„Melken“ der Nabelschnur ist für Frühchen nach Kaiserschnitt der bessere Start ins Leben

Petra Plaum

Interessenkonflikte

8. Juli 2015

PD Dr. Heike Rabe

Sollte nach jedem Kaiserschnitt die Nabelschnur 4-mal in Richtung Baby ausgestrichen und erst danach abgeklemmt werden? Vor allem sehr unreife Frühgeborene könnten davon profitieren, legt eine gerade im Journal Pediatrics publizierte Studie von Dr. Anup C. Katheria vom Neonatal Research Institute in San Diego und seinen Kollegen nahe. 75 frühgeborene Säuglinge, denen dieses so genannte Umbilical Cord Milking (UCM) zuteil wurde, zeigten unter anderem eine verbesserte Durchblutung, höhere Hämoglobinwerte und einen stabileren Blutdruck – verglichen mit 79 Säuglingen, deren Nabelschnur ohne Ausstreichen, dafür verzögert abgeklemmt wurde [1].

„Das ist eine sehr schöne Studie“, kommentiert PD Dr. Heike Rabe, Senior Clinical Lecturer der Brighton & Sussex Medical School in Großbritannien, im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Einige Arbeiten hatten schon gezeigt, dass nach Sectiones nicht immer genug Blut von der Plazenta zum Kind gelangt, wenn man die Nabelschnur einfach nur auspulsieren lässt.“

Schuld daran seien unter anderem die fehlenden Kontraktionen des Uterus und eine geringere Hormonausschüttung nach dem Kaiserschnitt. „Das Umbilical Cord Milking kann das ausgleichen“, betont Rabe. Seit vielen Jahren forscht die Neonatologin zu UCM und verzögertem Abnabeln, eine ihrer Studien bildete eine Grundlage für Katherias neue Arbeit.

Christiane Schwarz

Weniger enthusiastisch sehen es die Hebammen und argwöhnen sogar, es ginge nur um Zeitersparnis. Christiane Schwarz von der AG Hebammenwissenschaft der Medizinischen Hochschule Hannover findet die Kernaussagen der neuen Studie „potenziell problematisch“. Es müsse verhindert werden, dass in den Kreißsälen das bewährte verzögerte Abnabeln durch das Ausstreichen verdrängt werde – auch ohne weitere Indikationen, einzig und allein, um Zeit zu sparen.

Zum in der Arbeit beschriebenen UCM brauchte es nämlich lediglich 20 Sekunden, bis zum Abklemmen der Nabelschnur der Kontrollgruppe vergingen hingegen durchschnittlich 42 Sekunden. Gegenüber Medscape Deutschland merkt Schwarz an: „Die Studie zeigt lediglich moderate Vorteile des Umbilical Cord Milking im Vergleich zum verzögerten Abnabeln und hat auch noch zu viele Störfaktoren.“

Welche Nachteile vermeidet das Austreichen der Nabelschnur?

Die Babys wurden randomisiert den beiden Studienarmen zugeteilt. In der UCM-Gruppe wurde die Nabelschnur binnen 20 Sekunden 4-mal in Richtung Baby ausgestrichen. In der Kontrollgruppe sollte die Nabelschnur mindestens 45 Sekunden lang auspulsieren, bevor sie abgeklemmt wurde, doch in einigen Fällen schritten die Geburtshelfer weit vorher ein.

Die Kollektive der Frühgeborenen waren in vielen Parametern vergleichbar, allerdings haben die Neugeborenen in der UCM-Gruppe im Durchschnitt 123 Gramm mehr gewogen (1.255 g vs 1.132 g). „Bei so unreifen Frühgeborenen ist dieser Unterschied nicht zu vernachlässigen“, merkt Schwarz kritisch an.

Da sehr viel weniger Gehirnblutungen als erwartet aufgetreten waren – 5 bei den UCM-Kindern, 10 in der Kontrollgruppe –, konnten im gegebenen Zeitraum keine signifikanten Unterschiede ermittelt werden. Allerdings legt eine Metaanalyse vom Januar dieses Jahres nahe, dass das Ausstreichen der Nabelschnur das Risiko für Hirnblutungen verringert.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie lauten daher: Neugeborene, die dem UCM unterzogen wurden, hatten direkt nach der Geburt einen höheren Hämoglobinwert (16,3 ± 2,4 g/dl vs 15,6 ± 2,2 g/dl). Sie gaben mehr Urin ab (4,42 ml/kg Urin vs 3,99 ml/kg) und hatten bessere Blutdruckwerte (Flussvolumen Vena cava superior in den ersten 12 Stunden 93 ml/kg vs 81 ml/kg/min). Der Output des rechten Ventrikels lag in der UCM-Gruppe ebenfalls höher (261 ± 80 ml/kg/min vs 216 ± 73 ml/kg/min). In der UCM-Gruppe starben 2 Babys, in der Kontrollgruppe 6, aber ein kausaler Zusammenhang konnte nicht hergestellt werden.

