MEINUNG

Schlafstörungen als Komorbidität: Neueste Erkenntnisse zur Pathophysiologie

Sabine Ohlenbusch

Interessenkonflikte

6. Juli 2015

Prof. Dr. Geert Mayer

Berlin – Wie verheerend Schlafstörungen in Kombination mit anderen Erkrankungen sind, erklärte Prof. Dr. Geert Mayer auf dem ersten Kongress der European Academy of Neurology in Berlin. Er ist Schlafspezialist, insbesondere für Narkolepsie, andere Parasomnien und schlafbezogene Atmungsstörungen, und leitet das Schlafzentrum der Hephata-Klinik im hessischen Schwalmstadt. Medscape sprach mit ihm über die neueste Forschung und die kommenden Leitlinien.

Medscape Deutschland: Was ist bei der Differenzialdiagnostik von Schlafstörungen aus Ihrer Sicht wichtig?

Prof. Dr. Mayer: Unerholsamer Schlaf steht laut WHO auf Platz zwei der weltweit wichtigsten komorbiden Störungen, nach neurologischen Störungen, aber vor schwerer Depression. Die Verbreitung und Bedeutung ist also immens groß.

 
Gerade neurologische Krankheitsbilder kommen mit verschiedensten Parasomnien, Insomnie oder Hypersomnie parallel und vermischt vor.
 

Die meisten Fälle bekomme ich wegen Insomnie überwiesen, bei der die Hausärzte ratlos sind. Viele können sich das Leiden ihrer Patienten durch eine chronische Insomnie nicht vorstellen, das nach 20 bis 30 Jahren unerholsamen Schlaf entsteht. Außerdem brauchen die Gespräche mit den Kranken viel Zeit, die im Praxisalltag fehlt.

Gerade bei einigen Medikamenten und komorbiden psychischen Problemen schaue ich genauer hin. Sie können den Patienten den Schlaf rauben, die Beschwerden können sich aber auch stark durch besseren Schlaf vermindern. Gerade neurologische Krankheitsbilder kommen mit verschiedensten Parasomnien, Insomnie oder Hypersomnie parallel und vermischt vor. Bei Formen der Epilepsie, Kopfschmerzen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz passiert viel im Schlaf, was noch nicht erforscht ist.

Medscape Deutschland: Woran wird denn gerade geforscht?

Prof. Dr. Mayer: Es gibt zwei wichtige Studien aus dem letzten Jahr. Die erste von Ooms et al. zeigte, dass Schlafentzug beim Menschen die Konzentration von neurotoxischem Beta-Amyloid (Aβ) und Tau-Proteinen in der Zerebrospinalflüssigkeit erhöht. Diese Peptide bilden die senilen Plaques, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Ein erhöhter Wert von gelöstem Tau eignet sich als biochemischer Marker für die Krankheit. Die zweite Arbeit von Lucey zeigte, dass der Aβ-Wert tagsüber steigt und nachts sinkt, also an einen zirkadianen Rhythmus gebunden ist. Das heißt, wenn ich nachts weniger schlafe, lagert sich mehr Aβ ab.

Seit dem Jahr 2013 ist außerdem bekannt, dass im Schlaf die Neuronen schrumpfen und der Liquor die schädlichen Ablagerungen wegspülen kann. Diese Forschung bezieht sich noch auf das Mausmodell, aber ich denke, viele kennen das Phänomen, wenn dieser „Brain-Dishwasher“ durch Schlafentzug nicht richtig funktioniert, zum Beispiel beim Jetlag nach Überseereisen.

Medscape Deutschland: Was könnte dieses Modell für die Diagnostik leisten?

 
Wenn grundsätzlich immer nach Ein- oder Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit und Somnambulismus gefragt würde, könnte die Diagnostik enorm vorangetrieben werden.
 

Prof. Dr. Mayer: Es könnte unsere Beobachtungen erklären, dass viele kognitive Prozesse sich durch Schlaf bessern. Es wird Zeit, dass die Neurologie diese Dinge berücksichtigt, wo immer sich kognitive Störungen zeigen. Wenn grundsätzlich immer nach Ein- oder Durchschlafstörungen, Tagesmüdigkeit und Somnambulismus gefragt würde, könnte die Diagnostik enorm vorangetrieben werden. Zusammenhänge mit Medikamenten und Grunderkrankungen würden so schnell überprüft.

Medscape Deutschland: Die Leitlinien zum unerholsamen Schlaf werden gerade überarbeitet. Wo finden sich entscheidende Neuerungen und wird dies Konsequenzen für die Diagnostik haben?

Prof. Dr. Mayer: Wir überarbeiten gerade die Leitlinien zur Schlafapnoe, die dieses Jahr eingereicht werden. Danach folgen die Insomnie und die weiteren Kapitel, wo es die meisten Änderungen geben wird. Vor allem ambulante Behandlungsmethoden, über die nun erst breitere Erfahrungen vorliegen, wie Aufbissschienen und bestimmte HNO-Operationen werden eine größere Rolle spielen. Alle Patienten sollen möglichst ambulant behandelt werden, egal wie speziell die Diagnostik ist. Das ist aber nicht immer möglich.

Medscape Deutschland: Was sind Ihre Ansätze für die Therapie der Insomnie als häufigste Schlafstörung?

Prof. Dr. Mayer: Die Auslöser für Insomnie liegen sehr häufig in der Psyche. Hier müsste der Einzelne vor allem sein Verhalten ändern, aber gerade bei Komorbidität ist das schwierig. Der rational denkende Mensch beginnt darüber nachzudenken und tut dann etwas. Dazu gehören aber höchstens 20 bis 25 %.

Wenn Patienten nicht zu Verhaltenstherapien bereit sind, verschreibe ich Medikamente. Wie alle chronischen Krankheiten bringt Insomnie die Menschen in Dauerabhängigkeit von Medikamenten. Diese Kranken sind aber nicht süchtig im eigentlichen Sinne.

Wir alle kennen Konflikte, die uns nicht schlafen lassen, und die leicht chronisch werden. Insomnie ist einfach quälend und erfordert viel Disziplin. Hier muss man therapeutisch handeln, auf die eine oder andere Weise. Jeder für sich muss auf seinen Schlaf Acht geben. Guter, ausreichender Schlaf erhöht die Lebenszufriedenheit und auch die somatische Gesundheit.

Medscape Deutschland: Vielen Dank für das Gespräch.

 

REFERENZEN:

1. Ooms S et al: JAMA Neurol. 2014.

2. Lucey BP et al: Neurobiol. Aging 2014

3. Xie L et al: Science. 2013

4. Kongress der European Academy of Neurology, 20. – 23. Mai 2015, Berlin, Prof. Dr. Geert Mayer

 

Kommentar

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