ADT kleine Mengen von Testosteron.“

926 Patienten auf Hormontherapie untersucht

Die Wissenschaftler untersuchten daraufhin retrospektiv bei 926 ADT-Patienten darauf, ob Statine einen Einfluss auf ein fortgeschrittenes Prostatakarzinom haben. 31% der Patienten (283) nahmen bereits zu Beginn der Hormontherapie Statine ein.

Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 5,8 Jahren kam es bei 644 Patienten (70%) zur Tumorprogression nach durchschnittlich 20,3 Monaten. Die Patienten, die Statinen einnahmen, hatten einen deutlichen Vorteil: Ihre progressionsfreie Überlebenszeit war signifikant um durchschnittlich 10 Monate länger und betrug 27,5 Monate im Vergleich zu nur 17,4 Monaten bei Patienten ohne Statin- Behandlung.

Die positive Ergebnis für Patienten unter Statinen während einer Hormontherapie für ein Rezidiv des Prostatakarzinoms beobachteten die Wissenschaftler sowohl bei Patienten mit als auch bei Patienten ohne Metastasen.

Kompetitiver Hemmmechanismus bei ADT-Patienten ausgeprägter ?

 
Es ist denkbar, dass Statine die Zeit bis zum Eintreten der Hormonresistenz verzögern, indem sie DHEAS davon abhalten, in die Zellen zu gelangen. Prof. Dr. Philip Kantoff
 

Die Hormontherapie hemmt das Wachstum bösartiger Prostatazellen, indem sie die Verfügbarkeit von Androgenen und damit die Transduktionswege des Androgenrezeptors unterdrückt. Ein fortgeschrittenes Prostatakarzinom, das unter ADT ein erneutes Wachstum aufweist, gilt als hormonresistent.

„Es ist denkbar, dass Statine die Zeit bis zum Eintreten der Hormonresistenz verzögern, indem sie DHEAS davon abhalten, in die Zellen zu gelangen“, vermuten die Autoren.

„Patienten, die keine ADT bekommen, haben natürlich wesentlich mehr Testosteron sowie andere Androgene im Blut“, erklärt Gschwend. Möglicherweise spiele daher der kompetitive Hemmmechanismus ohne ADT nicht ganz so eine große Rolle, während er bei ADT-Patienten wahrscheinlich ausgeprägter sei, vermutet der er.

Mehr als zehn prospektive Studien wollen den Effekt verfifizieren

„Interessanterweise haben Medikamente gegen Stoffwechselstörungen und manche Nahrungsergänzungsbestandteile möglicherweise einen Einfluss auf die Progression des Prostatakarzinoms. Ob wirklich ein Effekt da ist, müssen kontrollierte Studien überprüfen“, betont auch Gschwend.

Erst dann habe man wirklich eine Maßgabe, Patienten diese zusätzliche Behandlung zu empfehlen. Patienten mit Prostatakarzinom leiden häufig zusätzlich unter einem metabolischen Syndrom, z.B. Typ-2-Diabetes  oder einer Störung des Fettstoffwechsels. Es wäre daher nach Ansicht Gschwends sinnvoll und attraktiv, wenn die Behandlung des einen Leidens gleich das andere mitbehandelt.

Gschwend warnt jedoch zur Vorsicht und berichtet: „Bei manchen vielversprechenden Substanzen hat sich sogar das Gegenteil bewahrheitet. Ein Beispiel ist Selen, es wurde inzwischen nachgewiesen, dass eine hohe Selenzufuhr sich negativ auf das Prostatakarzinom auswirkt “, berichtet Gschwend.

„Die Autoren haben eine interessante Analyse durchgeführt, indem sie In-vitro-Daten mit einer retrospektiven Studie verknüpften. Dies stellt einen guten Rahmen für eine künftige Evaluierung dar“, schreiben Dr. Jorge Ramos und Dr. Evan Yu von der University of Washington School of Medicineim US-amerikanischen Seattle in einem begleitenden Editorial [2].

Mehr als 10 prospektive Studien sind bereits im Gange oder in Planung, um die Rolle der Statine als mögliche Krebstherapie weiter zu charakterisieren, berichten Kantoff und seine Kollegen.

 

REFERENZEN:

1. Harshman L, et al: JAMA Oncol. (online) 7. Mai 2015

2. Ramos J and Yu E: JAMA Oncol. (online) 7. Mai 2015

 

Kommentar

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