Ist der Trend zum UCM die Antwort auf die besseren Ergebnisse?

Schwarz und Rabe berichten, dass das Ausstreichen der Nabelschnur zunehmend verbreitet ist, auch in Deutschland. Hinweise auf eine Gefährdung von Kindern – etwa durch unerfahrene Geburtshelfer – gebe es nicht. Rabe verweist auf Tierstudien, denen zufolge das Ausstreichen das Blut vor allem in Richtung Lunge fließen lässt, deren Entfaltung fördert und somit den ganzen Organismus stärkt. Die aktuellen Ergebnisse würden dies nur bestätigen.

Wer kann sagen, ob wir durch das Ausstreichen nicht etwas reparieren, was wir durch Uterotonika erst kaputt gemacht haben? Christiane Schwarz

Gerade für den Fall des Kaiserschnitts von Frühchen seien die Ergebnisse für die Geburtshelfer sehr hilfreich, ergänzt Rabe: „Zuwarten ist nach einem Kaiserschnitt immer schwierig. Das Team ist groß, wir müssen alles steril halten, oft herrscht Platzmangel und auch die Nabelschnur muss lang genug sein, damit Mutter und Kind direkt beieinander behandelt werden können.“ Da sei es von Vorteil zu wissen, dass das Ausstreichen das Baby stabilisiert – und man das Neugeborene trotzdem rasch abnabeln und an anderer Stelle weiterbehandeln kann.

Diesen Punkt sieht Schwarz kritisch: „Natürlich ist es für die Neonatologen belastend, unter den Augen von Gynäkologen am engen OP-Tisch behandeln zu müssen“, merkt sie an. Für die Neugeborenen sei dies aber die beste Lösung. Inzwischen gibt es zudem so genannte Life Support Trolleys – sterile, erwärmbare Mini-Tische speziell für behandlungsbedürftige Neugeborene, die an die OP-Tische der Mütter angedockt werden können.

Auch für reif Geborene wünschenswert?

Umbilical Cord Milking sollte nicht länger als experimentell betrachtet werden. Dr. Anup C. Katheria

Schwarz fordert: Weitere Studien sollten wirklich gleiche Bedingungen in beiden Gruppen schaffen, etwa das Geburtsgewicht der Teilnehmer und die Untersuchungsmethoden in allen Studienkliniken betreffend. Auch müssten die Ergebnisse um Störfaktoren wie den Einsatz von Uterotonika bereinigt werden. „Wer kann sagen, ob wir durch das Ausstreichen nicht etwas reparieren, was wir durch Uterotonika erst kaputt gemacht haben?“, gibt Schwarz zu bedenken.

Die Studienautoren möchten hingegen bereits jetzt die Anwendung ausweiten: „Umbilical Cord Milking sollte nicht länger als experimentell betrachtet werden“, schlussfolgern sie. „Es ist eine bewährte Intervention, die sicherstellt, dass Frühgeborene eine adäquate plazentale Transfusion bei der Geburt bekommen.“

Auch bei reif geborenen Kindern und auch ohne Kaiserschnitt könnte das Umbilical Cord Milking Vorteile haben. PD Dr. Heike Rabe

Rabe gibt dem Verfahren sogar für größere Kollektive eine Zukunft: „Auch bei reif geborenen Kindern und auch ohne Kaiserschnitt könnte das Umbilical Cord Milking Vorteile haben“, schätzt sie. Darauf weisen Studienergebnisse aus Indien hin. „Die Mütter hatten Eisenspeichermangel, die Kinder nach UCM nicht“, berichtet die Neonatologin. Gute Eisenspeicher sind vor allem in Ländern wichtig, in denen es an Hygiene mangelt, in denen Infektionen häufig und gute Behandlungen schwer zugänglich sind.

Zu überprüfen bleibe noch, ob UCM mit 5- oder 6-fachem Ausstreichen weitere Vorteile bringt oder ob die Kombination aus Ausstreichen und verzögertem Abnabeln die Ergebnisse optimieren könne.

REFERENZEN:

1. Katheria AC, et al: Pediatrics 2015;136(1):61-69

2. Soll RF, et al: Pediatrics 2015;136(1):177-179

Kommentar

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